EHEC-Erreger stammt von spanischen Gurken

Hamburg - Erstmals wurde eine Infektionsquelle des EHEC-Keims nachgewiesen. In spanischen Salatgurken konnte der Durchfallerreger nachgewiesen werden. Die Produkte wurden umgehend aus dem Sortiment genommen.


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Bald Alarmstufe 1 von EU wegen EHEC-Epidemie

EHEC: Warnung vor Salat, Tomaten und Gurken

Für Erkrankungen mit dem gefährlichen Durchfallerreger EHEC ist eine erste Infektionsquelle nachgewiesen worden. Das Bakterium sei an vier Salatgurken gefunden worden, sagte Hamburgs Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) am Donnerstag. Drei der Gurken stammten aus Spanien, von der vierten sei die Herkunft vorerst noch unklar. Alle entsprechenden Produkte würden aus dem Warensortiment genommen, sagte die Senatorin. Zuvor war der für den Ausbruch verantwortliche Erreger identifiziert worden.

Spanien wartet auf Informationen aus Deutschland

Spaniens Behörden haben zurückhaltend auf den in Deutschland gemeldeten Fund von EHEC-Erregern in spanischen Salatgurken reagiert. Noch sei Spanien darüber nicht offiziell informiert worden, sagte der Direktor der staatlichen Agentur für Lebensmittelsicherheit, Roberto Sabrido, am Donnerstag in Madrid.


“Wir wissen nicht, was los ist, denn auch von der Europäischen Union, die dafür zuständig wäre, sind wir bislang nicht benachrichtigt worden“, ergänzte er. Insofern könne Spanien auch nichts unternehmen. Madrid stehe aber in Kontakt mit den deutschen Behörden.

Zugleich rief Sabrido zur Besonnenheit auf. In Spanien seien bislang keine EHEC-Erreger festgestellt worden. Das spanische Agrarministerium erklärte, die Informationen aus Deutschland würden geprüft. Zuständig in diesem Fall seien aber die Gesundheitsbehörden.

Der spanische Agrarverband COAG hält es für unwahrscheinlich, dass die mit dem EHEC-Erreger belasteten Gurken tatsächlich aus dem südeuropäischen Land stammen. “Der Export nach Deutschland ist derzeit gleich null“, sagte ein Sprecher der Nachrichtenagentur dpa. Die Erntezeit sei bereits im April zu Ende gegangen. 

Bakterienstamm resistent gegen Antibiotika

Bei dem EHEC-Erreger handelt es sich um einen Vertreter des Typs HUSEC 41 des Sequenztyps ST678, wie Forscher des Universitätsklinikums Münster herausfanden. Der Bakterienstamm sei gegen mehrere Antibiotika resistent, sagte der Direktor des Instituts für Hygiene des Klinikums, Helge Karch. Der Bakterienstamm O104H4 gehört den Angaben zufolge zu 42 EHEC-Typen, die seit 1996 bei Patienten in Deutschland aufgetreten sind. Dieser EHEC-Typ sei bislang aber weltweit noch nicht “auffällig in Erscheinung getreten“, sagte Karch. 

Laut dem Klinikum entwickeln Karch und sein Team ein Testverfahren, mit dem eine schnelle Bestätigung des Erregers möglich sein soll. Der Test solle in wenigen Tagen zur Verfügung stehen. Die Identifizierung des Erregers sei “ein wichtiger Schritt auf der Suche nach den Übertragungswegen“, sagte Karch.

Koch-Institut: Keine Tomaten, Salatgurken und Blattsalate

Die Empfehlung, Salatgurken, Tomaten und Blattsalate vor allem in Norddeutschland wegen des gefährlichen EHEC-Erregers nicht roh zu verzehren, bleibt vorerst bestehen. Sobald von den Hamburger Behörden neue Informationen zum EHEC-Fund an Salatgurken aus Spanien vorlägen, würden das Robert-Koch-Institut (RKI) und das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) prüfen, ob die Empfehlung beibehalten oder geändert werde, hieß es am Donnerstag beim Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz.

