Diskussion mit MdB Dr. Lukas Köhler unter dem Titel „Eine neue Generation Bayern“

Generationengerechtigkeit ist mehr als Rentenpolitik

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Kreisvorsitzender Alexander Reich (re.) im Gespräch mit Bundestagsabgeordneten Dr. Lukas Köhler: Wie sieht der Arbeitsmarkt der Zukunft aus?

Piding - Unter dem Titel „Eine neue Generation Bayern“ stand ein Diskussionsabend der FDP Berchtesgadener Land zum Thema „Generationengerechtigkeit“ in der vergangenen Woche im Pidinger Altwirt. Als Gast begrüßten die Freien Demokraten dabei den FDP-Bundestagsabgeordneten Dr. Lukas Köhler. Der 31-Jährige ist im Deutschen Bundestag Obmann im Ausschuss für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit sowie klimapolitischer Sprecher der FDP-Fraktion.

Aus aktuellem Anlass verwies Köhler eingangs auf den Koaltionsvertrag der „Großen Koalition“: „Dort taucht das Wort Generationengerechtigkeit kein einziges Mal auf. Auf 177 Seiten kein einziges Mal.“ Dabei sei es ein Thema mit einer sehr großen Bandbreite: „Leider wird bei Generationengerechtigkeit immer zuerst an die Rentendebatte gedacht, ohne aber zu sehen, was tatsächlich alles dazugehört: Angefangen von der Zukunft der Arbeitswelt über die Bildung bis hin zur Klimapolitik“, so Köhler weiter. Aus diesem Grund ging Köhler zu Beginn auch darauf ein, wie die Arbeitswelt für die heute jungen und die noch kommenden Generationen aussehen könnte: „Es gibt ganz eindeutig eine Änderung in der Mentalität, was Arbeit bedeutet und wie damit umzugehen ist. Diesen Trend muss man auch politisch begleiten. Arbeitszeitmodelle müssen sich an die geänderten Situationen anpassen: ‚Nine-to-five‘ wird immer weniger nachgefragt – es geht hier auch um die Flexibilität, die uns die Digitalisierung ermöglicht.“

FDP-Landtagskandidat Wilhelm Gschossmann verwies in diesem Zusammenhang auch auf den sog. zweiten Bildungsweg sowie das Konzept des lebenslangen Lernens: „In Zukunft wird es immer schwieriger werden, sein Leben lang in einem Beruf, geschweige denn in einer Anstellung zu bleiben. Aus diesem Grund müssen die Menschen dabei unterstützt werden, sich ständig fortzubilden und dadurch entstehende Umbrüche in der Erwerbsbiographie zu meistern. Deshalb halte ich z.B. auch ein Lebensleistungskonto bei der Rentenversicherung für sinnvoll.“ Hier gelte es auch, den ländlichen Raum zu stärken, damit dieser durch die Änderungen auf dem Arbeitsmarkt nicht abgehängt wird und die Arbeitsfähigkeit erhalten bleibt, so Kreisvorsitzender Alexander Reich. Zudem dürfe man in der Diskussion rund um den sich ändernden Arbeitsmarkt nicht nur darauf schauen, welche Arbeitsplätze in Zukunft vielleicht wegfielen, sondern vor allem auch, welche neu entstünden, verdeutlichte Reich weiter: „Es wird nicht weniger Arbeitsplätze geben, aber zum Teil andere. Umso wichtiger ist es, die Bildungspolitik an neue Gegebenheiten anzupassen – sowohl die schulische Bildung als auch die berufliche Fortbildung“, so Reich.

