Mein Mittelpunkt der Welt

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Rosenheim - Hier finden Sie eine Leseprobe aus dem neuen Wendelstein-Kalender 2010: Die Geschichte „Mein Mittelpunkt der Welt“ von Othmar Franz Lang.

Andere Städte haben es leichter, die liegen entweder an einem Fluß, einem Berg, oder an einer Straße. Rosenheim liegt auch, aber gleich mehrmals. Zunächst liegt es am Inn, und der Inn ist ein interessanter Fluß, nicht irgendeiner.

Wer würde abstreiten, daß seine Herkunft nobel ist, entspringt er doch aus dem Lunghinosee in der Albulagruppe der Rätischen Alpen zwischen Maloja- und Septimerpaß. Unweit von St. Moritz also. Dort durchfließt er auch den Silsersee und den Silvaplanasee, zieht seine Bahn durch das Engadin, beglückt Nordtirol und kommt fast schon als Strom nach Bayern. Die nördliche Nachbarschaft Rosenheims am Inn entlang ist Wasserburg und Mühldorf. Und man weiß natürlich, daß er dort, wo er in die Donau mündet, in Passau, breiter als die Donau ist.

Diesen Weg stromabwärts sind die irdenen Waren der einstigen römischen Töpferei gegangen, die sich im Weichbild der heutigen Stadt befand. Funde bis ins Mündungsdelta der Donau beweisen das zweifelsfrei.

Rosenheim liegt aber auch an der Eisenbahn, von hier aus laufen die bedeutenden Schienenstränge nach Ost, West und Süd. Salzburg, dahinter Wien im Osten, München im Westen und Innsbruck, der Brenner, Bozen, Meran, das liegt für einen Rosenheimer nicht außerhalb.

Rosenheim liegt aber auch an der Autobahn, ist geprägt davon, besonders im Sommer, wenn das Fassungsvermögen dieser großen Verkehrsader erschöpft ist, und die Autoströme umgelenkt werden müssen, zum Teil durch die Stadt.

All dies, der Inn mit seiner Bedeutung schon für die Römer, die Eisen- und die Autobahn geben dem Rosenheimer etwas Kosmopolitisches. Er sagt es nicht und prunkt nicht damit, aber er weiß, daß seine Stadt ein wichtiger Mittelpunkt ist, daß hier viele Verbindungen zusammenlaufen, sich verflechten und wieder entwirren; er weiß, daß er von hier aus vieles in der Welt leicht erreichen kann. Als Bayern zieht es ihn natürlich zu allererst nach München, aber die Nähe Salzburgs und Innsbrucks machen ihn wählerischer als andere. Er hat den Vorteil, leicht Grenzen überschreiten zu können und dennoch nicht in der Fremde zu sein.

Ganz nebenbei stellt sich die Frage, muß er denn überhaupt fort? Wird ihm in dieser Stadt nicht auch so manches geboten, sei es in der Städtischen Galerie, in der Stadthalle oder sonstwo, wofür andere wiederum eigens Fahrten unternehmen? Ja, er muß nicht einmal die Stadt verlassen, um „auf die Wies'n“ gehen zu können, die einer weit verbreiteten Meinung nach die Seligkeit aller Bayern ausmacht. Eine angenehme Zeitspanne vor dem riesigen Rummel des Münchner Oktoberfestes öffnet das Rosenheimer Herbstfest seine Pforten.

Gewiß, kleiner als das der Münchner, aber mit Verlaub gesagt, auch ein bißchen feiner. Und es fällt, auch das muß gesagt werden, noch in den Sommer. Sein Höhepunkt, ein Feuerwerk, und nicht der Lauf der Gestirne, bestimmt in Rosenheim, wann der Sommer vorüber ist. Mit diesem Fest etwa wird es wieder gemütlich in Rosenheim. Die Touristen, die Urlauber, die an sommerlichen Regentagen in gelben Gummijacken, mit Trenkerhüten und Bergstöcken bewehrt, die Kaufhäuser heimsuchten, sind heimwärts gefahren; die Stadt gehört wieder sich selbst, und man kann als ihr Einwohner zwei Vorteile auf einmal genießen.

Rosenheim ist groß genug, dass man ein Privatleben haben kann, in das nicht jeder hineinsieht, und es ist wiederum klein genug, daß man leicht mit anderen zusammensein kann. So läßt es sich leben. Im Dezember merkt man am Christkindlmarkt in der Altstadt daß Rosenheim eine Einkaufszentrum ist.

Und am 8. Dezember gar bleibt man gleich besser im Haus, denn da gehören die Straßen den Tirolern, die drüben einen Marienfeiertag haben und ihn herüben zum Einkaufen und Geldausgeben nutzen. Da sind die Straßen vollgestopft mit Tiroler Autos, und da der eine oder andere Vorrang- oder Stopschilder nicht so genau nimmt, ist es' ein Akt der Lebenserhaltung, bleibt man da in seinen Mauern und läßt den lieben Gott einen guten Mann sein. Fest steht: wenn die deutsche Außenhandelsbilanz im vierten Quartal positiv ist, dann haben mit großer Sicherheit die Rosenheimer Geschäftswelt und der Marienfeiertag in Tirol dazu beigetragen.

