Wenn Maisky den Bogen zückt

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Der Cellist Mischa Maisky gab ein Konzert im Atelier von Antje Tesche-Mentzen.

Hafendorf - Maria Callas hatte das spezielle Glucksen, wenn sie zwischen Bauch- und Kopfstimme wechselte, was das Publikum schier wahnsinnig machte - und natürlich ihre Bühnenpräsenz.

Auch bei Mischa Maisky toben die Konzertbesucher, bei ihm liegt das am reichen Vibrato und am breiten Strich, an den schmeichelnden Portamenti und dem kraftvoll-energischen Gestus. Der Starcellist aus Riga ist ein Hochvirtuose, und wenn er nur den Bogen zückt, sind viele schon aus dem Häuschen.

So war das auch, als Maisky im Rahmen des Opernfestivals Gut Immling im Hafendorfer Atelier von Antje Tesche-Mentzen gastierte. Dass er in diesem Raum konzertierte, der 150 Plätze zählt und etwas abgeschieden liegt, hautnah und fast schon privat, ist wahrlich eine Sensation. "Ein großer Sponsor, der nicht genannt werden möchte, hat das ermöglicht", verriet Tesche-Mentzen. Zudem verfügt sie über beste Kontakte, und so kam also der große Weltstar ins kleine Hafendorf bei Schwabering. "Bei der Generalprobe saß ich hier alleine, wie Ludwig II.", schwärmte die Gastgeberin.

Natürlich war dieser Abend etwas Besonderes, allerdings bleibt das künstlerische Ergebnis zwiespältig. Denn im Dauervibrato und Dauerlegato, im stets zupackend virtuosen Gestus, den Maisky seit Jahrzehnten unverändert pflegt und auf alle Werke gleich welcher Epoche überstülpt, droht vielfach dekorativer Selbstzweck. In Hafendorf, wo Maisky mit dem Pianisten Alexander Mogilevsky Liedbearbeitungen sowie Lieder ohne Worte und die zwei Cellosonaten von Felix Mendelssohn Bartholdy gestaltete und damit den 250. Geburtstag des Komponisten würdigte, kam eher ein schroffer, energischer Beethoven heraus.

Dabei hatte Robert Schumann einst Mendelssohn als "Mozart des 19. Jahrhunderts" gerühmt, was gerade auf dessen Kammermusikwerke besonders zutrifft. Die Herkunft aus dem Lied - dem Lyrisch-Kantablen also - lässt sich in ihnen nicht leugnen, eine klassisch schlanke Phrasierung ist bei Mendelssohn zwingend notwendig. Maisky aber gestaltete Mendelssohn mit fast schon überromantischem Pathos. Das mag unmittelbar wirksam sein und mitreißen, doch nutzt es sich auch etwas ab. Dafür aber vermochte Maisky, ein herrlich rauchiges Flautando im Piano aus dem Cello zu zaubern. Das waren wahrlich schöne Momente, und dass dieses Konzert eben doch ein bleibendes Ereignis wurde, steht schon alleine wegen Maiskys sensationellem Besuch in Hafendorf fest.

Nicht zuletzt aber wurde an diesem Abend auch ein Gesamtkunstwerk im besten Sinne geboten. Denn auf wundersame Weise verband sich das Spiel von Maisky und Mogilevsky mit den Skulpturen, Büsten und Bildern von Tesche-Mentzen und den von Cornelia Kühn-Leitz kunstvoll gesprochenen Reflexionen über die Beziehung zwischen Mendelssohn und Goethe. Schon dreimal war die Schauspielerin, die an der Max-Reinhardt-Schule in Berlin ausgebildet wurde, in Hafendorf. Und so gingen Musik, visuelle Kunst und Wort eine selbstverständliche und vielfältige Verbindung ein, das alleine war schon den tosenden Beifall wert.

Marco Frei/Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

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