Video-Interview mit Phil Vetter: "Ich wäre sicher draufgegangen" 

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Karlsfeld - In der Musikszene hatte Phil Vetter schon vor der Tour mit Sportfreunde Stiller einen Namen. Der Vorzeige-Melancholiker unter den Songwritern war in der Redaktion zu Gast. In der Kantine packte er kurzerhand seine Gitarre aus.

Phil Vetter wäre wohl im Karlsfelder See ertrunken, wenn er genügend Bauteile gefunden hätte. Damals, mit zehn Jahren, als er neben der Musik noch andere Träume hatte. Mit einem selbst gebauten Atom-U-Boot wollte er in den Tiefen des Karlsfelder Sees verschwinden. Der Bauplan lag auf dem Schreibtisch, auch der Platz am See, wo er zu Wasser gehen wollte, stand fest. Nur die Bauteile fehlten. „Wir hatten große Schwierigkeiten an das richtige Material zu kommen“, erklärt der gebürtige Karlsfelder. So verschwanden die Pläne in der Schublade. Bis heute.

Der Traum vom Atom-U-Boot-Kapitän verflog schnell. Vetter hatte eine Lebensaufgabe: Musik machen. Solang er denken kann, gab es für ihn nichts anderes – vom Atom-U-Boot einmal abgesehen. Mit acht griff er zur Trompete, spielte in einer bayerischen Blaskapelle. Später gab es für ihn nur noch seine E-Gitarre. Mit seiner Punkrockband Big Jim stand er kurz vor dem großen Durchbruch: Plattenvertrag, Auftritte bei Rock im Park.

Phil Vetter - The Crowd

Phil Vetter live in der Kantine unserer Redaktion

Doch die Band löste sich auf, Vetter ließ die E-Gitarre im Koffer und machte sich fortan alleine auf den Weg. Seitdem steht der gebürtige Karlsfelder mit seinem Namen für authentische Popmusik, frei von kitschigen Texten oder aalglatten Gesangslinien. Mit seinem ersten Album „Sad man walking“ wurde er zum Vorzeige-Melancholiker unter den Songwritern in der Münchner Musikszene. Er ist herum gekommen in der Welt, hat mit seiner Gitarre im Gepäck Großstädte erobert. Auch in Dachau begeisterte er mit Auftritten in der Friedenskirche, auf dem Amperativ-Festival oder wie zuletzt im Café Gramsci.

Versteckte sich Vetter früher noch mit seiner Musik hinter einem Bandnamen, geht er heute offensiv mit seinen Texten und Liedern um. Er war dieser traurige Mann, über den er in den Songs auf seinem zweiten Album gesungen hatte: „Eigentlich bin ich selbst schuld, wenn mich Menschen als musikalischen Hobbit bezeichnen. Mein erstes Album hieß Sad Man Walking: Das ist natürlich ein starker Satz, den man gerne auf die ganze Person bezieht“, meint Vetter. Unruhig sitzt er da, die rote Wollmütze tief ins Gesicht gezogen. Auf dem Schoß hat er seine Gitarre, die Finger wandern übers Griffbrett, wollen loslegen, wollen spielen. Ein Akkord erfüllt den Raum, als solle die Gitarre für ihn die Antwort auf die Frage finden. Dann legt Vetter seine Hand auf die Saiten. Es ist wieder still. „Das war eben eine künstlerische Phase“, meint der Musiker trocken.

"Wir springen in Schlafanzügen durch die Gegend"

Es war die Zeit, in der Vetter über Verzweiflung gesungen hat, über Trauer und Einsamkeit. Inzwischen habe er all das hinter sich gelassen. Er ist jetzt angekommen, dort wo er hin wollte. Phil Vetter lebt heute mit drei Musikern der Band Jamaram in einem Haus in Weßling: 200 Quadratmeter, umgeben von Wald, daneben ein See. Tiefste Provinz. Er musste raus aus der Stadt, raus aus dem schnellen Leben. An einem Ort, den andere als Einsamkeit bezeichnen würden, fühlt er sich wohl. „Wir springen dort in Schlafanzughosen durch die Gegend, schreien uns an, prügeln uns und machen natürlich viel Musik“, schwärmt Vetter von seinem neuen Leben auf dem Land. Ein Gefühl, das er mitgenommen hat, als die Songs für sein neues Album „I Pretend My Rooms a Sailing Boat" entstanden. Songs zu schreiben ist für Vetter Meditation, "als würde ich musikalische Bilder malen."

Phil Vetter live: Der Songwriter stand mit seiner Band Big Jim kurz vor dem großen Durchbruch. 2006 löste sich die Gruppe auf.

Die Songtexte dafür holt er aus seinem tiefsten Unterbewusstsein. Direkt nach dem Aufstehen, noch vor dem ersten Kaffee. "Morgens, wenn ich aufwache habe ich immer einen Block und einen Stift neben dem Bett liegen und fange sofort an zu schreiben", erzählt Vetter. Automatisches Schreiben nenne man das, erfunden haben es die Surrealisten. "Ich finde es spannend, was einem in den Sinn kommt, wenn das Bewusstsein noch nicht ganz da ist, ich aber schon auf mein Unterbewusstsein zurückgreifen kann", erklärt Vetter.
Nicht alles von dem, was er auf diese Weise aus dem Verborgenen frei legt, bekommen seine Fans zu hören. Für Vetter sind diese Texte ein Kreativpool, an dem er sich bedienen kann.

Dass er nicht jede Idee, die ihm durch den Kopf schießt, umsetzen sollte, hat Vetter früh gelernt. Sonst würde er heute hinter dem Steuer eines Atom-U-Bootes auf dem Grund des Karlsfelder Sees sitzen. Den Musiker hätte niemand kennen lernen dürfen. „Rückblickend bin ich schon froh, dass ich das Ding nie gebaut habe. Ich wäre sicher drauf gegangen“, sagt Vetter heute.

von Christoph Seidl

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