Das Jawort auf dem Misthaufen

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Den Ablauf der Kemater Bettelhochzeit samt Vorstellung des Brautpaares (Mitte) verkündete mit raffinierten Sprüchen Hochzeitslader "Bäda Gschwoiner". Derzeit ist die illustre Hochzeitsgesellschaft auf Einladungstour unterwegs.

Bad Feilnbach - Von wegen der schönste Tag im Leben: Möglichst hässlich und kurios ist die Devise bei der Bettelhochzeit. Ein bayerischer Faschingsbrauch:

"Ja ich will" - für diesen Moment wird bei Hochzeitspaaren oft monatelang akribisch alles geplant. Der Hochzeitstag soll der schönste Tag im Leben werden. All das stellen aber seit Jahrzehnten in Bayern Bettelhochzeiten auf den Kopf. "Möglichst hässlich und kurios" ist die Devise. Die Braut ist ein relativ großer Mann und der Bräutigam ein ziemlich kleiner. Geheiratet wird auch alles andere als standesgemäß, nämlich auf einem Misthaufen.

Die Bettelhochzeit ist ein bayerischer Faschingsbrauch, der früher von Dienstboten und anderen einfacheren Leuten, die sich keinen Besuch der Faschingsbälle leisten konnten, gefeiert wurde. Jeder Besucher kann dabei eine Rolle, beispielsweise als Bürgermeister, Verwandter oder "Verflossener" einnehmen - je verrückter, desto besser. Zu einer vollständigen Bettelhochzeit gehören ein Hochzeitszug mit fantasievoll gestalteten Wagen, die Trauungszeremonie mit möglichst närrischen Ansprachen und die Hochzeitsfeier.

Mit eigener, schräger Musi halten die Kemater Einzug, um die frohe Botschaft der Hochzeit zu verkünden.

Die erste Bettelhochzeit in Kematen geht auf das Jahr 1908 zurück. Das illustre Spektakel findet dort nach einer längeren Pause, bedingt durch den Zweiten Weltkrieg und die Nachkriegsjahre, alle 25 Jahre statt. Ausrichter ist seit 1987 der Grama-Verein Kematen. In Bad Feilnbach und Umgebung gibt es rund 20 Vereine, die bereits an der etwas anderen, närrischen Hochzeit planen.

Am 5. Februar ist es heuer wieder in Kematen soweit. In den Bund der Ehe treten die auserwählte Schönheit "Stingoletta Schoaßtromme" (alias Franz Bernrieder), geborene "Zächankas vom Koal-Berg", und ihr Traumgatte "Andreotti Saufgurgl" (alias Andreas Bucher) vom Stamme "Schmoizriassl vom Jammertoi". Traualtar ist ein rein biologisch parfümierter Misthaufen am Fuße des "Monte Eckersberg".

Dem "wilden" Verhältnis der beiden Brautleute bereiten mit Schadenfreude ein jähes Ende der Standesbeamte "Isidor Rafzeichzamm" und der Hochzeitslader "Bäda Gschwoiner" vo da Roßboin-Ranch in Oberhofen. Als Ehrengäste werden "Anderl Schmoibrust" und seine Angetraute "Tschulieta", geborene "Hobangoaß", erwartet, die sich an gleicher Stelle vor 25 Jahren das Ja-Wort gaben.

Der großangelegte Hochzeitszug mit anschließender Trauung beginnt ab 11.11 Uhr. Die Aufstellung dazu erfolgt ab 10.10 Uhr am Parkplatz der Ponderosa-Ranch in Oberhofen. Nach dem "Ja-Wort" heißt es einrücken ins beheizte Zelt zum Mittagessen. Für die rechte Stimmung sorgt die Trachtenkapelle Dettendorf. Zutritt ist nur mit "Fuadakartn" (Mahlkarten) möglich. Diese sind zum Preis von "1800 Cent" in Au im Kaufhaus Stahl, in der Volksbank-Raiffeisenbank, bei der Sparkasse sowie bei Franz Bernrieder (www.grama-verein.de) erhältlich. Gäste und Zuschauer sind zum Mitfeiern willkommen. Der "Kuchewogndog" (Tag, an dem Krempel für den Hausgebrauch zusammengekarrt wird) mit Hochzeitsbaumaufstellen findet am 3. Februar ab 18 Uhr statt.

Derzeit sind bereits merkwürdige Gestalten, angeführt von einer standesgemäßen Fahne und begleitet von Blasmusiktönen, wie sie kaum eine Popband kennt, in der Kommune unterwegs. Bei Faschingsveranstaltungen sind sie auf Einladungstour zur Hochzeitsfeier. "Richtigkeit und Ordnung müssen sein", so Hochzeitslader "Bäda Gschwoina", der die beiden Grazien samt Verwandtschaft mit jenem leidgeprüften Silberhochzeiter Anderl Schmoibrust voran, den Vereinen vorstellt.

Damit das Brautpaar ordnungsgemäß verbandelt bleibt, dafür garantiert der Standesbeamte. Vorab wird, wie es sich für eine närrische Bauernhochzeit gehört, so Heimathistoriker Pedro Paparazzi aus einer Chronik der ersten Bettelhochzeit anno 1908 zitierend, ein Hochzeitsbaum mit Brimborium aufgestellt. Die Treue muss sich dann das Paar bis Faschingsdienstag, 21. Februar, halten. Darüber hinaus gilt es für den Hochzeiter, einen 25-jährigen Erholungsurlaub in einer am Chiemsee befindlichen ausbruchssicheren Reha-Klinik anzutreten.

Die Hochzeiterin, wenn die Gene laut Grama-Orakel zutreffen, dürfte sich zum Erhalt ihrer Schönheit in südlichere Gefilde abseits von Kultur und sittlicher Treue begeben.

Siliva Mischi/Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

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