Schuch macht Beethoven lebendig

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Ludwig van Beethoven

Thiersee - Auch das zweite symphonische Konzert der Tiroler Beethoventage war achtbar besucht, auch von vielen aus dem Rosenheimer Raum.

Die "K&K-Philharmoniker" unter Matthias Georg Kendlinger spielten die "Egmont"-Ouvertüre, das Klavierkonzert Nr. 2 und die "Eroica": ein durchaus gewichtiges Programm.Kendlinger gibt in seiner Vita an, er habe sich, nach dem Beginn als Unterhaltungsmusiker, 1994 der klassischen Musik zugewandt, im Konkreten war's zunächst die Operetten- und Walzermusik. 2004 habe er seine "Karriere als Dirigent" begonnen, auf seiner Homepage heißt es genauer: "nach Einweisung durch Leopold Hager". Nun könnte man zynisch sagen, es sei bei der "Einweisung" geblieben, denn Kendlingers Dirigieren beschränkt sich aufs Taktschlagen mit der Rechten, die sich nur ganz selten von der Körpermitte entfernt, die Linke, die eigentlich formende, interpretierende Hand, wird nur zögerlich eingesetzt. So wird Beethovens Musik unter seiner taktschlagenden Rechten nur rhythmisch, eindimensional, überraschungslos. Gott sei Dank bietet Beethovens Musik so viel Überraschungen, dass dies nicht so stark auffällt, bietet so viel emotionale Ausbrüche, dass man gar nicht anders kann, als ihnen zu folgen, so viel motivischen Reichtum, dass man gar nicht anders kann, als sie zu präsentieren. Aber Kendlinger präsentiert sie eben - aber bereitet sie nicht vor, macht sie nicht spannend genug, macht die Überraschungen nicht überwältigend genug. Vor allem gibt Kendlinger seinen Musikern keine Einzeleinsätze, hebt nichts heraus, zeigt auf nichts und zeigt damit nichts auf.

Trotzdem: Der martialische Streicherrhythmus und der Freiheitsschwung in der "Egmont-Ouvertüre" verfehlten ihre Wirkung nicht. Der tänzerische Gestus im Schlusssatz der "Eroica" überzeugte, die sehr guten Bläser brillierten im Scherzo, alle Musiker agierten höchst aufmerksam, spielten immer auf der Stuhlkante, nie bequem nach hintengelümmelt wie so oft bei etablierten Orchestern. Die gewählten Tempi waren schnell und flott, aber deren Abstimmung nicht stimmig: Wenn man schon schnelle Tempi wählt, muss das Scherzo noch schneller sein. Auch das Aussingen der Phrasen im Kopfsatz gelang nicht, die Phrasen hörten einfach auf.

Herbert Schuch als Solisten zu gewinnen, ist eine sichere Bank. Er saß an seinem Flügel mitten im Orchester, so konnte er mit Augen und Schulterbewegungen die Musiker um ihn herum ein bisschen lenken und anleiten. Denn mit ihm atmete Beethovens Musik richtig auf, er verhielt, verzögerte, beschleunigte, variierte, die Musik holte Luft, wurde agil und munter, sang und tanzte, kurz, Schuch machte Beethoven lebendig. Die Musiker versuchten, Schuch zart und duftig zu begleiten, was nur ansatzweise gelang, denn bei Kendlinger hörte man nicht, dass er eine bestimmte Orchester-Klangvorstellung hat, einen gestalteten Mischklang. So hörte man Schuchs Spiel bei aller gewohnten Spielfreude, Gestaltungskunst, Phrasengestaltung und -präsentation ein bisschen Resignation an, das Gefühl verließ einen nicht, er könnte es noch besser - wenn man ihn ließe.

Quelle: rosenheim24.de

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