Zweifelhafter Egotrip

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Der russische Pianist Valéry Afanassiev und Bratscher Johannes Erkes bei ihrem Auftritt in der Högermühle.

Aschau - Es hat einen Grund, dass es Musiker und Theatermacher gibt. Und man muss schon ein Multitalent sein, um sich in beiden Kunstformen originell austoben zu können.

Beim dritten Festivo-Konzert hat sich Valéry Afanassiev nicht nur als Pianist, sondern auch als Stückeautor und Sprecher ordentlich ausgetobt, allerdings mit recht zwiespältigem Ergebnis. Dabei hatte man seinem Gastspiel beim Aschauer Kammermusikfestival in der Högermühle entgegengefiebert.Denn zuletzt konzertierte der weltbekannte russische Pianist vor neun Jahren im Chiemgau. Schon damals hatte er mit "Festivo"-Leiter Johannes Erkes die Violasonate von Dmitri Schostakowitsch aufgeführt. Schostakowitsch hat dieses Werk 1975 kurz vor seinem Tod im Krankenhaus komponiert, und auch diesmal hatte Afanassiev die Sonate mit im Gepäck. Allerdings ist eher eine Klaviersonate mit Bratschenbegleitung herausgekommen: Tatsächlich ließ Afanassiev dem Violapart wenig Raum, um sich zu entfalten.

Erkes, der vor drei Jahren bei "Festivo" dieses Höllenstück mit Bravour gemeistert hatte, musste gegen ein zuweilen viel zu lautes Klavier anspielen, und die offenkundig von Afanassiev festgeschriebenen Tempi sind technisch für die Bratsche kaum spielbar - zumindest nicht ohne größte Anstrengungen. Im äußerst expressiven Kopfsatz ging das gut, im zweiten Satz hingegen etwas weniger. Hier zitiert Schostakowitsch sein Opernfragment "Die Spieler" von 1941/42. "Allegretto" steht drauf, ein "Andante", stellenweise auch "Adagio" war drin. Die ohnehin schon für die Bratsche kniffligen Griffe wurden noch kniffliger, im gedehnten Zeitmaß blieben Struktur und Gestus dieser Musik mitunter verborgen. Umso berückender gelang der Finalsatz: Erkes ließ seine Viola singen, warm und ohne Larmoyanz. Geist- und seelenvoll reflektierte Erkes über den Abschied - das Hier und Jetzt ist schon fern, das Danach nicht mehr weit.

Von einer kammermusikalischen Haltung, die vom Dialog lebt und jede einzelne Stimme leben lässt, war indes Afanassievs Spiel weit entfernt. Hier präsentierte sich ein Solist, und deshalb wurde Morton Feldmans "Palais de Mari" für Klavier von 1986 eine berührende Reflexion über Werden und Vergehen. Zart, fast schon zerbrechlich ließ Afanassiev kleinste Klangpartikel und Motivfetzen atmen. Nach seinem Theaterstück "Palast der Schönheit", das er zuvor aufgeführt hatte, tat das unendlich gut: Eine Gesellschaftskritik sollte es werden, hereingebrochen ist eine Flutwelle von Klischees. Junge Menschen würden kaum noch lesen, die Medien könne man ohnehin vergessen, und in demokratischen Wahlen wählten Idioten Idioten. Wer nun folgerte, dass sich hier die berechtigte Frustration eines Russen über den traditionell zweifelhaften Freiheitsbegriff in seiner Heimat äußerte, irrte, denn: "Hat die Sowjetunion nur den Gulag hervorgebracht?", fragte Afanassiev rhetorisch. Nein, natürlich hat sie das nicht, aber deswegen sollte man nicht das blutige Erbe von Stalin relativieren. In Russland ist das derzeit Mode. Immerhin, dieser verzichtbare Monolog passte zu Afanassievs Egotrip.

Von Marco Frei/Oberbayerisches Volksblatt 

Quelle: rosenheim24.de

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