Zur Rosenheimer Geschäftswelt ist zu sagen, daß ihr Warenangebot reich sortiert ist. Hier hab ich für mein Geld noch immer bekommen, was ich wollte. So viel Geld hab ich gar nicht, um all das kaufen zu können, was hier in Schaufenstern und Läden angeboten wird. Hervorzuheben ist die Menschenkenntnis der freundlichen Geschäftsleute. Sogar mich erkennt man als gewissenhaften Zahler. Und es ist keine Seltenheit, dass einem gesagt wird, „ach, wenn Sie' s Geld grad nicht dabei haben, nehmen Sie das Bestellte nur, Sie kommen ja wieder.“ Das sind noch Kaufleute vom guten alten Schlag, die wissen, daß Verkaufen und Kaufen ohne Vertrauen keinen Spaß macht.

Im Winter dann liegt Rosenheim noch an dem, was ich die Rosenheimer Seenplatte nenne, das sind der Happingerau- und Happingersee zwischen Inn und der Bundesstraße 15 im Süden der Stadt, die einem Menschen mit Phantasie ein finnisches Wintermärchen vorgaukeln. An frostklaren Morgen, bei Rauhreif an eines der Ufer der zugefrorenen Seen zu kommen, in dem das Eis vor Kälte kracht und ausprobie­ren, ob es auch ein Schwergewicht trägt; dem Hund, am besten natürlich einem Dackel, ein Holz auf die spiegelglatte Fläche werfen, und ihn beim Bremsen weiterrutschen zu sehen, welch eine Stadt bietet so schnell noch solch ein Vergnügen?

Ganz allein ist man zu solch einer Stunde mit Eichhörnchen und Fasan, denn die Eisschützen kommen erst später am Tag. Oder, wenn Schnee liegt, am Stadtrand auf die Langlaufbretter steigen und die Loipe nachziehen, die hier beginnt. Wo, bitteschön, gibts das noch?

Und die Umgebung erst! Für die Langläufer wie für die Alpinen bieten sich da unendlich viele Möglichkeiten. Die Versuche des hiesigen Klimas, unserer Stadt ein echtes Frühjahr zu bereiten, scheitern indes kläglich.

Entweder gibt es ein paar warme Tage im Februar, die erbarmungslos von Frost und Schnee wieder niedergewalzt werden oder einige heiße Tage im April, die polaren Kaltluftmassen nicht standhalten können. Trotzdem blühen die Rosen auch hier im Juni, damit ein jeder merkt, daß Sommer ist.

Und da, bevor die unabsehbaren Reiseströme aus dem Norden das Land unsicher machen, da ist der Duft der Frühe unvergleichlich. Erdgeruch und Wiesenduft mischen sich mit der Würze der Wälder. Da ist Rosenheim eine Stadt, die man gut riechen kann. Man wird von der Arbeit weg förmlich hinaus gelockt in eine Landschaft mit großem Freizeitwert, ein Aufstieg zum Stripsenjoch im Kaisergebirge, zum Wiedersberger Horn bei Alpach, eine Wanderung um Seefeld in Tirol, ein Tag in Zell am See und oben am Kraftwerk Kaprun, das alles sind Tagesausflüge.

Ganz zu schwei­gen von den viel näheren Zielen, dem Simssee, dem Chiemsee und dem immer wieder zauberhaften Samerberg. Nicht zu vergessen die Hochries, der Hausberg der Rosenheimer, und das Wendelsteingebiet. Von all diesen Herrlichkeiten muß ein Rosenheimer Abschied nehmen, wenn er auf Urlaub fährt. Die Freude, mit der manche dies tun, bleibt zunächst unerklärlich.

Man löst das Rätsel viel später. Da entpuppt sich die Freude bei der Abreise schon als Vorfreude auf die Rückkehr. Hier fährt man weg, um wieder heimzukommen. Man reist aus einem Urlaubsland zurück in ein Land, in dem andere Urlaub machen, die wieder aus Gegenden stammen, in denen Urlaub zu nehmen nur den ganz Extravaganten einfällt. Aus diesem Grunde, den vielen Verlockungen landschaftlicher Art, die die Rosenheimer Umwelt bietet, sollte man jeden, der hier einer mehr oder minder geregelten Arbeit nachgeht, höher einschätzen als anderswo, denn hier weiß jeder, was sich in der Freizeit gut machen ließe.

Ich denke da an alle arbeitsamen Menschen, die nicht nur in dieser Stadt wohnen, sondern auch an jene, die sie Tag um Tag, Jahr für Jahr aufsuchen, um in ihren Mauern dem Broterwerb nachzugehen.

Nicht zuletzt denke ich dabei auch an mich, der ich ja hier nicht geboren bin. Und deshalb fragen mich auch oft Freunde aus dem Norden oder aus Wien, ob ich es denn hier aushalte, in solch einer kleinen oder höchstens mittleren Stadt, wo ich doch in Wien geboren und aufgewachsen sei. Ich versuche dann immer ein hintergründiges Lächeln und sage: „Daß ich nicht hier geboren bin, stimmt. Aber wo steht geschrieben, daß man sich im Leben nicht verbessern darf?“

Quelle: rosenheim24.de

Rubriklistenbild: © fkn

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