Tabakqualm: Alle sechs Sekunden stirbt ein Mensch

Berlin - Mehr als 250 Schadstoffe gibt es im Zigarettenqualm. Alle sechs Sekunden stirbt weltweit ein Mensch an den Folgen des Rauchens. Doch beim Nichtraucherschutz hapert es noch - auch in Deutschland.

Wer als Nichtraucher in einer deutschen Gaststätte essen möchte, kann so manche Überraschung erleben: Trotz aller Maßnahmen zum Schutz vor Tabakqualm sind die Räume oft verraucht. Denn die Gesetze in den Bundesländern sind unterschiedlich, sie werden oft missachtet und es gibt zu viele Ausnahmeregelungen, wie Gesundheitsexperten kritisieren.


Eine repräsentative Umfrage des Instituts YouGov ergab jetzt: 65 Prozent der Deutschen wollen lieber bundesweit einheitliche Regeln für Rauchverbote statt einen Flickenteppich verschiedener Vorschriften wie bisher. Und mehr als jeder Vierte beklagt, dass die derzeitigen Verbote oft nicht eingehalten werden. “Die meisten Landesgesetze zum Nichtraucherschutz dürfen als gescheitert angesehen werden“, sagt Martina Pötschke-Langer vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg.

Rauchverbote in den Bundesländern

Gesetze zum Nichtraucherschutz gibt es in allen Bundesländern. © dpa
Seit August 2010 gilt in Bayern wieder ein striktes Rauchverbot. Ein Überblick über die Bundesländer: © dpa
BADEN-WÜRTTEMBERG: Gaststätten müssen rauchfrei sein, können aber abgeschlossene Raucherräume einrichten. Rauchen in Einraumkneipen, ist erlaubt. In Diskotheken darf nur in vollständig abgetrennten Nebenräumen ohne Tanzfläche gequalmt werden, wenn sie nicht von Jugendlichen besucht werden. Das Rauchen in Festzelten ist erlaubt. © dpa
BAYERN: Von August an ist Qualmen in Gaststätten, Kneipen und Bierzelten ausnahmslos verboten. © dpa
Auf dem Oktoberfest darf in diesem Jahr noch geraucht werden, im nächsten nicht mehr. © dpa
BERLIN: Rauchen ist nur in abgetrennten Raucherräumen von Restaurants und Kneipen erlaubt sowie in Kneipen, die kleiner als 75 Quadratmeter sind. Clubs und Diskotheken, die auch von unter 18-Jährigen besucht werden, müssen rauchfrei sein. Wenn nur Erwachsene Zutritt haben, dürfen separate Raucherräume eingerichtet werden. © dpa
In Shisha(Wasserpfeifen)-Gaststätten ohne Alkoholausschank darf geraucht werden, wenn Minderjährige draußenbleiben. © dpa
BRANDENBURG: In Brandenburg darf geraucht werden, wenn die Gastfläche nicht größer als 75 Quadratmeter ist, kein abgetrennter Nebenraum existiert und keine zubereiteten Speisen angeboten werden. Das Lokal muss als Rauchergaststätte gekennzeichnet sein. Bei größeren Einheiten darf ein Raum für Raucher abgetrennt werden. © dpa
BREMEN: In Gaststätten und Diskotheken sind separate Raucherräume erlaubt, wenn Minderjährige keinen Zutritt haben. In Einraumgaststätten bis 75 Quadratmeter darf geraucht werden, wenn sie als Raucherkneipe gekennzeichnet sind und unter 18-Jährige keinen Eintritt haben. In Festzelten, auf Jahrmärkten und Volksfesten müssen Nichtraucher den blauen Dunst ertragen. © dpa
HAMBURG: Bisher durfte nur in Kneipen geraucht werden. Doch nun ist in Hamburg auch die Zigarette zum Essen erlaubt. Voraussetzung: Ein abgetrennter Raucherraum. © dpa
HESSEN: In Einraumkneipen darf gequalmt werden, in größeren Gaststätten und Diskotheken nur in Nebenräumen. In Festzelten, die nur vorübergehend betrieben werden, gilt das gesetzliche Rauchverbot nicht. © dpa
MECKLENBURG-VORPOMMERN: Tabakqualm ist in Kneipen und Restaurants nur in separaten Nebenräumen erlaubt. Für Einraumkneipen gelten Ausnahmen. In Diskotheken darf generell nicht geraucht werden. © dpa
NIEDERSACHSEN: In Restaurants, Kneipen und Diskotheken ist Rauchen nur in abgetrennten Räumen erlaubt. In Einraumkneipen darf geraucht werden, wenn dort kein Essen serviert wird. Die Kneipe muss als Rauchergaststätte gekennzeichnet werden, Jugendliche unter 18 Jahren haben keinen Zutritt. © dpa
NORDRHEIN-WESTFALEN: Rauchen ist in Einraumgaststätten erlaubt, die nicht größer als 75 Quadratmeter sind. Sie müssen als Raucherkneipen gekennzeichnet sein, Jugendlichen unter 18 Jahren dürfen keinen Zutritt haben, und in solchen Kneipen dürfen keine zubereiteten Speisen serviert werden. In Diskotheken darf nur in abgetrennten Räumen gequalmt werden. © dpa
SAARLAND: Der blaue Dunst ist derzeit nur in separaten Nebenräumen, in einer inhabergeführten Gaststätte oder einer Gaststätte mit einem Schankraum unter 75 Quadratmetern ohne Speisenangebot erlaubt. Nach einem neuen Gesetz soll das Rauchen bald in allen Gastronomiebetrieben grundsätzlich verboten sein. Die Regel sollte ursprünglich von Juli an gelten, wurde aber Ende Juni vom Verfassungsgerichtshof nach Klagen von Gastwirten vorläufig gestoppt. Die Richter wollen im kommenden Jahr in der Sache entscheiden. © dpa
SACHSEN: Kneipen können einen separaten Raucherraum einrichten. Außerdem dürfen Einraum-Gaststätten, Spielhallen und Diskotheken ihren Gästen das Qualmen erlauben, wenn Minderjährige keinen Zutritt haben. Zulässig ist das Rauchen außerdem bei geschlossenen Gesellschaften wie bei Familienfeiern. © dpa
SACHSEN-ANHALT: Gaststätten können einen Raucherraum einrichten, Jugendliche dürfen diesen nicht betreten. In Einraumkneipen darf gequalmt werden, in Nebenräumen von Diskotheken nur, wenn Minderjährige generell keinen Zutritt haben. © dpa
SCHLESWIG-HOLSTEIN: Gequalmt wird in Einraumkneipen und in Nebenräumen von Gaststätten. In diese Nebenräume dürfen nur Erwachsene. Vorübergehend aufgestellte Festzelte sind vom Rauchverbot ausgenommen. © dpa
THÜRINGEN: Thüringen hat sein Nichtraucherschutzgesetz im Juni abgeschwächt. Damit darf in Einraumkneipen wieder offiziell geraucht werden. In größeren Gaststätten ist der Griff zum Glimmstängel nur in separaten Raucherräumen erlaubt. © dpa

