Auf Zeitreise im Bauernhausmuseum

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Bettina Mittendorfer und Paul Zauner – mehr als nur eine Lesung aus einem Buch.

Amerang - Dass das Bauernhausmuseum ein vielseitiger Ort ist, zeigte die Lesung mit Schauspielerin Bettina Mittendorfer. Das Publikum war von der vorgetragenen Zeitreise begeistert:

Ein Bauernhausmuseum ist ein vielseitiger Ort: Für anschauliche und begreifbare Geschichte aus dem ländlichen Bayern, ein Ort für Kinder zum Lernen, Basteln und Märchen hören, oder ein Ort für Freilichtspiele. Das Bauernhausmuseum Amerang des Bezirks Oberbayern hat mit der Lesung der Schauspielerin Bettina Mittendorfer aus dem Buch „Ein Kind“ von Thomas Bernhard bewiesen, dass auch anspruchsvolles literarisches Programm dort seinen Platz hat. Begleitet vom österreichischen Posaunisten Paul Zauner, zog die renommierte Schauspielerin das Publikum schon von der ersten Minute an in ihren Bann. Dabei ist der Stoff nicht einfach.

"Du hast mir noch gefehlt!", schreit Thomas Bernhards Mutter ihren Sohn immer wieder an. "Du hast mein Leben zerstört!" Der 1931 in den Niederlanden geborene Schriftsteller verbrachte ab 1936 seine Kindheit in Traunstein. Seine Mutter war alleinerziehend und völlig überfordert. In seinem autobiographischen Roman „Ein Kind“ schildert Bernhard die ersten 13 Jahre seines Lebens. Keine glückliche Kindheit, doch der Autor übersieht auch nicht die Komik mancher Erlebnisse aus kindlicher Sicht. Bettina Mittendorfer beginnt ihre Lesung mit der vermeintlichen Heldentat eines Buben, der das Fahrrad seines Vormundes stiehlt – oder besser gesagt, ausleiht. Sein Ziel ist das 36 Kilometer entfernte Salzburg. Dort will er seine Tante Fanny besuchen.

Doch 12 Kilometer vor der großen Stadt ist die Fahrt zu Ende. „Hinter Straß, von wo aus man schon Niederstraß sehen kann, riss die Kette und verwickelte sich erbarmungslos in den Speichen des Hinterrades. Ich war in den Straßengraben katapultiert worden. Ohne Zweifel, das war das Ende.“ Bettina Mittendorfer liest nicht einfach aus einem Buch vor. Sie steht auf einem Bein schwankend, die Arme auf dem unsichtbaren Fahrradlenker ausgebreitet, und erzählt, wie ein Bub, der viel zu klein für ein großes Rad ist, versucht, diesem Gefährt Herr zu werden. Immer verzweifelter wird das Kind, da es auch noch zu regnen beginnt. Und dann fällt ihm ein: Eigentlich hätte es die Adresse von Tante Fanny gar nicht gewusst. Und so findet der anfängliche Höhenflug – „Der Radfahrer begegnet der Welt von oben“ – ein jähes Ende. Bettina Mittendorfer nimmt ihre Zuhörer und Zuschauer mit in das Leben eines verzweifelten Kindes, das für seine Mutter „ein Fehltritt, ein Schreckenskind“ war. Lachend, weinend, stumm auf dem schlichten Holzstuhl sitzend und darüber grübelnd, wie die Mutter auf die erneute Dummheit ihres Sohnes reagieren wird. Die musikalischen Akzente von Paul Zauner sind wohltuende Pausen. Denn der gehörte Lesestoff ist schwer verdaulich.

Die Zuschauer erfahren von dem schrecklichen Aufenthalt in einem angeblichen Erholungsheim, das sich als Heim für schwer erziehbare Kinder entpuppt. Monatelang muss Thomas Bernhard den Spott der Mitschüler, Bestrafungen und Essensentzug ertragen, weil er Bettnässer ist. Spätestens dann wissen die Zuhörer und Zuschauer im Bauernhausmuseum Amerang, warum da ein weißes Laken mit großen gelben Flecken über dem Tisch hängt. Die Mutter von Thomas Bernhard hängte es hinaus auf den Balkon, damit die ganze Welt sah, dass ihr Sohn ein Bettnässer war. Keine Lesung, bei der man vor Lachen Tränen vergießt. Aber bei der man zwischendurch auch schmunzeln kann. Wenn beispielsweise der Bub davon träumt, die große Eisenbahnbrücke zu sprengen, denn: „Anarchisten sind das Salz der Erde, sagt mein Großvater.“

Am Ende ist das Publikum erst einmal stumm. Wohl deshalb, weil es nicht einfach ist, so schnell aus dieser Zeitreise in eine unglückliche Kindheit wieder herauszukommen. Doch gibt es minutenlangen Applaus und viele Ovationen für Bettina Mittendorfer und Paul Zauner.

Pressemeldung Bauernhaus Museum Amerang

Quelle: rosenheim24.de

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