Zynische Analyse mit scharfer Klinge

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Sigi Zimmerschied in Auers Kulturzelt.

Rosenheim (ovb) - Ein Fechtmeister setzt gezielte Stiche gegen seinen Gegner, täuscht mit Finten und tänzerischer Eleganz.

Manches Mal drischt er auch mit kräftigen Hieben auf sein Gegenüber ein, in Wirtshausszenen zum Beispiel.

So einen Fechtmeister mimte Sigi Zimmerschied, der "niederbayerische Kampfzwerg" (Zitat einer Zuschauerin), bei seinem Auftritt bei den Rosenheimer Kleinkunsttagen. Als Fechtmeister demonstrierte er, wie Schüler an der Schauspielschule unterrichtet werden, eine passende Symbolfigur für den Kabarettisten. Zimmerschied spielte eine Art "best of" aus verschiedenen Soloprogrammen seiner Karriere.

Typisch für die "Marke" Zimmerschied sind natürlich Szenen aus Passau, die nicht fehlen dürfen. Eine Begegnung beim Drucker verdeutlicht die "Schere im Kopf" in der Provinz - nicht umsonst wurde gerade im Passauer Scharfrichterhaus eine komplette Generation von Kabarettisten groß, darunter Bruno Jonas und Manfred Kempinger. Dann die Metaphysik und die Auseinandersetzung mit dem Allmächtigen. "Wenn ich g'wusst hätt, dass man da droben bloß mit fünf alten Männern Karten spieln kann, dann hätt ich mich net in die Luft gsprengt", räsoniert ein frisch eingetroffener Muslim im Himmel. Ein wichtiges Thema für Zimmerschied ist die Rolle der Kabarettisten und das eigene Selbstverständnis: Kabarett oder Comedy und für die Jungen ein wenig "mariobartheln", damit die auch was verstehen und die "Lachdichte" für die Quote im Fernsehen passt. Zimmerschieds zynische Analyse trifft mit scharfer Klinge mittenrein und deutet sogar nur an, was er vor Jahren in Aschaus "Eiskeller" über den frisch gebackenen Salvatorredner Jonas zum Besten gab.

Gesellschaftlich ins Grobe gehen seine Szenen zum "Klassentreffen", bei dem verschiedene Typen zusammenkommen. Mit minimalen Mitteln karikiert er seine Teilnehmer: Lateinlehrer, Wirtshaussäufer und die aus Berlin zurückgekehrte Skin-Frau, die früher Zöpfe trug und "so schön Geige spielte".

In der zweiten Hälfte baut er Filmszenen mit ein - es geht um die Gleichförmigkeit von Reihenhaussiedlungen und Normierung, die bis ins Schlafzimmer vordringt.

Zimmerschied zelebrierte seine einzelnen Szenen, die er mit eleganten Übergängen verknüpfte.

Mit kargster Bühnenausstattung, aber maximaler Schauspielkunst und Präsenz erzeugte er ein Höchstmaß an Erwartung und Spannung in Auers Kulturzelt.

Er demonstrierte eine Form von Kabarett, die weit vom Üblichen des politischen Kommentars abweicht, das Kabarett als eine flexible und eigenständige Kunstform - einmal mehr große Klasse.

Quelle: rosenheim24.de

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