Bei einer großen DKFZ-Studie kam heraus: Mehr als 80 Prozent der Kneipen und Bars in Deutschland sind verqualmt. Oft wird dabei gegen Vorgaben verstoßen. Bei den Gaststätten schnitt Düsseldorf besonders schlecht ab: Weniger als 60 Prozent sind dort rauchfrei. Generelle Rauchverbote in Gaststätten gibt es nur in Bayern und im Saarland.

“Raucherkneipen und Raucherräume sind Giftküchen“, warnt die Wissenschaftlerin. Mindestens 250 Schadstoffe finden sich nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Zigarettenrauch. Mehr als 50 davon könnten Krebs verursachen. “In diesem Jahr werden mehr als fünf Millionen Menschen auf der Welt an den Folgen des Tabakkonsums sterben - alle sechs Sekunden einer“, heißt es bei der WHO. “Das schließt nicht die über 600.000 Menschen ein - darunter etwa ein Viertel Kinder - die durch Passivrauchen sterben werden.“

Rauchen kann unter anderem Lungenkrebs und Herzprobleme verursachen. Zum Weltnichtrauchertag am 31. Mai will die WHO die Staaten an ihre Pflicht erinnern, die Menschen vor diesen Gesundheitsgefahren zu schützen. Im Fokus steht daher das Übereinkommen zur Eindämmung des Tabakkonsums (Framework Convention on Tobacco Control, kurz FCTC). Aber nicht alle Unterzeichner des WHO-Papiers setzen es konsequent um. Dabei drängt die Zeit. Denn auch wenn in vielen Industrieländern die Zahl der Nichtraucher wächst, nimmt der Konsum von Tabakprodukten weltweit zu. Wird nicht die Notbremse gezogen, rechnet die WHO im Jahr 2030 schon mit acht Millionen Tabaktoten.

Um einen besseren Nichtraucherschutz in Deutschland zu erreichen, sollten nach Ansicht einiger Bundestagsabgeordneter die Verbote in den Bundesländern vereinheitlicht werden. Die Parlamentarier mehrerer Fraktionen möchten keinen “föderalen Flickenteppich“ und haben sich bereits mehrmals getroffen. Doch ihr Anliegen ist sehr umstritten. “Bundesgesetzlich ist geregelt, was zu regeln war“, sagte vor einigen Wochen der gesundheitspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Jens Spahn. Und aus der FDP hieß es, dass Deutschland keine “staatliche Bevormundung bis an den kleinsten Tresen“ brauche.

dpa

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