Dem stimme Köhler zu. Die Änderungen in der Arbeitsmarktpolitik dürfe man ebenso wenig verpassen, wie die Herausforderungen in der Bildungspolitik: „Gerade Bayern hat ja ein sehr gutes Schulsystem. Das sollte man auch durchaus als Verdienst der CSU anerkennen, keine Frage“, so der Bundestagsabgeordnete. „Dennoch müssen wir uns die Frage stellen: Was muss getan werden, um diesen hohen Standard auch zu halten? Gerade in der Bildungspolitik darf man Änderungen nicht verschlafen, schließlich müssen alle Schüler eines Jahrgangs erst ein Mal den gesamten Zyklus durchlaufen haben, bis man überhaupt sieht, welche Auswirkungen Veränderungen gebracht haben – das dauert also rund zehn Jahre“, verdeutlichte Köhler. In diesem Zusammenhang gab der Bayerisch Gmainer FDP-Gemeinderat Christoph Langgartner zu bedenken, dass offenbar die Digitalisierung in Bayerns Schulen oftmals völlig verschlafen wird: „Viele Lehrer klagen über ganz banale Dinge: Sie können im Lehrerzimmer oftmals nicht ins Internet, weil der WLAN-Anschluss dort zusammenbricht, wenn alle Lehrer gleichzeitig angemeldet sind. Solange wir in Bayern solche Probleme bei der Infrastruktur haben, brauchen wir uns gar nicht über Digitalisierung an den Schulen unterhalten.“ Der Bundestagsabgeordnete gab Langgartner nicht nur recht, sondern brachte selbst ein weiteres Beispiel: „Es gibt in Bayern die sog. Virtuelle Hochschule. Wenn man sich das Portal ansieht, dann zeigt sich, dass die Staatsregierung noch nicht verstanden hat, was Digitalisierung in der Bildung eigentlich bedeutet.“ Denn dort seien nur ganz normale Powerpoint-Folien von Vorträgen abrufbar, nur eben ohne Vortragenden. „Digitalisierung bedeutet nicht, einfach nur Dinge online abrufbar zu machen – auch wenn es mal ein erster Schritt ist“, gab Köhler zu bedenken.

Ein weiteres großes Thema an diesem Abend war selbstverständlich die Klimapolitik: „Klimapolitik wird nicht nur darüber entscheiden, unter welchen Umständen unsere Kinder, Enkel und Urenkel einmal leben, sondern auch, ob und inwieweit sich weitere große Flüchtlingsbewegungen in Richtung Europa bewegen“, gab Köhler zu bedenken. „Schließlich liegen die von der Klimaerwärmung am meisten betroffenen Regionen im globalen Süden, also den sog. Entwicklungsländern.“ In diesem Zusammenhang gab Köhler auch einen grundsätzlichen Einblick in das bekannte Klimaabkommen von Paris: „Klimawandel hat es schon immer gegeben und wird es auch immer geben. Deshalb geht es beim Abkommen von Paris nicht darum, den Klimawandel zu stoppen, sondern ihn zu verlangsamen.“ Schließlich könnten sich dadurch nicht nur die Menschen viel besser auf Änderungen einstellen und Lösungen dafür finden, sondern auch Flora und Fauna könnten sich dem Wandel deutlich besser anpassen. „In Deutschland brauchen wir derzeit jedoch noch viel zu lange, um auch tatsächlich in die Umsetzung zu kommen: Die Große Koalition hat im Koalitionsvertrag vereinbart, in diesem Jahr eine Kommission zu gründen und erst 2019 ein entsprechendes Klimagesetz zu erlassen.“

Diese Verzögerungen könnten sich bitter rächen: „Ähnlich wie in der Bildungspolitik benötigt auch die Klimapolitik Zeit, um Effekte und Ergebnisse zu erreichen. In der Umwelt- und Klimapolitik gehen 10-15 Jahren ins Land, bis es zu Effekten kommt. Schon alleine um die Pariser Ziele bis 2030 zu erreichen, sollten wir schnellstmöglich anfangen. Dabei hat Deutschland vor allem im Verkehrssektor das größte Einsparungspotential“, so Köhler, der zudem einen Einblick in das System des Emissionshandels gab. Bezirkstagskandidat Manuel Hubmann sprach abschließend noch das Thema der parlamentarischen Vertretung künftiger Generationen an: „Als ersten Schritt erscheint mir eine Ombudsperson für künftige Generationen wegweisend. In Israel, Wales oder Ungarn existieren dafür gute Beispiele“, woraufhin Köhler das Konzept näher ausführte und unter anderem sagte, dass für die seriöse Arbeit dieser Ombudspersonen wichtig sei, dass es keine Möglichkeit zu Wiederwahl gebe, um somit Abhängigkeiten zu verhindern. Am Ende des Abends waren sich alle Anwesenden einig, dass Politik und Gesellschaft gemeinsam dafür verantwortlich seien, sicherzustellen, dass es einen gerechten Ausgleich zwischen allen Generationen gebe. Der Bad Reichenhaller FDP-Stadtrat Gerhard Schröter, der die FDP an diesem Abend beim Vortrag von Stadthistoriker Dr. Lang zum Bad Reichenhaller Reinheitsgebot vertrat und sich daher entschuldigen ließ, hatte bereits vorab gesagt: „Gerade als über 70-jähriger Politiker ist mir Generationengerechtigkeit ein wichtiges Anliegen. Wir können auf allen Ebenen etwas dafür tun: In der Kommune genauso wie auf Europa- und Bundesebene.“

Pressemitteilung FDP Berchtesgadener Land

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