Gute Arbeit, gute Rente

Öffentliche SPD-Diskussion mit Prof. Dr. Werner Widuckel über die Zukunft der Rente

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Prof. Dr. Werner Widuckel bei seinem Vortrag im Gahstof „Neuhaus“

Berchtesgaden - Wie kann man Alterarmut bekämpfen und die Renten auf Dauer sichern? Wie sieht ein gerechtes Rentensystem aus und was muss sich dafür ändern? Nicht nur im beginnenden Bundestagswahlkampf wird über diese Themen engagiert diskutiert. Die SPD Berchtesgadener Land-Süd hat jetzt unter dem Titel "Gute Arbeit, gute Rente" zu einer öffentlichen Diskussion mit Prof. Dr. Werner Widuckel von der Universität Erlangen-Nürnberg in den Gasthof "Neuhaus" in Berchtesgaden eingeladen.

Die konsequente Finanzierung versicherungsfremder Leistungen aus Steuermitteln, die Stärkung der gesetzlichen Rentenversicherung anstelle der Förderung kapitalgedeckter Modelle und längerfristig die Einführung einer Rentenversicherung für alle Erwerbstätigen: über diese und andere konkrete Vorschläge zur Sicherung des Rentensystems wurde vor kurzem im Gasthof „Neuhaus“ in Berchtesgaden auf Einladung des SPD-Ortsvereins Berchtesgadener Land-Süd und des SPD-Kreisverbandes bei der öffentlichen Veranstaltung „Gute Arbeit, gute Rente“ diskutiert. Als Referenten konnte der Ortsvorsitzende Klaus Gerlach Prof. Dr. Werner Widuckel begrüßen.

Der SPD-Kreisvorsitzende Roman Niederberger bedankte sich bei dem Vorsitzenden der SPD-Sektion Schönau am Königssee Andreas Pfnür und bei Klaus Gerlach für die Organisation der Veranstaltung und betonte in einer kurzen Einleitung die Bedeutung des Themas Rentenpolitik weit über die anstehende Bundestagswahl hinaus. Er stellte außerdem Werner Widuckel vor, der nach einer Tätigkeit beim Konzernbetriebsrat der Volkswagen AG als Personalvorstand und Arbeitsdirektor der Audi AG tätig war und sich bereits in dieser Aufgabe mit der Gestaltung des demographischen Wandels beschäftigte. Seit 2012 ist Werner Widuckel als Professor für Personalmanagement und Arbeitsorganisation an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg tätig. Der Sozialwissenschaftler ist seit 1974 Mitglied der SPD und bewirbt sich als Direktkandidat für den Deutschen Bundestag in Ingolstadt.

Werner Widuckel begann seine Ausführungen, indem er anhand konkreter Zahlen aus dem Jahr 2015 das Problem Altersarmut aufgriff. Wer sich nur den Anteil von derzeit auf Grundsicherung angewiesene ältere Menschen betrachte, der sich auf relativ niedrige zwei Prozent aller Rentnerinnen und Rentner beläuft, greife deutlich zu kurz. Ungefähr 8 Prozent aller Rentner sind auf Wohngeld angewiesen und bei der wissenschaftlich üblichen Definition der Armutsgefährdung bei 60 Prozent des mittleren Nettoeinkommens seien 15,7 Prozent der älteren Menschen betroffen. „Die große Problematik liegt in dem wachsenden Anteil der von Armut gefährdeten Rentner und Pensionäre: eine Steigerung von 14,4 in 2008 auf 15,7 Prozent in 2015 ist eine gefährliche Entwicklung“, machte der Referent deutlich. Sorge bereitet dem Sozialwissenschaftler mit Blick auf die zukünftigen Renten vor allem der hohe Anteil an Menschen mit geringem Arbeitseinkommen. „Jedes fünfte Beschäftigungsverhältnis liegt im Niedriglohnsektor und knapp 5 Millionen Menschen üben nur eine geringfügige Beschäftigung aus.“. Obwohl mit dem gesetzlichen Mindestlohn ein wichtiger Schritt getan worden sei, brauche es für eine armutssichere Rente bei einem Vollzeitarbeitsplatz einen Stundenlohn von mindestens 9,80 €, erläuterte er.

Man dürfe die jüngere Generation von Arbeitnehmern bei den Beitragszahlungen nicht überfordern, zeigte sich Werner Widuckel überzeugt. Um trotz der sinkenden Anzahl an Beitragszahlern ein anständiges Rentenniveau für die Zukunft zu sichern, sprach er sich zum einen für die konsequente Finanzierung versicherungsfremder Leistungen aus Steuergeldern aus: „Die Mütterrente ist eine wichtige Verbesserung und zurecht eingeführt worden. Die bessere Förderung von Familien ist aber eine Aufgabe der gesamten Gesellschaft und muss daher aus Steuermitteln finanziert werden“, machte er deutlich. Das Instrument der Riester-Rente sieht Werner Widuckel kritisch: gerade bei Menschen mit niedrigem Einkommen reiche es einfach nicht für den Aufbau einer privaten Vorsorge. Die große Zahl von derzeit beitragsfrei gestellten Riester-Verträge sei hier ein deutliches Indiz. Die Förderung neuer Verträge solle auslaufen und stattdessen die gesetzliche Rentenversicherung mit ihrer paritätischen Finanzierung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer gestärkt werden. Aufgrund der starken Jahrgänge der „Baby-Boomer“ seien aber für die nächsten Jahrzehnte noch weitere Maßnahmen nötig. „Der Bund finanziert bereits mit über 80 Milliarden Euro die Rentenversicherung; trotzdem brauchen wir hier einen zusätzlichen, zweckgebundenen Fonds“, forderte Werner Widuckel. Zur Finanzierung schlug er unter anderem die Abschaffung der Abgeltungsteuer auf Kapitalerträge vor, die wieder wie andere Einkünfte auch mit dem persönlichen Steuersatz gerechnet werden sollen.

In der auf seinen Vortrag folgenden Diskussion sprach sich der Sozialwissenschaftler auch für die mittelfristige Einführung einer Erwerbstätigenversicherung aus, in die auch Gewerbetreibende und Selbständige integriert werden. Zum einen biete man diesen damit endlich eine bessere Absicherung für das Alter; zudem werde durch mehr Beitragszahler das Rentensystem insgesamt stabilisiert. Nach einer weiteren intensiven Diskussion über die Situation der Rentner, Vorschläge für ein gerechteres System und den Vergleich mit Regelungen in der Schweiz und Österreich bedankte sich Klaus Gerlach bei Werner Widuckel für seine engagierten Ausführungen und überreichte ihm eine Berchtesgadener Spanschachtel als Geschenk.

SPD Berchtesgadener Land, Roman Niederberger

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