Träume und Alpträume einer Kriegerbraut

Waging - Ein Stück Heimatgeschichte offenbart sich in einem neuen Buch, das dieser Tage im Waginger Liliom-Verlag erschienen ist: „Träume und Alpträume einer Kriegsbraut“ von Mathilde M. Morris.

Das darin geschilderte, emotional berührende Frauenschicksal dürfte auch viele interessieren, die die Zeit der Nöte nach Kriegsende nicht selbst erlebt haben. Dazu gehört auch die Situation vieler junger Frauen, deren mögliche Partner und Ehemänner Hitler in seinem Weltherrschafts-Wahn in einem wahnwitzigen Krieg buchstäblich verheizt hatte. Die Autobiographie von Mathilde M. Morris ist aber nicht nur Schilderung eines persönlichen Schicksals, sondern auch ein Stück Zeitgeschichte, die sowohl unsere engere Heimat als auch die Verhältnisse dieser Zeit im fernen Amerika berührt. Im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ konnte der „amerikanische Traum“ auch in einen Alptraum münden, und die Lebensgeschichte der Mathilde M. Morris liest sich wie eine Bestätigung der Aussage Schopenhauers, das Leben sei ein Geschäft, in dem der Aufwand in keinem Verhältnis zum Ertrag stehe.

Als 1945 die Amerikaner in Taching am Waginger See einmarschieren, ist Mathilde 18 Jahre alt. Sie lernt den GI Jimmy kennen und verliebt sich prompt in den hübschen und sympathischen Burschen. Auch ihr Fall zeigt, dass Liebe blind macht. Auf seine Drohung hin, er könne viele andere haben, wenn sie nicht bereit sei, ihm ihre Liebe zu beweisen, hätten bei ihr die Alarmglocken schrillen müssen. Das Produkt dieser Liebschaft lässt nicht auf sich warten und manifestiert sich in Form einer kleinen Charlotte. Obwohl ihr vielfach davon abgeraten wird und auch ein recht akzeptabler einheimischer Bewerber auftaucht, will sie ihren Geliebten nicht im Stich lassen und ihm in seine Heimat folgen. Nach vielen Schwierigkeiten folgt eine überstürzte Abreise und sie sitzt mit ihrem Baby in einer Maschine nach New York.

Im Juli 1947 erreicht sie ihr Ziel nahe Sheridan im Staate Wyoming. Von einer „Ranch“ hat ihr Jimmy erzählt, die seine Familie dort besitzt. Sie entpuppt sich als schäbige Bretterhütte ohne Strom und fließendes Wasser, das „Plumpsklo“ ist 40 Meter entfernt. Außer Jimmy und seinen Eltern wohnen noch drei weitere Brüder von ihm in den vier heruntergekommenen und mehr als ärmlich eingerichteten, zudem reichlich verdreckten Räumen. Schon auf der Fahrt dorthin muss Mathilde feststellen, dass sie in der Wüste gelandet ist. Es gibt einen Baum auf einen Quadratkilometer, unerträgliche Hitze lässt kaum durchatmen und das hügelige Land ist verdorrt und verbrannt.

Die aus dem malerischen Taching am See stammende Mathilde erlebt damit einen Wechsel vom Paradies in die Hölle. Zudem trifft sie eine Kultur an, die diese Bezeichnung nicht verdient. Es ist eine Wildwest-Kultur der Rücksichtslosigkeit und Brutalität, unter der auch die Tierwelt zu leiden hat. Bei ihrer Hochzeitsfeier wird Mathilde klar, was man hier unter „Feiern“ versteht: Sich sinnlos zu besaufen und in diesem Zustand Unmengen von Blech zu reden. Im Folgenden erweist sich Jimmy als typisches Produkt dieses Milieus, nämlich als charakterschwacher Choleriker und Trinker ohne jede Selbstbeherrschung, der beim geringsten Anlass explodiert und Mathilde brutal schlägt. Selbst die fünfjährige Charlotte züchtigt er mit seinem Hosengürtel wegen eines harmlosen „Vergehens“, von dem das Kind keine Ahnung haben kann, dass es überhaupt eines ist.

Fast 30 Jahre wird Mathilde in dieser Hölle verbringen. Mehrmals versucht sie, ihr zu entkommen, doch Jimmy gelingt es immer wieder, die gutherzige Frau mit seinen Krokodilstränen und Besserungsschwüren zur Rückkehr zu bewegen. Zuletzt baut er ihr sogar noch ein neues Haus und eine gewisse Zeit gibt er Ruhe. Bei einem erneuten Gewaltausbruch gegen seine Frau aber ereilt ihn das Schicksal: Er wird von seinem eigenen Sohn erschossen. Nach einer nervenzermürbenden Zeit und einem ebensolchen Prozess zieht Mathilde nach Denver in Colorado. Nunmehr 49 Jahre alt, lernt sie dort ihren zukünftigen Lebenspartner kennen, den Witwer Harold. Sie beziehen in Denver ein Traumhaus an einem kleinen See, der Mathilde lebhaft an ihre Heimat erinnert. Mit Harold unternimmt sie viele Reisen, darunter auch in ihre alte Heimat und erlebt an seiner Seite endlich die Jahre des Glücks und der Sorglosigkeit, die ihr fast dreißig Jahre verwehrt waren.

Die Zeit des Glücks aber ist, wie fast immer, knapp bemessen, denn in Harolds liebender Brust schlägt ein krankes Herz. Nach zwölf Jahren des Zusammenlebens mit Mathilde heiratet er sie buchstäblich in letzter Stunde und erliegt am Tag darauf seinem Herzleiden. Dreißig Jahre Hölle sind ein hoher Preis für zwölf Jahre Glück. Mathildes Trauer-Tagebuch, das sie ihrer Lebensgeschichte anfügt, gerät zur ergreifenden Elegie. 

Das Buch wurde aus dem Amerikanischen stilgetreu übersetzt von Heiner Stachelscheid aus Taching und ist im Liliom-Verlag unter der ISBN 978-3-934785-63-2erschienen.

Werner Fritz

Quelle: rosenheim24.de

Rubriklistenbild: © dpa

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