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Migranten an EU-Außengrenze

Wie kommen so viele Migranten nach Belarus? Neue Route führt offenbar über die Türkei

Polnische Polizisten und Grenzschützer stehen am Stacheldraht, während sich Migranten aus dem Nahen Osten und anderen Ländern auf den Weg machen an der belorussisch-polnischen Grenze in der Nähe von Grodno Grodno, Belarus. Zwei größere Gruppen von Flüchtlingen haben auf ihrem erhofften Weg in die EU einem polnischen Medienbericht zufolge die Grenze von Belarus nach Polen durchbrochen. Mehreren Dutzend Migranten sei es gelungen, Zäune in der Nähe der Dörfer Krynki und Bia·owie·a zu zerstören und die Grenze zu passieren.
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Einer Untersuchung nach führt die Route von Migranten zur polnischen Grenzen über die Türkei.

Wie gelangen Migranten an die EU-Außengrenze zwischen Polen und Belarus? Eine ARD-Bericht zeigt: offenbar führt der Weg nach Europa über die Türkei.

Istanbul/München - Tausende Geflüchtete sitzen in diesen Tagen an der polnisch-belarussischen Grenze fest. In der Hoffnung, die EU zu erreichen, haben sie teils sogar Grenzbefestigungen eingerissen. Polnische Sicherheitskräfte stellen sich entgegen - und behalten bis auf wenige Ausnahmen derzeit die Oberhand.

Doch wie kommt es, dass Tausende Migranten nach Belarus* gelangen und von dort schließlich in Richtung polnische Grenze laufen? Die neue Route erstreckt sich vom Nordirak nach Belarus - und führt dabei über die Türkei*, wie eine Untersuchung der Sendung „Report München“ der ARD.

Belarus-Flüchtlingsroute: Erster Schritt ist der Besuch im Reisebüro

Bei einem überwiegenden Teil der Migranten vor der östlichen Tür der EU* handelt es sich allem Anschein nach um irakische Kurden aus dem nördlichen Teil des Landes. Dort soll die Reise mit einer ersten Kontaktaufnahme in einem Reisebüro beginnen.

Das Reisebüro „Top Travel“ liegt im Herzen der nordirakischen Hauptstadt Erbil und fungiert für viele Migranten als Ausgangspunkt der Reise nach Europa. Täglich würden ihn fünf Menschen für eine Reise nach Belarus kontaktieren, gibt „Top Travel“-Inhaber Ahkam Özet gegenüber Report München an. Zusammen mit weiteren Kollegen komme man auf 20 „Kunden“ am Tag erklärt er.

Zudem treten die meisten dieser Menschen den Weg nach Belarus nicht alleine, sondern mit ihren Familien an. Gesamtbilanz: Wöchentlich 500 bis 700 Reisende. Die Flugroute führt sie jedoch nicht direkt nach Belarus, denn auf Druck der EU wurden diese Flüge eingestellt, weshalb nun eine Zwischenstation eingebaut wurde - die Türkei.

Belarus-Reise von Geflüchteten führt über die Türkei

Die Route über die Türkei wird von flüchtenden Menschen bevorzugt. So auch von einem jungen Mann, der das Reisebüro betritt. Sein Ziel ist Deutschland - so wie für die meisten Migranten an der polnischen Grenze. Er habe gehört, der Weg über das Nachbarland sei „günstig und gut“. So wie es scheint, kostet das Vorhaben jedoch trotzdem einiges an Geld. Wer eine Reise antreten will, muss offenbar tief in die Tasche greifen.

Um die Reise überhaupt finanzieren zu können würden viele junge Iraker ihren Besitz verkaufen, berichtet Report München. Die Kosten belaufen sich dem TV-Magazin zufolge auf 1000 Euro für den Flug und den Zwischenaufenthalt in Istanbul. Später soll noch für ein Visum und - nicht zu vergessen - Schlepper gezahlt werden.

Der junge Mann im Reisebüro rechnet mit Kosten zwischen 3000 und 4000 Euro, ist aber bereit, dieses Geld aufzubringen: „Falls es einen Weg gibt und die Schlepper vertrauenswürdig sind, will ich unbedingt nach Deutschland.“

Belarus-Flüchtlingsroute: Nächster Halt, Istanbul

Neben Armut, Krieg und Gewalt seien die wirtschaftliche Lage und die hohe Arbeitslosigkeit die Hauptgründe, warum junge Iraker fliehen, behauptet Aydin Maruf Selim, Staatsminister der nordirakischen Verwaltung: „Deshalb wollen so viele junge Menschen aus dem Irak und der gesamten Region ins Ausland.“

Angekommen in Istanbul, besorgen belarussische Mittelsmänner aus der Auslandsvertretung Visa für die Migranten, um die Weiterreise zu ermöglichen. Als nächstes kommt die staatliche Fluggesellschaft von Belarus ins Spiel. Am Schalter von Belavia ist in dem ARD-Bericht zu sehen, wie zwei Männer eine größere Migrantengruppe bis hin zur Passkontrolle begleiten. Danach fliegen sie zur belarussischen Hauptstadt Minsk, wobei es inzwischen vier Direktflüge am Tag von Istanbul nach Minsk gibt. Gerüchte, dass sie Migranten gezielt nach Belarus schleust, dementierte die türkische Fluggesellschaft Turkish Airlines zuvor.

Belarussisch-türkische Kooperation alarmiert Berlin

Der Besuch des belarussischen Machthabers Alexander Lukaschenko in der türkischen Hauptstadt Ankara im April 2019 alarmierte Berlin. Lukaschenko und sein türkischer Amtskollege Recep Tayyip Erdogan beschlossen damals eine „intensive Zusammenarbeit“.

Das Bundesinnenministerium ist der Ansicht, dass die Flüchtlingsroute über die Türkei vom belarussischen Machthaber Lukaschenko als Druckmittel gegen die EU benutzt wird. Doch auch der türkische Präsident Erdogan soll die heikle Situation für seine Zwecke nutzen. Schon im März 2020 wurde Erdogan vorgeworfen, Flüchtlinge als Erpressung gegen die EU heranzuziehen. Er hatte damals öffentlich verkündet, die Grenzen geöffnet zu haben.

Stephan Mayer (CSU), Staatssekretär im Bundesinnenministerium sieht den türkischen Präsidenten in Verantwortung: „Ich bin der festen Überzeugung, es wäre richtig, Präsident Erdogan stärker in die Verpflichtung zu nehmen, die Flüge von Istanbul ausgehend nach Minsk deutlich zu reduzieren beziehungsweise ganz einzustellen.“

Belarussische Polizei unterstützt beim Grenzübergang

Den Weg nach Polen legen die Migranten mit Hilfe der belarussischen Polizei zurück. „Ein Polizist hat mein kleines Kind getragen, und sie haben uns den Weg nach Polen gezeigt. Sie haben uns gesagt, dass wir langsam in diese Richtung laufen sollen, ohne die Taschenlampen anzumachen, weil uns sonst die polnische Polizei erwischt“, erzählte der Iraker Sabbah Abdoulghaffar, der es nach Deutschland geschafft hat.

Der Marsch soll sie schließlich an die deutsch-polnische Grenze bringen: Frankfurt/Oder. Um illegale Migration zu verhindern ist die Bundespolizei in der brandenburgischen Stadt dauerhaft im Einsatz. „Wir haben hier eine Migration auf sehr hohem Niveau“, sagt Jens Schobranski von der Bundespolizei gegenüber Report München. Eine Entspannung der Situation sieht er nicht nahen. (bb) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA