Das Leben geht weiter

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+
Objekt ohne Titel von Andrea Viebach, Gips, Digitaldruck auf Papier, Wachs, 2005.

Wasserburg - Zeitgleich zeigen die Künstlerinnen Andrea Viebach und Edith Toth ihre Arbeiten in der Galerie des Arbeitskreis 68 im Wasserburger Ganserhaus.

"Zeitgleich" ist auch der Titel dieser gemeinsamen Ausstellung, die schon im Stadtmuseum Penzberg zu sehen war. Und es geht den beiden Künstlerinnen, die von der Bildhauerei kommen, in ihren Objekten und Bildern auch immer wieder um die Zeit und deren Erleben. Es geht beiden weiter um den Menschen, seine Befindlichkeiten, seine Träume, seine Freiheit und seine Begrenztheit.

In überraschenden und überraschend guten Arbeiten, die sich in den Räumen der Galerie bestens ergänzen, versuchen sie, Mensch und Zeit zu ergründen. Beide Künstlerinnen verwenden dazu das Medium der Fotografie als wichtigen Bestandteil ihrer Arbeiten. Trotz dieser Gemeinsamkeiten beziehen sie eigenständige Positionen.

Andrea Viebach, die aus München stammt, Holzbildhauerei erlernte und Bildhauerei an der Münchner Kunstakademie studierte, will in das Innere gelangen, das Innere des Menschen und der Dinge ergründen. Sie spielt dabei in ihren offenen großen und kleinen Kugeln aus dünnem Gips, die wie eine Schale im Raum stehen oder wie Kuppeln an den Wänden hängen, mit innen und außen, positiv und negativ. In das Innere der großen Hohlformen, die dadurch den schnellen Blick verweigern und Schutz bieten, hat sie die Fotografien von sich selbst überlagernden nackten Frauenkörpern aufgetragen. Auf den Kuppelformen dagegen sind kauernde Körperfragmente abgebildet. Zu diesem Werkkomplex gehören auch die Motive der Trampolinspringerin, die auf diesen Kuppeln fast schwerelos im Raum zu schweben scheinen. "Endomorph" heißen einmal Bilder mit eingeprägten Frauengesichtern mit geschlossenen Augen und zum anderen Diaprojektionen von mehreren Frauen mit ebenfalls geschlossenen Augen auf Schichten von durchsichtigen Stoffschleiern, wobei damit die Projektion vervielfältigt wird. Mit "endomorph" bezeichnet Andrea Viebach dabei die innere Gestalt oder Form. Sie spürt bei diesen Arbeiten der inneren Befindlichkeit der Dargestellten nach.

Daneben experimentiert die Künstlerin bei anderen Kugelobjekten auch mit floralen Formen, mit verblühtem Löwenzahn oder kahlem Geäst in der inneren Gefäßform. Ganz neu sind hängende oder waagrecht gehängte Streifen aus durchbrochenem Papier von schwebendem Charakter, die sich jedoch von selbst nicht näher erschließen.

Die Münchnerin Edith Toth, die aus Temesvar in Rumänien stammt und in München die Schwanthaler Kunstschule und die Bildhauerschule besuchte, will in ihren Arbeiten Träume, Empfindungen, Wünsche, Empfindungen festhalten, bewahren, konservieren. Außergewöhnlich ist dabei gleich zu Beginn der Ausstellung im Hausgang des Ganserhauses das "Wunscharchiv" mit hundert Einmachgläsern im Regal, in denen auf Zetteln hundert Wünsche von Menschen aus dem Umfeld der Künstlerin archiviert sind. Für jedes Jahr ein anderer Wunsch. Wünscht sich ein Fünfjähriger einen roten Kran, ein 20-Jähriger, dass die Frauen auf ihn "abfahren", eine 40-Jährige, dass sie fünf Jahre jünger ist, so ist es der Wunsch einer Hundertjährigen zu sterben.

Auf ihren anderen Arbeiten verwendet Edith Toth Fotografien, überzieht sie mit Wachs wie mit dem konservierenden Firnis der Zeit, macht sie dabei alt und schrundig und konserviert dabei Zeiten, Gedanken, Gefühle. Bildnisse eines wippenden, nackten Mannes und einer nackten Frau hat sie auf einer Wippe angebracht, die als Symbol für das Auf und Ab und die Bewegung des Lebens betrachtet werden kann. "Wünsche in Bewegung" zeigt eine Frau mit Seifenblasen. Erinnerungen an die eigene Kindheit lassen die 121-teilige Arbeit "Die Tage dazwischen" mit ebenfalls unter ein Wachsschicht konservierten Fotografien zweier spielender und tanzender Kinder ebenso wach werden wie die drei Bilder "Empfundene Wirklichkeit" mit Fotografien aus der Kinderzeit, die durch die Wachsschicht zu Gemälden verfremdet sind. Ähnliche "Gemälde" sind die wie aus Film- oder Theaterszenen stammenden, inszeniert erscheinenden Bilder "Das Gebet", "Die Suppenesser", "Unterhaltung", aber auch die Bilderserie "Leidenschaft", dessen Liebespaar aus einem kitschigen Bollywood-Film zu stammen scheint. Künstlerisch interessanter erscheinen da die spitzen Dreiecksobjekte mit dem Titel "Über den Dächern", auf deren Oberfläche Gestalten balancieren, oder die an Drähten hängenden Holzquadrate, die durch den Fotoaufdruck zu einem Wartezimmer mit tanzenden Stühlen werden.

Mit ihren Arbeiten stellt Edith Toth auch die Frage, ob sich Zeit und die Erinnerungen daran überhaupt konservieren lassen, denn das Leben selbst ist Bewegung und geht weiter.

Quelle: rosenheim24.de

Zurück zur Übersicht: Kultur

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser