Peace Ride

Jesus-Biker: Mit der Harley von Südhessen zum Papst nach Rom

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Die Übergabe des gelben Peace-Ride-Halstuchs: Jesus-Biker Thomas Draxler schenkt es Papst Franziskus.

Vor fünf Jahren rief der Schaafheimer Thomas Draxler die Jesus-Biker ins Leben. Nun starten die gläubigen Motorradfahrer zu einer Friedensfahrt nach Rom. Mit dabei die eigens dafür angefertigte Papst-Harley, auf deren cremeweißem Tank sich Franziskus verewigt hat.

Schaafheim – Mit zerrissener, abgewetzter Jeans und Lederkutte steht Thomas Draxler auf dem Petersplatz in Rom. Es ist ein Mittwoch, und mit ihm warten zehntausende Gläubige auf Papst Franziskus, der dort jeweils zur Wochenmitte die Generalaudienz hält. Die wenigsten von ihnen werden das Oberhaupt der katholischen Kirche von Nahem sehen, geschweige denn, ihm die Hand geben und mit ihm reden können.

Der Schaafheimer hingegen blickt auf die Menschenmenge und hat eine gewisse Sicherheit, dem Papst von Angesicht zu Angesicht zu begegnen. „Kommt, wie ihr seid“, war die Antwort aus dem Vatikan auf Draxlers Frage gewesen, ob das päpstliche Protokoll Kleidungsvorschriften vorsehe. Und so begrüßen der Frontmann der Jesus-Biker und seine Mitstreiter schließlich Papst Franziskus in ihrem wilden Rocker-Outfit.

Von Schaafheim nach Rom: Persönliches Treffen mit dem Papst

Das persönliche Treffen mit dem Papst sollte eigentlich der Höhepunkt des Peace Ride (Friedensfahrt) sein, der am kommenden Samstag startet – von Schaafheim nach Rom. Doch die Terminplaner im Vatikan zogen die Visite vor. Vielleicht auch wegen des ungewöhnlichen Gefährts, das die Motorradtour über die Alpen anführen wird – die sogenannte Papst-Harley, das „Weiße Unikat“ wie es die Jesus-Biker nennen. Dieses Zweirad dürfte so etwas wie die Eintrittskarte in den Vatikan gewesen sein. Ebenso die guten Kontakte von Pater Karl Wallner, Missio-Nationaldirektor in Österreich, nach Rom. Kennengelernt hat ihn Draxler auf einem Katholikentag. Und Wallner schätzt das Engagement des Schaafheimers.

Die Idee zum Peace Ride und zu einem eigens gebauten Motorrad stammt von Draxler, ermöglicht hat es schließlich Christian Repp, Geschäftsführer der Harley-Davidson Würzburg Village. In seiner Werkstatt ist die Harley in Handarbeit zusammengebaut, lackiert und verziert worden: aufgemalte Dornenzweige, ein Kreuz im Schutzblech, viele vergoldete Teile und seit der Papst-Visite ziert die Unterschrift des Pontifex den cremeweißen Tank. Die Harley wird Draxlers Sohn Tom auf dem Peace Ride fahren.

Gruppenfoto der Peace-Ride-Delegation mit Papst Franziskus: Im Vordergrund die Harley, die nach der Friedensfahrt versteigert wird.

„Überwältigend“ sei es gewesen, dem Papst so nah zu sein, erzählt Draxler. „Er nimmt einem die Anspannung, holt einen ab“, berichtet er. Konzentriert sei er gewesen, um den Moment vollkommen auskosten zu können. „Er ist ein Papst der Straße“, sagt Draxler über die Minuten, in denen er bei ihnen stand, das Gespräch suchte, für ein Gruppenbild posierte und Draxler ihm eines der eigens produzierten gelben Peace-Ride-Tücher überreichen konnte. „Claro“ habe Franziskus gerufen, als ihm eine mitgereiste Jesus-Bikerin fragte, ob sie ihn umarmen dürfte. Der 56-Jährige hat sich sehr genau die Worte gemerkt, die der Papst auf Deutsch zu ihm sagte: „Vielen Dank für Ihren Besuch. Beten Sie für mich. Nicht vergessen! Diese Arbeit ist nicht einfach. Ich brauche die Gebete.“

„Franziskus stößt Reformen an. Ich habe großen Respekt vor seinem Programm“

Für Draxler sind diese Sätze ein Auftrag. „Franziskus stößt Reformen an. Ich habe großen Respekt vor seinem Programm“, meint der Schaafheimer. Auch angesichts der schwerwiegenden Schuld, die katholische Würdenträger auf sich geladen haben, sagt Draxler und meint damit die vielen Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche. Noch in Rom hat er Dutzende von kleinen Bildern mit dem Porträt von Franziskus gekauft und auf die Rückseite handschriftlich die an ihn gerichtete Bitte des Papstes geschrieben und mit einem „Jesus-Biker“-Stempel versehen, um sie zu verteilen – und eben auch für den Papst zu beten.

