Prof. Rainer Richter im Interview über die psychologische Behandlung im Internet

Prof. Rainer Richter: „Allenfalls Brücke zum Therapeuten“

Prof. Rainer Richter ist Präsident der Deutschen Bundestherapeutenkammer. Er wurde am 3. Februar 1947 in Detmold geboren. Nach seinem Studium der Psychologie an der Uni Göttingen promovierte und habilitierte er. Richter ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Über potenzielle Gefahren und Möglichkeiten des Besuchs auf der digitalen Couch haben wir mit Prof. Dr. Rainer Richter, dem Präsidenten der Bundestherapeutenkammer, gesprochen.

Herr Prof. Richter, wird Psychotherapie künftig im Internet stattfinden?

Rainer Richter: Mit Sicherheit nicht, jedenfalls nicht im Regelfall. Die persönliche Beziehung zwischen Patient und Therapeut ist wichtig, damit eine Psychotherapie wirkt. Das Gespräch ist daher durch das Internet nicht zu ersetzen. Eine Psychotherapie im Internet kann allenfalls bei bestimmten psychischen Störungen eine Ergänzung sein.

Was bedeutet es, wenn die Interaktion zwischen Therapeut und Patient wegfällt?

Richter: Um in der Psychotherapie die seelische Verfassung eines Patienten beurteilen zu können, ist es wichtig, seine Stimmlage zu hören, seine Mimik und Gestik zu sehen. Im direkten Kontakt zwischen Therapeut und Patient drückt der Patient sein Grundmuster der Kontaktgestaltung mit anderen Menschen aus. Die meisten psychischen Erkrankungen äußern sich in Störungen der Beziehungen mit anderen Menschen.

Welche Gefahren sehen Sie?

Richter: Über das Internet kann sich der Psychotherapeut keinen persönlichen Eindruck vom Patienten machen. Damit ist eine fachlich zu verantwortende Diagnostik einer psychischen Erkrankung nicht möglich. Bei schweren psychischen Problemen ist dies besonders schwierig. Ein Therapeut kann über das Internet kaum verlässlich entscheiden, ob ein Patient selbstmordgefährdet ist. Außerdem wäre die Qualität einer Internetbehandlung schwierig zu beurteilen. Die Bezeichnung Psychotherapeut ist nicht ohne Grund gesetzlich geschützt. Auch im Internet sollte der Ratsuchende darauf achten, wer ihn da berät.

Kann Anonymität auch ein Vorteil sein?

Richter: Die erste Kontaktaufnahme über das Internet macht es manchen Menschen leichter, therapeutische Hilfe anzunehmen und über ihre Probleme zu sprechen.

Inwiefern wäre die Internettherapie eine Alternative zu herkömmlichen Therapieformen?

Richter: Internetpsychotherapie ist keine Alternative zur persönlichen Psychotherapie. Sie kann allenfalls eine Brücke zum Therapeuten sein für Menschen, die einen direkten Kontakt scheuen. Mit guten Gründen ist eine Internettherapie in Deutschland nach dem Berufsrecht der Psychotherapeuten nur in begründeten Ausnahmefällen und unter Beachtung besonderer Sorgfaltsplichten möglich.

Von Yvonne Albrecht

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