Ab sofort Anlaufstelle für Missbrauchsopfer

Berlin - Ab sofort gibt es eine neue telefonische Anlaufstelle in Fällen von sexuellem Kindesmissbrauch, bei der Betroffene und Angehörige von Fachleuten Hilfe bekommen.

Unter der kostenfreien Rufnummer 0800-22 55 530 können Opfer oder ihre Angehörigen mit eigens geschulten Fachleuten reden. Gleichzeitig wurde am Freitag bei der Unabhängigen Beauftragten zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs, Christine Bergmann, eine Internet-Seite mit weiteren Kontakt- und Informationsmöglichkeiten gestartet.


“Wir wollen den Betroffenen die Möglichkeit geben, über das ihnen angetane Unrecht zu sprechen. Wir wollen erfahren, welche Anliegen sie haben, welche Hilfe sie benötigen und was sie der Politik und der Gesellschaft sagen wollen“, erklärte die vom Bundeskabinett vor zwei Monaten eingesetzte Beauftragte. Nach Angaben der früheren SPD- Familienministerin stehen für die Telefongespräche bundesweit insgesamt 65 Fachkräfte aus den Bereichen Sozialpädagogik, Psychologie und Medizin zur Verfügung. Das Team habe langjährige Erfahrung bei der Beratung nach solchen Delikten und sei für diesen Einsatz noch extra geschult worden.

Internetseite: Beauftragte zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs

Nach Bergmanns Angaben können die Anrufer allein bestimmen, worüber sie sprechen wollen und ob ihre Berichte schriftlich festgehalten werden sollen. Eine therapeutische oder rechtliche Beratung sei aber nicht vorgesehen. Man werde Opfer aber auf Möglichkeiten zur Hilfe und Unterstützung hinweisen. Die Anonymität sei auf jeden Fall sichergestellt. “Wir sind keine Ermittlungsbehörde“, betonte Bergmann.


Chronologie der Missbrauchsfälle

28. Januar 2010 - Bistum Berlin: Am Berliner Canisius-Kolleg der Jesuiten werden erste Verdachtsfälle bekannt, es folgen Dutzende weitere. © dpa
1. Februar - Bistum Hamburg: Ehemalige Schüler von Sankt Ansgar in Hamburg geben an, Opfer eines Jesuiten-Paters geworden zu sein. © dpa
1. Februar - Bistum Freiburg: Ein zuvor in Berlin tätiger Lehrer soll auch am Jesuiten-Kolleg St. Blasien Schüler missbraucht haben. © dpa
1. Februar - Bistum Hildesheim: Vorwürfe gegen Pater in Hildesheim und Göttingen werden bekannt, es folgen Fälle in Hannover. Im Bild: Die Basilika in Hannover, in der Regionaldechant Propst Martin Tenge eine Erklärung von Bischof Norbert Trelle zu den Missbrauchsfällen durch Jesuiten-Pater verliest. © dpa
5. Februar - Bistum Köln: Es wird erstmals über Missbrauchsfälle am Bonner Aloisius-Kolleg berichtet. Im Bild: Eine Nachtaufnahme des Kölner Doms. © dpa
9. Februar - Bistum Aachen: Ein Sonderbeauftragter der Kirche ermittelt nach Missbrauchs-Anschuldigungen gegen zwei Priester. Im Bild: Der Dom von Aachen © dpa
12. Februar - Bistum Paderborn: Die Kirche bestätigt, dass Geistliche in Werl Kinder missbraucht haben sollen. Im Bild: Die Gau-Kirche der Liborius Pfarrei im Bistum Paderborn © dpa
19. Februar - Bistum Mainz: Am Internat Biesdorf der Missionare von der Heiligen Familie wird Missbrauch durch einen Ordensmann bekannt. Im Bild: Der Mainzer Dom im nächtlichen Nebel © dpa
21. Februar - Bistum Augsburg: Gegen Mitarbeiter des ehemaligen Heims der Salesianer Don Bosco in Augsburg gibt es Missbrauchsvorwürfe. © dpa
21. Februar - Bistum Rottenburg: In Oggelsbeuren soll es in einem Kinderheim der Vinzentinerinnen Missbrauchsfälle gegeben haben. Im Bild: Gebäude der Stiftung Liebenau im Bistum Rottenburg © dpa
21. Februar - Bistum Essen: Frühere Mitarbeiter der Behinderten- Einrichtung Franz-Sales-Haus Essen sollen Zöglinge missbraucht haben. Im Bild: Ein Gottesdienst im Dom in Essen © dpa
22. Februar - Bistum München: Der Leiter der Schule im oberbayerischen Benediktinerkloster Ettal räumt Missbrauchsfälle ein. © dpa
22. Februar - Bistum Würzburg: Nach Missbrauchsvorwürfen wird ein Priester im Würzburger Franziskanerkloster beurlaubt. Im Bild: Der Turm der Neubau-Kirche in Würzburg © dpa
23. Februar - Bistum Speyer: Ein Pater soll am Gymnasium Johanneum in Homburg/Saar sexuelle Handlungen an Jungen vorgenommen haben. Im Bild: Der Dom zu Speyer © dpa
28. Februar - Bistum Münster: Ein Pater in Münster-Hiltrup gesteht den sexuellen Missbrauch an Internatsschülern. Im Bild: Die Sankt Clemens-Kirche in Münster-Hiltrup © dpa
3. März - Bistum Limburg: Mehrere Fälle von sexuellem Missbrauch durch Priester werden bekannt. Im Bild: Gottesdienst im Georgs-Dom in Limburg © dpa
4. März - Bistum Fulda: Verdachtsfälle betreffen einen Priester und einen kirchlichen Mitarbeiter. Im Bild: Der Dom in Fulda mit Schildern im Vordergrund © dpa
4. März - Bistum Regensburg: Nach Mitteilung des Bistums hatte es auch Fälle bei dem weltberühmten Knabenchor Regensburger Domspatzen gegeben. Im Bild: Ein Konzert der Regensburger Domspatzen in der Sacred Heart Cathedral in Pretoria. © dpa

Bislang sind nach ihren Angaben etwa 500 Berichte von Betroffenen eingegangen. Etwa die Hälfte stamme von Opfern, die in Einrichtungen der katholischen Kirche missbraucht worden seien. Bislang hätten sich mehr Männer als Frauen gemeldet. Aus den teilweise erschütternden Briefen gehe hervor, dass diese Menschen das Erlebte jahrzehntelang für sich behalten hätten und jetzt eine Anerkennung des erlittenen Unrechts sowie die klare Benennung der Schuldigen erwarteten. Die meisten Briefschreiber hätten sich dafür ausgesprochen, die geltenden Verjährungsfristen aufzuheben. Auch die Berichte der Opfer sollen in die Empfehlungen Bergmanns für die Bundesregierung und den Runden Tisch einfließen.

Wissenschaftlich begleitet wird die Auswertung von einem Beirat unter Leitung von Prof. Jörg Fegert, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Ulm.

dpa

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