Ein Heiliger als Schmuggler

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Johannes von Nepomuk dient nicht nur als Wasser- und Brückenheiliger: In einer großen Holzstatue wurde einst Saccharin über die bayerisch-österreichische Grenze geschmuggelt. Der abgebildete Johannes von Nepomuk steht übrigens brav im Museum St. Ulrich in Regensburg.

Landkreis - Die bayerisch-österreichische Landesausstellung zeichnet die wechselvolle Geschichte zweier Staaten nach. Dazu gehört auch die kuriose Geschichte vom Saccharinheiligen.

Johannes von Nepomuk dient nicht nur als Brückenheiliger – im bayerisch-österreichischen Grenzgebiet war er auch als „süßer“ Schmuggler aktiv. Das weiße Gold war damals ein neuer Zuckerersatzstoff. Als Ende des 19. Jahrhunderts das Saccharin erfunden wurde, sorgte die bedrohte Zuckerindustrie dafür, dass die Einfuhr dieses billigen Süßstoffes für Deutschland, Österreich und Böhmen 1902 per Gesetz verboten wurde. So blieb den Schmugglern nichts anderes übrig, als von der Schweiz aus das leicht transportierbare Saccharin über die Grenzen zu bringen. Der begehrte Süßstoff wurde von Schweizer Großhändlern bezogen und an Lohnschmuggler verkauft, die bis zu 15 Kilo in einer einzigen der raffinierten Schmuggel-Westen verstauten. Als diese Verstecke aufflogen, wurde das Saccharin in Milchkannen, Futtersäcken für Pferde, zwischen Bauholz oder Büchern über die Grenze gebracht, aber auch in den Windeln der Säuglinge oder unter der Kutte von Pilgern transportiert.

In der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, als der Saccharinschmuggel blühte, waren Hausdurchsuchungen der „Grenzorgane“ an der Tagesordnung. Das Haus des ehemaligen Mesners im niederbayerischen Bischofsreut hatte einen kleinen Balkon, und auf dem stand der volkstümliche Wasser- und Brückenheilige Johannes von Nepomuk. Ihn hatte der brave Mesner für langjährige treue Dienste vom Passauer Bischof Heinrich von Hofstetter erhalten. Dieser Heilige – er war immerhin 1,82 m groß – war in seinem Inneren vollkommen hohl. Dieser Hohlraum wurde durch ein Türchen auf der Rückseite verschlossen. Durch ein Loch im Balkenwerk des Hauses konnte man dieses Türchen öffnen. Das Loch in der Hauswand, durch das man in das Innere der Heiligenfigur greifen konnte, soll hinter einem Bild gut versteckt gewesen sein.

Auch der spätere Besitzer dieser Figur, Wilhelm Blöchl, war zwar ein gottesfürchtiger und rechtschaffener Mann, aber ein bekannter Grenzgänger. Er vertraute die „Zuckerl“ dem Heiligen an und kein Zöllner, nicht einmal die Münchner Kriminalpolizei fand das Versteck. Bei den jährlichen Bittprozessionen von Bischofsreut zu einem Kirchlein in Böhmisch-Röhren wurde der Heilige Johannes von Nepomuk singend und betend über die stark bewachte Grenze getragen, wobei die Grenzer mit ihren Gewehren die Ehrenbezeigung vor dem Heiligen machten – der den Bauch voller Saccharin hatte. So wurde aus Johannes von Nepomuk bei der Grenzbevölkerung der „Saccharinheilige“. Heute steht er in einer kleinen Kapelle am Ortsausgang von Bischofsreut.

Der Kammverlauf des Bayerischen Waldes und Böhmerwaldes bildete eine natürliche Grenzmarkierung zwischen Bayern, Österreich und Böhmen, der heutigen CSFR. Dieses waldreiche, ungesicherte Gebiet war unter dem Namen „Pascherwinkel“ bekannt. Die Pascher, wie die Schmuggler hier genannt wurden, kannten jeden Weg und Steg und waren den Grenzwächtern, den „Grünen“, weit überlegen. Kümmerliche Lebensverhältnisse, Ein- und Ausfuhrverbote, überhöhte Zölle und große Preisunterschiede gaben hier den Anstoß zum Schmuggeln. Zwischen den königlich-bayerischen Grenzaufsehern und den Schmugglerbanden kam es oft zu wilden Verfolgungsjagden mit Toten und Verletzten auf beiden Seiten. Neben den organisierten Banden gab es die harmlosen „Sonntagsschmuggler“, die nur für den Hausgebrauch „schwarz“ einkauften und zu keiner Zeit ein schlechtes Gewissen hatten. Wer aber erwischt wurde, musste zahlen oder kam für Tage, Wochen oder Monate ins Gefängnis. Nach fachlichen Schätzungen sollen in den Jahren 1904 bis 1915 mehr als 1500 Personen allein wegen Vergehens gegen das Süßstoffgesetz bestraft worden sein.

Mehr zum Grenzverlauf und wie die Grenze zwischen Bayern und Österreich entstanden ist zeigt die bayerisch-oberösterreichische Landesausstellung 2012.

Pressemitteilung Haus der Bayerischen Geschichte

Quelle: rosenheim24.de

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