Pressereferent Robert Schaller betonte, es habe sich nicht um eine Warnung gehandelt. Sollten sich die Informationen aus Hamburg als belastbar erweisen, werden die entsprechenden Daten von den dortigen Behörden laut Schaller an die Europäische Kommission übermittelt. Diese werde dann über das Europäische Schnellwarnsystem für Lebensmittelsicherheit RASFF alle übrigen Mitgliedsstaaten informieren, sagte Schaller.

Große Bäckereien im Norden verzichteten nach der Warnung bei belegten Brötchen auf Salat, Gurken und Tomaten. Norddeutsche Gartenbauer verzeichneten am Donnerstag massive Umsatzeinbrüche, wie der Geschäftsführer der Fachgruppe Gemüsebau Norddeutschland, Axel Boese, sagte.

EHEC: Die wichtigsten Fragen und Antworten

dapd
Was verbirgt sich hinter der Abkürzung EHEC? © 
Es handelt sich bei EHEC-Bakterien um die sogenannten Enterohämorrhagischen Escherichia Coli-Bakterien. Seit Anfang Mai verbreitet ein besonders aggressiver Erreger Angst und Schrecken in Deutschland. © dpa
Bisher sind 36 Menschen an den Folgen der Erkrankung gestorben. Überraschend: Betroffen sind vor allem junge Frauen. Normalerweise erkranken Kleinkinder unter fünf Jahren, ältere und immunschwache Menschen durch eine EHEC-Infektion. © dpa/ap
Bei EHEC handelt es sich um eine gefährliche Variante des für den Menschen harmlosen Darmbewohners Escherichia coli. EHEC kommt im Darm von Weiderkäuern vor. Gelangt es jedoch in den Körper des Menschen, setzen die Bakterien dort gefährliche Giftstoffe frei. © dpa/ap
Wissenschaftler haben das Genom des Erregers bereits entschlüsselt. Dabei fanden sie heraus, dass zwei Bakterienstämme ihre Erbsubstanz miteinander ausgetauscht haben. © dpa
Welche Symptome bringt eine EHEC-Erkrankung mit sich? © dpa/ap
Der Erreger kann sich zunächst durch blutigen und wässrigen Durchfall, Erbrechen, Übelkeit und Bauchschmerzen bemerkbar machen. Zudem sind bei schweren Verläufen auch Blutarmut, Gefäß- und Nierenschäden möglich. Auch wenn die Krankheit überstanden ist, können Gesundheitsschäden wie etwa Nierenleiden zurückbleiben. © dpa
Wie wird die Krankheit übertragen? © dpa/ap
Da sich der Erreger vor allem im Kot von Nutztieren findet, ist direkter Kontakt mit den Tieren ein Übertragungsweg. Aber auch verunreinigte Lebensmittel, die Kot-Partikel enthalten, können Ursache sein. Wird gedüngtes Obst und Gemüse ungewaschen gegessen, kann das die Krankheit auslösen. Auch eine Übertragung von Mensch zu Mensch ist über Schmierinfektionen möglich. © dpa/ap
Was ist bei den aktuellen Fällen die Infektionsquelle? © dpa/ap
Schnell gerieten Gurken und Tomaten in Verdacht. Das Bundesamt für Risikobewertung hat allerdings inzwischen die Empfehlung, auf den Verzehr von Gurken, Tomaten und Blattsalat in Norddeutschland zu verzichten, aufgehoben.  © dapd
Denn inzwischen haben Wissenschaftler Sprossen von einem Biohof im niedersächsischen Bienenbüttel zweifelsfrei als Träger des Erregers identifiziert. © dpa
Beunruhigend: EHEC-Bakterien wurden auch auf bayerischem Salat gefunden. Er befand sich auf Lollo Rosso-Salat eines Fürther Gemüseerzeugers. Erste Laborergebnisse deuten jedoch nicht darauf hin, dass es sich um den gefährlichen Erreger-Typ handelt. © dapd
Wie kann ich mich vor EHEC-Erkrankungen schützen? © dpa/ap
Die Behörden empfehlen, dass in Deutschland derzeit keine rohen Sprossen gegessen werden sollten - auch keine selbst gezogenen.  © 
Der beste Schutz vor dem Keim ist allerdings Hygiene. Dazu gehört regelmäßiges Händewaschen. Verbraucher könnten dem RKI zufolge das Risiko einer EHEC-Infektion weiter minimieren, indem sie alle Lebensmittel vor dem Verzehr mindestens zehn Minuten lang auf 70 Grad erhitzen. Es gibt keine Impfung gegen den Keim. © dpa
In der Berichterstattung ist auch von HUS die Rede. Was ist das? © dpa/ap
HUS steht für hämolytisch-urämisches Syndrom, einen besonders schweren Verlauf der EHEC-Erkrankungen. Dabei kann es zu Nierenversagen und Blutarmut kommen. Das kann lebensbedrohlich sein. © dpa/ap
Was muss ich tun, wenn ich betroffen bin? © dpa/ap
Zunächst sollten Betroffene einen Arzt aufsuchen. Außerdem sollen EHEC-Erkrankte viel trinken, um den Flüssigkeits- und Salzverlust auszugleichen. Hygiene ist ein Muss, um weitere Ansteckungen zu vermeiden. Mit dem Bakterium infizierte Patienten sollten auf keinen Fall Antibiotika nehmen. Diese könnten die Situation noch verschlimmern, erklärte ein Arzt des Berliner Krankenhauses Charité. Wenn die Bakterien durch das Antibiotikum in großem Umfang zerfallen, werden vermehrt Gifte aus den Bakterien freigesetzt. © dpa/ap

