Die Enthüllungsplattform Wikileaks veröffentlicht Verschlusssachen - und löst so politische Skandale aus

Die geheimen Geheimnisverräter

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„Ich werde draufhalten...“: Dieses Video zeigt, wie US-Soldaten absichtlich Zivilisten im Irak töten. Die US-Armee wollte es unter Verschluss halten, um keine neue Debatte über den Irak-Einsatz zu entfachen. Eine anonyme Quelle machte es über Wikileaks publik. Demnächst will die Plattform 37 000 interne Emails der rechtsextremen NPD veröffentlichen. Was der Inhalt ist, sagte Wikileaks-Sprecher Daniel Schmitt noch nicht.

In jüngster Vergangenheit hat die Internetplattform Wikileaks mehrere politische Skandale ausgelöst, weil sie geheimes Material ins Netz stellte. Die 2006 von Dissidenten und Journalisten gegründete Plattform ist nach eigener Aussage unzensierbar und nimmt keine Spenden an.

"Alles klar, hahaha, ich werde draufhalten", funkte ein US-Soldat im Juli 2007, als er auf einer Straße in Bagdad über ein Dutzend Zivilisten aus der Luft erschoss. Unter den Opfern: zwei Fotografen der Nachrichtenagentur Reuters. Das US-Militär verzögerte die Herausgabe des Einsatzvideos und beharrte darauf, die Journalisten seien als „Kollateralschaden“ gestorben. Diese Version ist seit dem 5. April 2010 nicht mehr haltbar: Wikileaks veröffentlichte das Video.

Was macht Wikileaks und was will man erreichen?

Wikileaks - ein Projekt der gemeinnützigen Organisation Sunshine Press - wurde ins Leben gerufen, um Lücken („Leaks“) in der Information der Öffentlichkeit zu füllen. Es ist nicht mit Wikipedia verbandelt, doch der Name weist auf die gleiche Arbeitsweise hin: Menschen, die über so brisante, geheime oder zensierte Informationen verfügen, dass sie Skandale aufdecken könnten, können sie auf der Plattform publizieren.

Wie arbeitet die Plattform? Und wie kommt sie an das geheime Material?

Viel gibt das Netzwerk über sich nicht preis. Nur soviel: Die Server von Wikileaks sind über die ganze Welt verteilt. Das Kernteam umfasst die Wikileaks-Gründer (siehe unten) und drei Mitarbeiter. Dazu kommt ein Technikteam, das prüft, ob an den angebotenen Dateien manipuliert wurde, sowie 800 bis 1000 freie Mitarbeiter, die sie inhaltlich prüfen. Alle arbeiten ehrenamtlich.

Um brisante Dokumente zu publizieren, geht der Informant über die Homepage, drückt auf den Satz „Click here to make sure a secure submission“ - „Klicken Sie hier, um etwas sicher hochzuladen“.

Sicher heißt sicher: Bisher beißen sich Hacker am Verschlüsselungsmodus die Zähne aus. Dann wird das Dokument vom Kern-Team intensiv geprüft - und publiziert.

Welche Messlatte legt Wikileaks an das Material?

Der Inhalt der Information wird nicht bewertet, nur dessen Wichtigkeit für die Öffentlichkeit. Die Stromkostenrechnung ihres Nachbarn geht die Öffentlichkeit nichts an. Wird aber ein Bericht unter Verschluss gehalten, der beweist, dass Gift ins Meer gekippt wird, sieht das anders aus.

Wikileaks publiziert sogar interne Papiere der Bundeswehr und CIA. Warum nutzen die Informanten gerade diesen Weg?

Diejenigen, die politische Skandale veröffentlichen, müssen in vielen Ländern mit schlimmen Konsequenzen rechnen - das kann vom Verlust des Arbeitsplatzes bis zu zum Mord reichen. Wikileaks verbürgt sich für die absolute Anonymität seiner Quellen. Um das zu garantieren, arbeitet man mit Geheimdienstmethoden wie der mehrfachen Verschlüsselung. User können sich hinter IP-Adressen und falschen Namen verbergen. Selbst die Mitarbeiter der Plattform kennen die Quellen nicht.

Gibt es auch Kritik an der Enthüllungsarbeit?

Ja, vor allem in einem Punkt: Wikileaks muss ständig die Entscheidung treffen: Überwiegt an einer Information das öffentliche Interesse oder stehen Persönlichkeitsrechte Einzelner entgegen? Und: Kann eine Veröffentlichung Menschen in Lebensgefahr bringen? Kritiker sagen, die Plattform begründe diese Entscheidungen oft nicht ausreichend und verstecke sich hinter ihrer Neutralität. http://wikileaks.org

Von Tatjana Braun

Hintergrund: Diese Fälle erregten Aufsehen

Das Irak-Video war die wohl wichtigste, aber nicht einzige exklusive Geschichte:

• Wikileaks veröffentlichte im Dezember 2009 einen Feldjäger-Bericht zur Bombardierung eines Tanklasters in Afghanistan durch die Bundeswehr. Der Report widersprach der Darstellung der Bundesregierung vor allem in einem Punkt: dem Zeitpunkt, wann die Regierung vom Tod mehrerer Zivilisten informiert war. Die Kundus-Affäre mit der sich derzeit ein Untersuchungsausschuss im Bundestag beschäftigt, kam ins Rollen.

• Wikileaks publizierte vor dem Zusammenbruch des isländischen Bankensektors ein internes Dokument der Kaupthing-Bank. Es zeigte, dass Milliardenkredite ohne Sicherheiten an verschiedene Eigner vergeben wurden.

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