Bald Alarmstufe 1 von EU wegen EHEC-Epidemie

Münster - Forscher der Universität Münster haben nach eigenen Angaben den Darmkeim identifiziert, der die EHEC-Darmerkrankung auslöst. Der Bauernverband warnt vor Panikmache und vermutet die Quelle im Ausland.


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EHEC-Epidemie: EU will Alarmstufe 1 ausrufen

Der für die gefährlichen Darminfektionen in Deutschland verantwortliche Erreger ist identifiziert. Es handelt sich um einen Vertreter des Typs HUSEC 41 des Sequenztyps ST678. Dies ist einer von 42 EHEC-Typen, die seit 1996 bei Patienten in Deutschland aufgetreten sind, wie Forscher des Uni-Klinikums Münster herausfanden. Ärztepräsident Jörg-Dietrich Hoppe hält die Ausbreitung des Keims für beherrschbar. Die EU will wegen der Epidemie in Deutschland bald europaweit die Alarmstufe 1 ausrufen.


EHEC: Die wichtigsten Fragen und Antworten

dapd
Was verbirgt sich hinter der Abkürzung EHEC? © 
Es handelt sich bei EHEC-Bakterien um die sogenannten Enterohämorrhagischen Escherichia Coli-Bakterien. Seit Anfang Mai verbreitet ein besonders aggressiver Erreger Angst und Schrecken in Deutschland. © dpa
Bisher sind 36 Menschen an den Folgen der Erkrankung gestorben. Überraschend: Betroffen sind vor allem junge Frauen. Normalerweise erkranken Kleinkinder unter fünf Jahren, ältere und immunschwache Menschen durch eine EHEC-Infektion. © dpa/ap
Bei EHEC handelt es sich um eine gefährliche Variante des für den Menschen harmlosen Darmbewohners Escherichia coli. EHEC kommt im Darm von Weiderkäuern vor. Gelangt es jedoch in den Körper des Menschen, setzen die Bakterien dort gefährliche Giftstoffe frei. © dpa/ap
Wissenschaftler haben das Genom des Erregers bereits entschlüsselt. Dabei fanden sie heraus, dass zwei Bakterienstämme ihre Erbsubstanz miteinander ausgetauscht haben. © dpa
Welche Symptome bringt eine EHEC-Erkrankung mit sich? © dpa/ap
Der Erreger kann sich zunächst durch blutigen und wässrigen Durchfall, Erbrechen, Übelkeit und Bauchschmerzen bemerkbar machen. Zudem sind bei schweren Verläufen auch Blutarmut, Gefäß- und Nierenschäden möglich. Auch wenn die Krankheit überstanden ist, können Gesundheitsschäden wie etwa Nierenleiden zurückbleiben. © dpa
Wie wird die Krankheit übertragen? © dpa/ap
Da sich der Erreger vor allem im Kot von Nutztieren findet, ist direkter Kontakt mit den Tieren ein Übertragungsweg. Aber auch verunreinigte Lebensmittel, die Kot-Partikel enthalten, können Ursache sein. Wird gedüngtes Obst und Gemüse ungewaschen gegessen, kann das die Krankheit auslösen. Auch eine Übertragung von Mensch zu Mensch ist über Schmierinfektionen möglich. © dpa/ap
Was ist bei den aktuellen Fällen die Infektionsquelle? © dpa/ap
Schnell gerieten Gurken und Tomaten in Verdacht. Das Bundesamt für Risikobewertung hat allerdings inzwischen die Empfehlung, auf den Verzehr von Gurken, Tomaten und Blattsalat in Norddeutschland zu verzichten, aufgehoben.  © dapd
Denn inzwischen haben Wissenschaftler Sprossen von einem Biohof im niedersächsischen Bienenbüttel zweifelsfrei als Träger des Erregers identifiziert. © dpa
Beunruhigend: EHEC-Bakterien wurden auch auf bayerischem Salat gefunden. Er befand sich auf Lollo Rosso-Salat eines Fürther Gemüseerzeugers. Erste Laborergebnisse deuten jedoch nicht darauf hin, dass es sich um den gefährlichen Erreger-Typ handelt. © dapd
Wie kann ich mich vor EHEC-Erkrankungen schützen? © dpa/ap
Die Behörden empfehlen, dass in Deutschland derzeit keine rohen Sprossen gegessen werden sollten - auch keine selbst gezogenen.  © 
Der beste Schutz vor dem Keim ist allerdings Hygiene. Dazu gehört regelmäßiges Händewaschen. Verbraucher könnten dem RKI zufolge das Risiko einer EHEC-Infektion weiter minimieren, indem sie alle Lebensmittel vor dem Verzehr mindestens zehn Minuten lang auf 70 Grad erhitzen. Es gibt keine Impfung gegen den Keim. © dpa
In der Berichterstattung ist auch von HUS die Rede. Was ist das? © dpa/ap
HUS steht für hämolytisch-urämisches Syndrom, einen besonders schweren Verlauf der EHEC-Erkrankungen. Dabei kann es zu Nierenversagen und Blutarmut kommen. Das kann lebensbedrohlich sein. © dpa/ap
Was muss ich tun, wenn ich betroffen bin? © dpa/ap
Zunächst sollten Betroffene einen Arzt aufsuchen. Außerdem sollen EHEC-Erkrankte viel trinken, um den Flüssigkeits- und Salzverlust auszugleichen. Hygiene ist ein Muss, um weitere Ansteckungen zu vermeiden. Mit dem Bakterium infizierte Patienten sollten auf keinen Fall Antibiotika nehmen. Diese könnten die Situation noch verschlimmern, erklärte ein Arzt des Berliner Krankenhauses Charité. Wenn die Bakterien durch das Antibiotikum in großem Umfang zerfallen, werden vermehrt Gifte aus den Bakterien freigesetzt. © dpa/ap