„Wir sind keine Heiligen“, sagt Draxler über die Jesus-Biker, die er vor fünf Jahren ins Leben rief: „Wir sind einfach bekennende Christen und teilen eine Leidenschaft – das Motorradfahren.“ Dieses öffentliche Bekennen zu christlichen Werten ist es auch, was die mittlerweile 40 Mitglieder starke Gruppe ohne Vereinsstrukturen, Mitgliedsbeiträgen und Vorsitzenden ausmacht. Die Taufe und das Bekenntnis zur Kirche sind Voraussetzungen, um dabei sein zu dürfen.

„Jesus Christus“ prangt in großen Lettern oben auf ihren Lederkutten, wo sonst der Name des Motorradclubs steht. Darunter ein Christus-Monogramm – das Konstantinische Kreuz – und die Worte „Weg, Wahrheit und Leben“. „Bruderschaft seit 2000 Jahren“ ist auf der Vorderseite zu lesen, ebenso die vier Kardinaltugenden Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung. „Wir wollten ein Zeichen setzen, dass auch ganz normale Menschen etwas mit dem Glauben zu tun haben können“, erzählt Draxler und meint mit „wir“ seinen Sohn und sich, als sie mit diesen Kutten durch die Gegend cruisten – und Aufmerksamkeit erregten.

Nächstenliebe, Barmherzigkeit und Vertrauen

Es ist diese Art und Weise, wie Draxler für das Christsein wirbt – und wie man Menschen, die sich von der Kirche und dem Glauben entfernt haben oder vielleicht auch noch nie etwas damit anfangen konnte, gewinnen kann. Darin sieht das Mitglied im Pfarrgemeinderat der katholischen Gemeinde in Schaafheim eine seiner Hauptaufgaben. Er zielt dabei nicht unbedingt auf institutionelle Angebote wie Gottesdienst oder Kirchencafé, sondern vornehmlich auf christliche Werte wie Nächstenliebe, Barmherzigkeit und Vertrauen. Eine prägende Weisheit hat ihm sein Großvater mitgegeben: „Lebe jeden Tag so, dass du abends mit gutem Gewissen und angstfrei sterben kannst, lebe aber auch jeden Tag so fleißig und in der Gewissheit, dass du 100 Jahre alt werden kannst.“

Das Autogramm des Papstes auf dem Tank des „Weißen Unikats“.

„Menschen brauchen Strukturen und gute Botschaften“, meint Draxler. Und er ist überzeugt davon, dass die Kirche die richtige Institution dafür ist. „Ich bin in meinem Leben viel gereist, habe in allen möglichen Ländern Gottesdienste und Kirchen besucht, mit Menschen gesprochen, sie erlebt“, erzählt er: „Ich habe nichts kennengelernt, was von der Struktur her besser ist als die Kirche. Auch, weil hier die Wurzeln des christlichen Abendlandes sind. „Yoga hat tolle Übungen“, nennt Draxler ein Beispiel. Aber viele könnten, wenn sie tiefer in die Materie eintauchen, wenig mit den asiatischen Bezügen anfangen. Vor Jahren hat er deshalb ein „abendländisches Bewegungs- und Entspannungsprogramm“ erarbeitet. Angelehnt ist es an die vier Kardinaltugenden sowie Gaben des Heiligen Geistes. „Körper und Geist gehören zusammen“, ist er überzeugt.

Draxler zelebriert Glauben in seiner kleinen Hauskapelle

Geprägt hat ihn aber auch sein Wissensdurst. „Lernen hält einen wach“, sagte er. Draxler ist gelernter Verwaltungsfachwirt, promovierter Gesundheitswissenschaftler und arbeitet als Heilpraktiker in seinem Institut für Gesundheit mit angeschlossener Praxis für Wirbelsäulentherapie und Komplementärmedizin in seinem Haus in Schaafheim. Gerne hätte er auch noch Theologie studiert, um mehr über den Glauben zu erfahren. Doch das ließ die Zeit nicht zu. Aber an der Domschule Würzburg machte er eine Art Fernstudium.

„Zusammenhänge verstehen“ war eine seiner Triebfedern. Ebenso die Frage, was Menschen zusammenhält. Eine der Antworten war der Glaube und die Erkenntnis, dass man auf die Gemeinsamkeiten schauen muss und nicht auf die Unterschiede. So gibt es auch bei den Jesus-Bikern keine konfessionellen Grenzen: Neben Katholiken wie ihm gibt es auch Protestanten, Orthodoxe oder Mitglieder von freien christlichen Gemeinden.

Seinen Glauben zelebriert Draxler in seiner kleinen Hauskapelle im Keller, deren Inventar aus aufgelösten Kirchen stammt: Kreuze, Jesus-Bildnisse und Bänke. „Hier beginne ich meinen Tag“, erzählt er. Und hier, in der Hauskappelle der Jesus-Biker, wird er mit seinen Glaubensbrüdern und -schwesten auch beten, bevor sie sich auf den langen Weg nach Rom machen.

Den Segen des Papstes dazu haben sie bereits.

VON NORMAN KÖRTGE

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