„Little Miss & Mister“

Fremde Kinderfotos gesammelt: Aufregung um Facebook-Seite

Rosenheim/Brüssel - Eltern haben schockiert reagiert, als sie auf einer Facebookseite Bilder ihrer Kinder fanden, die sie selbst gepostet hatten. Illegal ist das nicht. Die Macher verfolgen damit ein bestimmtes Ziel. 

Update 3.3.2017:

ie Facebookseite „Little Miss & Mister“ mit gesammelten Kinderfotos ist anscheinend gesperrt worden. Am Freitag war sie nicht mehr verfügbar. Nach Angaben eines Administrators war die Seite bereits am Donnerstagabend gelöscht worden, eine neu angelegte sei dann am Freitag aus dem Verkehr gezogen worden - ebenso alle damit im Zusammenhang stehenden Profile. Facebook selbst äußert sich generell nicht zu einzelnen Seiten und Profilen.

Meldung vom 2.3.2017:

Eine Facebookseite beunruhigt Eltern mit gesammelten Bildern von Kindern. Die Seite „Little Miss & Mister“ durchforstet Nutzerprofile nach öffentlich sichtbaren Kinderfotos und verbreitet diese. Seit Ende Dezember waren dort bis zu dieser Woche unzählige Fotos von Kindern zusammengekommen, darunter Bilder von Babys und Kleinkindern - zum Teil nahezu nackt, in der Badewanne, in Unterwäsche oder in Badebekleidung am Strand. Das Profilbild der Seite, die rund 660 Menschen abonniert hatten, zeigt ein Kind, das sich mit Lippenstift schminkt. Nachdem die Seite kurzzeitig nicht mehr zu erreichen war, hat sie nun einen Neustart hingelegt - mit am Donnerstag zunächst rund 35 Abonnenten.

„Auch ihr Kind kann der Star von morgen werden“, heißt es in den Informationen. Wer dahinter steckt, bleibt im Unklaren. Die Betreiber der Facebookseite geben sich den offensichtlich ironisch gemeinten Namen „SAsha TIschREin“, ein Buchstabenspiele mit dem Begriff „Satire“. Mails an die auf der ursprünglichen Seite angegebene belgische E-Mail-Adresse kommen als unzustellbar zurück, Anrufe bei einer angegebenen Nummer führen zu Personen, die anscheinend nichts mit der Seite zu tun haben.

Das wollen die Seitenbetreiber erreichen

Auf eine Anfrage via Facebook-Nachricht antwortet ein Administrator: „Viele FB Nutzer schmeißen ihre Informationen durchs www wie Konfetti. Genau das wollen wir aufzeigen. Besonders liegt uns der Schutz von Kinderbildern am Herzen. Das www ist voll von üblen Menschen, die diese Bilder für ihre Zwecke missbrauchen und dem wollen wir entgegen wirken.“ 

Warum sie nicht offenlegen, wer sie sind? „Wir schützen uns und unsere Familien. Mit den „Wutmuttis“ ist nicht zu Spaßen.“ Gleichzeitig schicken die Betreiber Screenshots von wüsten Beschimpfungen und Drohungen betroffener Eltern.

Die Seite hackt keine Profile, sie teilt lediglich die Bilder von Kindern, die für alle öffentlich sichtbar sind - und macht deutlich, wie man die Privatsphäre-Einstellungen ändern kann. 

Für einige Mütter ist es dennoch ein Schock, Bilder ihrer Kinder auf der Seite zu entdecken. „Es wurde ein Bild gepostet von meiner Tochter ohne mein Einverständnis ich möchte bitte das das Foto von ihr gelöscht wird denn wird es nicht getan fühle ich mich gezwungen es zur Anzeige bei der Polizei zu bringen“ (Fehler im Original), schrieb eine Facebook-Nutzerin noch auf der ersten Seite.

„Das Phänomen ist in unserem Fachdezernat Cybercrime bekannt“, sagt ein Sprecher des Bayerischen Landeskriminalamtes. Im Juni 2016 hatte ein ganz ähnlicher Fall in Bayern für Aufregung gesorgt. Im Oktober 2015 hatte die Polizei Hagen mit einer eindringlichen Warnung an alle Eltern, keine Kinderfotos für alle sichtbar zu posten, auf Facebook massenweise Klicks eingeheimst. „Eine Straftat lässt sich daraus nicht ableiten, da die Eltern in der Regel diese Bilder posten und entsprechend freigeben.“ Somit sei der Zugriff auf die jeweiligen Bilder erlaubt.