Nach Darstellung der Wissenschaftler ist es mit diesem EHEC-Typ bislang weder in Deutschland noch weltweit zu dokumentierten Krankheitsfällen gekommen. Dieser Typ sei ein “alter Bekannter“, der bislang nicht “auffällig in Erscheinung getreten“ sei, sagte der Direktor des Instituts für Hygiene des Uni-Klinikums Münster, Helge Karch. Nach ersten Erkenntnissen ist dieser besonders resistent und spricht unter anderem auf Penicillin nicht an.

Suche nach Übertragungswegen dauert an

Laut dem Klinikum entwickeln Karch und sein Team ein Testverfahren, mit dem bei Verdachtsfällen eine schnelle Bestätigung der neuen Erregervariante möglich sein soll. Der Test solle in wenigen Tagen zur Verfügung stehen und helfen, die Epidemiologie von HUSEC 41, “zu der wir noch nichts wissen, aufzuklären“, sagte Karch. Die Identifizierung des Erregers sei “ein wichtiger Schritt auf der Suche nach den Übertragungswegen“.

Das Robert-Koch-Institut (RKI) rät wegen des gefährlichen Durchfall-Erregers vom Verzehr roher Tomaten, Salatgurken und Blattsalaten aus Norddeutschland ab. In Deutschland gibt es nach RKI-Angaben bislang rund 140 Fälle schwerer Erkrankungen. Vier Menschen sind an den Folgen der EHEC-Infektion gestorben.

Der Vorsitzende des Ausschusses für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit im EU-Parlament, Jo Leinen (SPD), sagte unterdessen, die Entwicklung in der Bundesrepublik werde sehr ernst genommen. “Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis der gefährliche EHEC-Erreger auch auf andere EU-Länder überspringt“, sagte Leinen der “Neuen Osnabrücker Zeitung“. Das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten in Stockholm sei bereits eingeschaltet worden. Bei der Alarmstufe 1 werden alle Mitgliedsländer der EU aufgerufen, Maßnahmen zum Schutz ihrer Bevölkerung einzuleiten. Bei einer Anhörung im Gesundheitsausschuss wurde vermutet, dass der Erreger über eine Salatsorte verbreitet werde. Genaue Erkenntnisse fehlten aber noch, sagte Leinen.