Die EU wird wegen der EHEC-Epidemie in Deutschland bald europaweit die Alarmstufe 1 ausrufen. Das sagte der Vorsitzende des Ausschusses für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit im EU-Parlament, Jo Leinen (SPD), der “Neuen Osnabrücker Zeitung“. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis der Erreger auch auf andere EU-Länder überspringe. Bei der Alarmstufe 1 werden alle Mitgliedsländer der EU aufgerufen, Maßnahmen zum Schutz ihrer Bevölkerungen einzuleiten.

Der Präsident des Deutschen Bauernbundes (DBB), Kurt-Henning Klamoth, warf den Medien Panikmache vor. Spekulationen, dass die Darmbakterien durch organische Düngemittel verbreitet würden, seien völlig unbegründet, würden von den Medien jedoch “als bare Münze verkauft“, sagte Klamoth auf dapd-Anfrage in Quedlinburg.

EHEC-Ausbuch ungewöhnlich

Der derzeitige Ausbruch von EHEC-Infektionen ist nach Einschätzung von Experten der Universität Münster sehr ungewöhnlich. Der Erreger ist weltweit nie zuvor für einen Ausbruch verantwortlich gewesen. “Deshalb hat uns völlig überrascht, dass der Stamm innerhalb kürzester Zeit schwerste Erkrankungen hervorrufen konnte“, sagte Prof. Helge Karch am Donnerstag in Münster. Sein Team hatte den Darmkeim am Mittwoch identifiziert.

Sicher sei, dass sich der ursprüngliche Erreger-Stamm, HUSEC 041, verändert habe. Deshalb schlüsseln die Forscher jetzt die DNA des Bakteriums weiter auf, um den Keim ganz genau zu bestimmen. Das könnte eine Woche dauern, erklärte Karch am Donnerstag. Die speziellen Eigenschaften des Typs könnten möglicherweise auch Erklärungen dafür geben, dass vor allem jüngere Frauen erkranken. .