„Mich hat der Schlag getroffen“

Eine Mutter aus Rosenheim hat ein zehn Jahre altes Foto ihres Sohnes auf der Facebookseite entdeckt. Sie sei zunächst über einen Eintrag in einem Fan-Forum für eine Drogerie-Kette auf die Seite gestoßen, sagt sie der Deutschen Presse-Agentur. „Ich habe mir die Seite angeschaut und mich hat der Schlag getroffen. Da konnte ich nicht an mich halten, habe geschrieben, was ich davon halte - und so schnell konnte ich gar nicht gucken, da war ich selber Opfer.“ In Windeseile hatte jemand ein Bild ihres damals sechsjährigen Sohnes auf ihrer Seite gefunden und geteilt.

Auf der ursprünglichen Seite „Little Miss & Mister“ machten sich einige Nutzer über die aufgebrachten Mütter lustig - oder sprachen sogar Drohungen aus gegen diejenigen, die sich kritisch zu Wort meldeten - und die Leute auf deren Freundesliste (FL): „Wow (...) du hast aber viele öffentliche Freunde mit Kindern...“ Auch der Administrator schrieb einmal: „Ich hab grad voll keine Zeit dein Geschreibsel zu lesen. Muss deine FL durchforsten.“ Die Rosenheimerin hat inzwischen eine eigene Facebookseite für Betroffene gegründet und viele Nutzer darauf aufmerksam gemacht, dass Bilder von ihren Kindern von „Little Miss & Mister“ veröffentlicht werden.

Das sollten Eltern tun

Das Problem: Einträge, die bei Facebook öffentlich und nicht nur für Freunde sichtbar sind, können problemlos mit einem einzigen Klick immer weiter verbreitet werden. Im Zweifel merken das die Betroffenen nicht einmal. Eine Benachrichtigung gibt es nur beim ersten Teilen - danach nicht mehr. 

Facebook äußert sich nicht zum konkreten Fall, das Unternehmen weist stattdessen darauf hin, dass Nutzer mit den Privatsphäre-Einstellungen festlegen können, wer ihre Bilder sehen kann. Befinden sich die Einstellungen auf „öffentlich“, sind eben auch die Posts öffentlich. Eine Umstellung auf Sichtbarkeit nur für Freunde kann das Problem beheben. Außerdem können Betroffene Verletzungen von Persönlichkeitsrechten bei Facebook melden, wie das Unternehmen betont.

Die 33-Jährige aus Rosenheim glaubt nicht an ehrenhafte Motive und sagt über die Seite: „Das ist für mich eine perfide Masche, Bilder - da sind auch leicht bekleidete Kinder dabei - Pädophilen zugänglich zu machen.“ Und sie ist nicht die einzige mit diesem Verdacht. Die Seite sei „ein Sammelbecken für Bilder, die pädophilen Menschen gefallen“, meint eine Facebook-Nutzerin. „Pädokeule hatten wir heute auch erst 1000 mal..“, lautet darauf die schlichte Antwort des Administrators.

Der Cyberkriminologe Thomas-Gabriel Rüdiger von der Fachhochschule der Polizei des Landes Brandenburg sieht in dem Trend zum „Sharenting“, einem Kunstwort aus „share“ (teilen) und „parenting“ (Kindererziehung), die Wurzel des Übels. Wenn Eltern keine Bilder von ihren Kindern öffentlich machten, gäbe es auch eine solche Seite nicht. „Bilder von erkennbaren Kindern haben im Netz prinzipiell nichts verloren“, sagt Rüdiger. Die Polizei Hagen machte bereits im Jahr 2015 Schlagzeilen mit dem Aufruf „Hören Sie bitte auf, Fotos Ihrer Kinder für jedermann sichtbar bei Facebook und Co zu posten! - Auch Ihre Kinder haben eine Privatsphäre!“ Diesen Aufruf hat auch die Seite „Little Miss & Mister“ gepostet.

Einer US-Studie zufolge sind inzwischen 90 Prozent der Unter-Zwei-Jährigen schon im Netz präsent. Für Rüdiger ist dies eine Auswirkung des „digitalen Narzissmus“ der Eltern. „Viele zeigen diese Bilder ja nicht, weil sie damit ihren Kindern etwas Gutes tun möchten, sondern weil sie hoffen, mit den Bildern Anerkennung zum Beispiel in Form von Likes und Kommentaren zu bekommen.“ Sein Grundsatz: „Man sollte Bilder nur denen zur Verfügung stellen, denen man auch sein Kind anvertrauen würde. Und das trifft ja in den seltensten Fällen auf 300 Facebook- oder Instagramfreunde zu.

dpa

Rubriklistenbild: © dpa

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