Der Präsident des Deutschen Bauernbundes (DBB), Kurt-Henning Klamoth, kritisierte die Berichterstattung über den Krankheitserreger EHEC. Spekulationen, dass die Darmbakterien durch organische Düngemittel verbreitet würden, seien völlig unbegründet, würden von den Medien jedoch “als bare Münze verkauft“, sagte Klamoth auf dapd-Anfrage in Quedlinburg. Die Berichterstattung schüre auf unverantwortliche Weise Panik bei den Verbrauchern.

Bauernverband vermutet Quelle des EHEC-Erregers im Ausland

Der Bauernverband vermutet die Quelle des aggressiven EHEC-Darmkeims im Ausland. Es sei logisch nicht zu erklären, wie ein solcher Erreger auf inländisches Gemüse gelangen sollte, sagte der Sprecher des Bauernverbandes, Michael Lohse am Donnerstag auf Anfrage. “Für uns verdichtet sich der Verdacht, dass es keine deutsche Ware ist, die den Erreger trägt“ , betonte er.

Unterdessen spüren die Bauern die ersten Auswirkungen der Empfehlung des Robert-Koch-Instituts, in Norddeutschland keine rohen Tomaten, Gurken und Salate zu essen. “Auf den Großmärkten wurden größere Bestellungen storniert“, sagte Lohse. Die Käufer seien zurückhaltend. Andreas Brügger, Geschäftsführer des Deutschen Fruchthandelsverbandes (DFHV) geht noch weiter: “Die Auswirkungen sind katastrophal“, sagte er der Nachrichtenagentur dpa. Bereits jetzt würden Lebensmittelketten und Kantinen pauschal Ware zurückweisen. “Das ist für unsere Unternehmen ein Totalausfall“. Der DFHV vertritt nach eigenen Angaben die Interessen von Unternehmen aus allen Handelsbereichen des Obst- und Gemüsesektors.

Der Bauernverband unterstrich, im Gemüse- und auch im Obstbau - wie bei Erdbeeren - werde keine Gülle auf die Kulturen ausgebracht: “Generell wird kein vernünftiger Bauer Gülle auf sein Gemüse gießen. Damit schadet er sich nur selbst, denn Geschmack und Qualität leiden.“ In Norddeutschland seien Tomaten, Salat oder Gurken im Freiland noch gar nicht reif. “Und unter Glas kann man auch wenn man es darauf anlegt, keine Gülle ausbringen“, betonte Lohse.

In Schleswig-Holsteins traf das Misstrauen der Verbraucher am Donnerstag vor allem Erdbeeren: “Die Kunden meiden merkwürdigerweise Erdbeeren, obwohl es bislang keine Hinweise gibt, dass die Erkrankung aus diesem Bereich kommt“, sagte der schleswig-holsteinische Bauernverbandssprecher Klaus Dahmke. “Doch die Verunsicherung ist groß.“ Nach seiner Auffassung leiden besonders die Direktvermarkter mit ihren Hofläden oder auf Wochenmärkten ungerechtfertigt unter der RKI-Warnung. Die haben alle in einem örtlich begrenzten Radius einen festen Kundenstamm: “Es gab noch keine Erkenntnisse, dass von diesen Kunden jemand erkrankte. Daher kann die Ursache dort nicht liegen“, sagt Dahmke.

Seit Montag dieser Woche werden nach Angaben des Bauernverbandes verstärkt Untersuchungen bei Obst und Gemüse auf EHEC durchgeführt. Die Ergebnisse der Proben seien bisher negativ gewesen.

dpa/dapd

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