Kantinen und Großküchen reagieren 

Auf die Ausbreitung des EHEC-Keims wurde inzwischen bundesweit reagiert. Der Autokonzern BMW bietet in seinen Kantinen vorerst keine frischen Tomaten, Blattsalate und Gurken mehr an. Dies sei jedoch eine reine Vorsichtsmaßnahme, sagte ein Sprecher des Autobauers am Donnerstag der Nachrichtenagentur dpa in München. “Aber wir wollen natürlich niemand einem Risiko aussetzen.“ Die Lage werde weiter beobachtet, auch die Hinweise der Behörden würden stets geprüft.

Der Caterer Apetito, der bundesweit täglich 1,3 Millionen Menschen in Kindergärten, Schulen, Kantinen, Kliniken, Heimen und daheim mit Essen versorgt, geht sogar noch weiter. “Um das Risiko für unsere Tischgäste auszuschließen, verzichten wir auf frische Salate, ungegartes Gemüse und auf Obst, das man nicht schälen kann, beispielsweise Erdbeeren“, sagte eine Sprecherin. Damit sei man auf der sicheren Seite. Zuvor hatte es zahlreiche Anfragen von Kunden zum Thema EHEC gegeben. “Wir machen das solange, bis der Erreger eindeutig identifiziert und die Quelle abgeklärt ist.“

So verfahren auch die Mensen der Studentenwerke in Hamburg und Würzburg. An den Salattheken in Würzburg werden nun gegarte Gemüseprodukte angeboten. In Hamburg werden Proben von Speisen jetzt 15 Tage statt bisher nur 5 Tage aufbewahrt. Das liegt daran, dass die Zeit zwischen Infektion und Erkrankung bis zu zehn Tage dauern kann.

Auf Top-Hygiene setzt auch der Gastronomie-Verband DEHOGA. Die Mitglieder seien aufgerufen worden, noch mehr als sonst auf Sauberkeit zu achten. “Wir verfolgen die aktuelle Entwicklung mit höchster Aufmerksamkeit, haben bislang aber keine Handlungsempfehlungen an unsere Mitglieder gegeben, auf bestimmte Lebensmittel zu verzichten“, sagte DEHOGA-Sprecherin Stefanie Heckel. Bis zum Mittwoch habe es noch keine Veränderung im Gästeverhalten gegeben, ebenso wenig Nachfragen der Mitglieder.

Äpfel und Kohlrabi statt rohem Gemüse für Kinder

Große Vorsicht lassen viele Einrichtungen walten, die Essen für Kinder anbieten. So verzichten zahlreiche Kindergärten und Schulen etwa in Niedersachsen und Bayern auf rohes Gemüse. “Wir haben unsere Kindergärtnerinnen in einem Brief dazu aufgefordert Gemüse zum Mittagessen nur gegart anzubieten“, sagte Johanna Hohmann-Baumann von der Arbeiterwohlfahrt am Donnerstag in Hannover. Es entfalle auch der “gesunde Teller“ für die Kleinen. “Sie bekommen jetzt erstmal nur noch Äpfel und Kohlrabi zu essen.“

Für lange Gesichter hat die EHEC-Angst in einer Berliner Kita gesorgt. In der Kita Friedenauer Strolche wurde ein seit Monaten vorbereitetes Sommerfest abgesagt. Kritisch war wohl vor allem das Buffet, für das alle Eltern etwas mitbringen sollten - wie Kuchen, Obst und Würstchen. “Mein Sohn hat sich wahnsinnig auf das Fest gefreut. Er ist drei, das wird nicht leicht, ihm die Absage zu erklären“, sagte eine Mutter. Die Entscheidung findet sie etwas übervorsichtig. Allerdings hätten wahrscheinlich mehr als 200 Menschen die Toiletten benutzt. “Was ist, wenn sich dann doch Kinder anstecken? Diese Verantwortung hätte ich auch nicht tragen mögen.“

dapd/dpa

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