Odenwaldschule: Missbrauch noch nicht verjährt

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Die Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule könnten möglicherweise ein gerichtliches Nachspiel haben.

Heppenheim - Der Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule könnte ein gerichtliches Nachspiel haben. In einem Fall sei die Straftat noch nicht verjährt, sagte Brigitte Tilmann.

Details könnten mit Rücksicht auf das Opfer nicht genannt werden, sagte die frühere Präsidentin des Oberlandesgerichts Frankfurt. Tilmann erstellt zusammen mit der Rechtsanwältin Claudia Burgsmüller im Auftrag des reformpädagogischen Eliteinternats einen Bericht über das Ausmaß der Übergriffe. Knapp drei Monate nach dem Bekantwerden der Fälle sucht die Schule im südhessischen Heppenheim mit einem neuen Vorstand einen Neuanfang. Erste Ergebnisse des Berichts waren am Wochenende vorgestellt worden. Demnach gab es von Ende der 1960er bis Anfang der 1990er Jahre etwa 50 missbrauchte Schüler. Unter den mutmaßlichen Tätern befänden sich auch Frauen. Opfer seien von der Schulleitung und sogar von ihren Eltern nicht ernst genommen worden.


Chronologie der Missbrauchsfälle

28. Januar 2010 - Bistum Berlin: Am Berliner Canisius-Kolleg der Jesuiten werden erste Verdachtsfälle bekannt, es folgen Dutzende weitere. © dpa
1. Februar - Bistum Hamburg: Ehemalige Schüler von Sankt Ansgar in Hamburg geben an, Opfer eines Jesuiten-Paters geworden zu sein. © dpa
1. Februar - Bistum Freiburg: Ein zuvor in Berlin tätiger Lehrer soll auch am Jesuiten-Kolleg St. Blasien Schüler missbraucht haben. © dpa
1. Februar - Bistum Hildesheim: Vorwürfe gegen Pater in Hildesheim und Göttingen werden bekannt, es folgen Fälle in Hannover. Im Bild: Die Basilika in Hannover, in der Regionaldechant Propst Martin Tenge eine Erklärung von Bischof Norbert Trelle zu den Missbrauchsfällen durch Jesuiten-Pater verliest. © dpa
5. Februar - Bistum Köln: Es wird erstmals über Missbrauchsfälle am Bonner Aloisius-Kolleg berichtet. Im Bild: Eine Nachtaufnahme des Kölner Doms. © dpa
9. Februar - Bistum Aachen: Ein Sonderbeauftragter der Kirche ermittelt nach Missbrauchs-Anschuldigungen gegen zwei Priester. Im Bild: Der Dom von Aachen © dpa
12. Februar - Bistum Paderborn: Die Kirche bestätigt, dass Geistliche in Werl Kinder missbraucht haben sollen. Im Bild: Die Gau-Kirche der Liborius Pfarrei im Bistum Paderborn © dpa
19. Februar - Bistum Mainz: Am Internat Biesdorf der Missionare von der Heiligen Familie wird Missbrauch durch einen Ordensmann bekannt. Im Bild: Der Mainzer Dom im nächtlichen Nebel © dpa
21. Februar - Bistum Augsburg: Gegen Mitarbeiter des ehemaligen Heims der Salesianer Don Bosco in Augsburg gibt es Missbrauchsvorwürfe. © dpa
21. Februar - Bistum Rottenburg: In Oggelsbeuren soll es in einem Kinderheim der Vinzentinerinnen Missbrauchsfälle gegeben haben. Im Bild: Gebäude der Stiftung Liebenau im Bistum Rottenburg © dpa
21. Februar - Bistum Essen: Frühere Mitarbeiter der Behinderten- Einrichtung Franz-Sales-Haus Essen sollen Zöglinge missbraucht haben. Im Bild: Ein Gottesdienst im Dom in Essen © dpa
22. Februar - Bistum München: Der Leiter der Schule im oberbayerischen Benediktinerkloster Ettal räumt Missbrauchsfälle ein. © dpa
22. Februar - Bistum Würzburg: Nach Missbrauchsvorwürfen wird ein Priester im Würzburger Franziskanerkloster beurlaubt. Im Bild: Der Turm der Neubau-Kirche in Würzburg © dpa
23. Februar - Bistum Speyer: Ein Pater soll am Gymnasium Johanneum in Homburg/Saar sexuelle Handlungen an Jungen vorgenommen haben. Im Bild: Der Dom zu Speyer © dpa
28. Februar - Bistum Münster: Ein Pater in Münster-Hiltrup gesteht den sexuellen Missbrauch an Internatsschülern. Im Bild: Die Sankt Clemens-Kirche in Münster-Hiltrup © dpa
3. März - Bistum Limburg: Mehrere Fälle von sexuellem Missbrauch durch Priester werden bekannt. Im Bild: Gottesdienst im Georgs-Dom in Limburg © dpa
4. März - Bistum Fulda: Verdachtsfälle betreffen einen Priester und einen kirchlichen Mitarbeiter. Im Bild: Der Dom in Fulda mit Schildern im Vordergrund © dpa
4. März - Bistum Regensburg: Nach Mitteilung des Bistums hatte es auch Fälle bei dem weltberühmten Knabenchor Regensburger Domspatzen gegeben. Im Bild: Ein Konzert der Regensburger Domspatzen in der Sacred Heart Cathedral in Pretoria. © dpa

In dem Bericht heißt es: “Alle potenziellen Beschuldigten können jetzt schon einmal für sich ihre Lebenslügen und ihre Fehler Revue passieren lassen und sich mit der Möglichkeit von Strafverfolgung auseinandersetzen.“ Es werde aber niemand beschuldigt, der noch aktuell an der Odenwaldschule tätig ist. Im September soll eine abschließende Fassung vorliegen. Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Darmstadt sagte, der neue Fall sei noch nicht bekannt. “Dazu sind noch Gespräche mit dem Opfer zu führen“, sagte Tilmann. In dem Bericht heißt es, eine Weitergabe der Daten an die Staatsanwaltschaft erfolge nicht automatisch.


Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen sechs ehemalige Lehrer und einen früheren Schüler. Zu den Verdächtigen gehört auch Gerold Becker, der von 1969 bis 1985 Mitarbeiter und auch Leiter der Schule war. Er hat sich für die Übergriffe entschuldigt. Wie es in den sieben Fällen mit der Verjährung aussieht, könne “noch nicht abschließend beurteilt“ werden, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft. Wann die Ermittlungen abgeschlossen sein könnten, sei noch offen.

dpa

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