Worüber sich US-Auswanderin Jessica hier wundert, ärgert und freut

Aus New York ins BGL: „Ihr Bayern seid gemütlich und supernett, aber warum schimpft Ihr so viel?“

Jessica Neukirchen USA
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Vom Bundesstaat New York nach Neukirchen ins Berchtesgadener Land: Jessica zog 2017 nach Bayern, blieb ihrem Job als Bautechnikerin treu, hat geheiratet und hat ihre Rolle in der Dorfgemeinschaft gefunden.

Teisendorf - Europa kannte sie davor fast nicht, doch dann packte sie der Liebe wegen ihre Koffer und zog ins idyllische Neukirchen - dort ist Jessica inzwischen fest integriert. Wir haben mit ihr über die Unterschiede zwischen den USA und dem ländlichen Bayern gesprochen.

Das Dirndl sitzt, in der Frauengemeinschaft hat sie ihren Posten und München heißt für sie längst „Minga“ - nach Kulturschock sieht das nicht mehr aus, doch noch vor gut drei Jahren lebte Jessica im US-Bundesstaat New York. Inzwischen kennt sie in Neukirchen, Gemeindeteil von Teisendorf, jeder. „Ja, am Anfang ist mir hier alles natürlich ganz, ganz klein vorgekommen. Aber mir gefällt‘s. Hier grüßt sich jeder, jeder kennt sich und man hilft sich gegenseitig.“


US-Auswanderin in Bayern: „Ich hatte wirklich Glück“

Wie sieht eine US-Amerikanerin das Leben auf dem Land in Bayern? „Ihr seid gemütlich und genießt das Leben. In den USA geht immer alles schnell, schnell. Dort setzt man sich nicht einfach an einen Tisch und ratscht stundenlang mit seinen Spezln“, fällt Jessica auf - aber: „Die Bayern haben oft irgendeinen Anlass zu schimpfen oder sich zu ärgern. In Amerika ist das anders, da findet man immer einen Grund dankbar zu sein.“


An Dankbarkeit fehlt es auch der 31-Jährigen nicht. Der Liebe wegen packte sie 2017 die Koffer, ließ ihr altes Leben hinter sich. Neue Freunde waren schnell gefunden, sie wurde „toll integriert“ und als Bautechnikerin fand sie auch in der neuen Heimat schnell eine Stelle („da hatte ich wirklich Glück“). Kompliziert waren dagegen Bürokratie und Papierkram: „In Deutschland gibt es unterschiedliche Regeln je nach US-Bundesstaat, aus dem man kommt. Weil ein Führerschein aus New York hier nicht gilt musste ich zum Beispiel beide Fahrprüfungen neu machen.“

Die Bauernhöfe kleiner, die Berge höher - aber Sportsbars fehlen

Beim ersten Besuch in Bayern war Jessica vor allem von Münchens Architektur und Kirchen „komplett beeindruckt“. Weiter Richtung Südosten dann Berge, die höher und „felsiger“ sind als in ihrer alten Heimat und Bauernhöfe im Miniaturformat: „Manche haben einfach nur ein paar Kühe und mehr nicht. Das fand ich irgendwie süß. In den USA sind es meist gigantische Farmen mit tausenden Tieren.“ Jessica, oder „Jess“, wie sie genannt wird, stammt aus Queensbury. 30.000 Einwohner, drei Stunden nördlich von New York City.

Was fehlt der Exil-Amerikanerin im Rupertiwinkel? „Sportsbars“, fällt ihr gleich ein. Mehrere Fernseher auf denen die unterschiedlichsten Sportarten gezeigt werden, haben es tatsächlich noch kaum in die bayerische Gastronomie geschafft. Auch offene Geschäfte nach 19 oder 20 Uhr gehen „Jess“ ab - und nicht zuletzt natürlich die Familie, die sie ein- oder zweimal jährlich sieht. Außerdem sei man in den USA gegenüber technischen Neuerungen viel offener, man sei experimentierfreudiger: „Hier sind die Leute skeptischer, erstmal muss die Sicherheit abgeklärt sein.“

„Ich könnte Stunden auf einem Christkindlmarkt verbringen“

Die USA sind ein Land der großen Distanzen - sich für ein paar Stunden ins Auto zu setzen, nur um jemanden zu besuchen, sei dort kein Thema. „In Deutschland ist für viele eine Stunde Fahrt schon weit“, lacht Jessica. Aber das Positive scheint zu überwiegen, wenn man ihr zuhört: Mehr soziale Sicherheit durch den Staat, gerade für Mütter oder Familien; kurze Entfernungen zwischen den verschiedensten Ländern und Kulturen Europas und nicht zuletzt Christkindlmärkte - „das war ganz neu für mich. Ich könnte dort Stunden verbringen“.

xe

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