+++ Eilmeldung +++

Nahe Amsterdam

Geiselnahme in Rundfunkgebäude - Mann verhaftet

Geiselnahme in Rundfunkgebäude - Mann verhaftet

"Jedermann" in Neubeuern vollendet

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+
"Bauernfamilie", Tempera von Felix von Courten.

Neubeuern - Gästebücher sind eine liebenswerte Gewohnheit und, wenn sie schon alt sind, eine Fundgrube für Kulturhistoriker. Schlossbesitzer pflegen diese Gewohnheit besonders gern.

Die Geschichte der Gästebücher von Schloss Neubeuern beginnt mit dem Kauf des Schlosses durch Jan Wendelstadt 1882 und dem ersten Eintrag in den Band I. Der Schlossherr, der sich 1891 den Freiherrentitel erkauft hatte, war bekannt für seine Reisefreudigkeit, sein Kunstinteresse und seine Gastfreundschaft und lebte mit seiner Mutter Johanna, einer holländischen Adeligen, zusammen auf Schloss Neubeuern. Im Oktober 1896 heiratete er Julie Gräfin Degenfeld-Schonburg. Durch die Heirat nahm das gesellschaftliche Leben auf Schloss Neubeuern einen weiteren Aufschwung, der Gästekreis vergrößerte sich. Julies Bruder, Christoph Martin Graf Degenfeld-Schonburg, heiratete 1906 Ottonie von Schwartz. Nach dem tragischen Tod Christoph Martins drei Monate nach der Geburt seiner Tochter Marie-Therese im April 1908 blieb seine Witwe Ottonie bei ihrer Schwägerin Julie auf Schloss Neubeuern. Hier lernte sie auch den Dichter Hugo von Hofmannsthal kennen, der mit seinem Freundeskreis, zu denen unter anderem Harry Graf Kessler, Henry van de Velde, Eberhard von Bodenhausen, Rudolf Alexander Schröder, Rudolf Borchardt und Annette Kolb gehörten, in den folgenden Jahren häufig zu Gast war. Diese Treffen fanden jeweils um den Jahreswechsel statt und waren bekannt als "Neubeurer Woche", in der ganze kleine Theaterstücke geschrieben und aufgeführt wurden.

"Portrait Rudolf Wilke", Tempera von Eduard Thöny.

Nach dem frühen Tod des Freiherrn von Wendelstadt 1909 wurde die Tradition der Gastfreundschaft und der Gästebücher von seiner Frau Julie von Wendelstadt weitergeführt. Insgesamt sieben in wertvoller Lederprägung gestaltete Gästebücher wurden bis 1939 angelegt. Nach dem Tod Julie von Wendelstadts 1942 erbte Gräfin Ottonie von Degenfeld-Schonburg die Bücher, die sie nach ihrem Tod 1970 an ihre Tochter Marie-Therese Miller-Degenfeld weitergab. Diese letzte Zeitzeugin der Gästebuchzeit Schloss Neubeuerns starb nach einem erfüllten Leben im hohen Alter von 97 Jahren in Virginia. Alle Gästebuchbesitzer sind in Altenbeuern auf dem Dorffriedhof im Wendelstadt'schen Mausoleum begraben. Die letzten Erben der Bücher, Familie Miller, gaben sie 2007 als Dauerleihgabe an das Schloss Neubeuern.

Reinhard Käsinger hat nun aus den Gästebuchern einen prachtvollen Band zusammengestellt, kundige Erläuterungen dazu und ein kleines Lexikon der wichtigsten Gäste verfasst. Der Einband schaut aus wie der originale Ledereinband. Die Bilder und Skizzen des Schlosses, der Ausflüge und Sehenswürdigkeiten nehmen einen Hauptbestandteil des Inhaltes ein, neben Gedichten, Anekdoten, Notenblättern und Signaturen, die die Erinnerungen an die herzliche Gastfreundschaft der Schlossbesitzer, die Feste und ständige Treffen im Freundeskreis festhalten. Eine vergnügte Zeichnung malt den schlösslichen Tagesablauf: Um zirka 10 Uhr Frühstück - zu dem niemand erscheint, 13 Uhr legerer Brunch, um 17 Uhr Tee und um 20 Uhr festliches Diner in Frack und Abendkleid.

Laienhafte Skizzen im Wechsel mit herrlichen farbsatten Bildern renommierter meist süddeutscher Maler geben ein wechselhaftes und faszinierendes Zeitzeugnis des Wechsels vom 19. ins 20. Jahrhundert. Hochkarätige ausländische Künstler wie Théo van Rysselberghe und Henry van de Velde waren häufige Gäste im Schloss. Multitalente wie Rudolf Alexander Schröder, malten, dichteten und entwarfen Möbel und Inneneinrichtungen. Harry Graf Kessler als "der" Zeitzeuge schlechthin mit Eberhard von Bodenhausen als Mitglied der Familie der Gästebuchbesitzer waren häufige Gäste. Gäste waren aber auch im Januar 1920 Mitglieder der "Brigade Erhardt", die sich - damals schon! - "mit Hakenkreuz am Stahlhelm" bildlich im Gästebuch verewigten.

"Diese Eintragungen sind nur so etwas wie Meilensteine auf einer Straße, die den Namen trägt: Freundschaft jahrelang, Vertrauen jahrelang, Treue jahrelang. Das ganz Gute und Wertvolle liegt zwischen den Meilensteinen. Und das Allerbeste und Eigentlichste bleibt überhaupt wie immer - unsagbar." Der Dichter Henry von Heiseler, der in Brannenburg lebte und dessen Sohn Berndt die Schule im Schloss besuchte, drückt das Empfinden der Gäste Schloss Neubeuerns treffend aus. Neben Hugo von Hofmannsthal prägten Rudolf Alexander Schröder, Rudolf Borchardt, Annette Kolb, Rudolf Kassner, Alfred Walter Heymel, Rudolf Pannwitz und Otto von Taube die jährlichen Treffen auf Schloss Neubeuern.

Hofmannsthal spricht hier in Neubeuern von seiner Komödie "Cristinas Heimreise", die am 11. Februar 1910 am Deutschen Theater in Berlin Premiere hatte. In Neubeuern wurde sein "Jedermann" zu Ende geschrieben. Hier konnte Hofmannsthal in Ruhe arbeiten und schrieb in einem der Turmzimmer mit Blick auf die herrliche Landschaft auch am "Salzburger Großen Welttheater", am "Schwierigen", am "Turm" und am "Unbestechlichen". Weiterhin las er im Schloss zum ersten Mal aus dem Libretto des "Rosenkavaliesr" vor. Eine kleine Szene aus dem "Unbestechlichen" gewinnt seine Inspiration direkt aus einem Erlebnis Hofmannsthals selbst, als dieser wieder einmal in seinem geliebten Neubeurer Turmzimmer schrieb, zum Essen gerufen wurde und vergaß, das Fenster zu schließen, so dass die geschriebenen Papiere vom Wind in den Schlosshof geweht wurden. Im Theaterstück wurden daraus Liebesbriefe des Schlossherrn Baron Jaromir, die aber von seinem treuen Diener Theodor, dem "Unbestechlichen", gerettet werden.

Das Buch "Aus den Gästebüchern Schloss Neubeuerns" bietet einen Schatz von Erinnerungen an einen bedeutenden Abschnitt in der Historie von Schloss und Markt Neubeuern und bietet einen kleinen Einblick in große deutsche Kulturgeschichte.

Oberbayerisches Volksblatt/re

Quelle: rosenheim24.de

Zurück zur Übersicht: Kultur

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser