Sie hatten mit ihrem Leben bereits abgeschlossen

Flammenhölle Tauerntunnel: Wie ein Ehepaar aus Teisendorf überlebte 

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Ehepaar aus Bayern überlebte Inferno im Tauerntunnel
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Teisendorf - Es war der 29. Mai 1999. Erst neun Wochen zuvor war der Montblanc-Tunnel bei einem verheerenden Brand für 39 Menschen zur tödlichen Falle geworden. "Ich habe gedacht, jetzt geht es uns genauso, wie denen im Montblanc-Tunnel." Eva Mayer hatte schon fast mit dem Leben abgeschlossen. Wohl im Sekundenschlaf war der Fahrer eines Lastwagens auf ein Stauende vor der Tunnel-Baustelle gerast.

Das Unglück hat bei Eva Mayer bis heute Spuren hinterlassen. "Ich habe immer noch Angst, wenn ein Lastwagen entgegenkommt", sagt die 71-jährige Rentnerin aus dem oberbayerischen Teisendorf. Und Tunnel mag sie gar nicht.

Vor 20 Jahren war sie mit ihrem Mann, ihrem zwölfjährigen Sohn und dessem gleichaltrigen Freund auf dem Weg in der Urlaub nach Bibione an der Adria. Mit Verwandten, die ebenfalls nach Italien wollten, habe man sich auf eine Abfahrtszeit um 4 Uhr morgens geeinigt. Eine Stunde später umkurvten sie im Tauerntunnel in Österreich gerade eine Baustelle, als die Katastrophe begann. "Auf der Gegenfahrbahn, nur fünf Meter entfernt, krachte es", sagt Mayer.

1.200 Grad heiße Feuerwalze rollt durch den Tunnel

Mehrere Autos werden zermalmt, 24.000 Spraylackdosen auf einem in den Unfall verwickelten anderen Transporter beginnen zu explodieren. Eine 1.200 Grad heiße Feuerwalze rollt durch die Betonröhre. Es ist ein Inferno. Erst Tage später steht die Bilanz fest: Zwölf Tote, darunter eine fünfköpfige Familie aus Reutlingen, 48 Verletzte, 67 Insassen erreichen aus eigener Kraft oder mit Hilfe der Retter den Ausgang.

Katastrophe im Tauerntunnel

"Es war vielleicht ein Glück, dass wir so nah am Unglücksort dran waren", meint Ludwig Mayer. Er konnte sofort ahnen, welche Folgen der Auffahrunfall noch haben würde. "Raus und nach hinten weglaufen", war sein Kommando an die Familie. Die Vier rannten um ihr Leben zum 800 Meter entfernten Nordportal des Tunnels, zuletzt eher tastend mit vorgestreckten Händen, weil alles dunkel und voller Rauch war. "Wir haben Menschen gesehen, die haben noch ihren Koffer aus dem Kofferraum geholt", erinnert sich der 77-Jährige. 

Andere begingen in Panik tödliche Fehler

Er selbst hatte irgendwie automatisch seinen VW-Passat noch abgesperrt, aber das Urlaubsgeld im Handschuhfach vergessen. Andere begingen in Panik tödliche Fehler. Ein Ehepaar aus Belgien blieb im Auto sitzen, ein Grieche stieg zu ihnen in den Mercedes - in der falschen Annahme, das schwere Fahrzeug würde Schutz bieten.

„Viele verlieren ihr Leben, weil sie einfach zu lange im Auto sitzenbleiben“, sagte einst Berthold Färber, Verkehrspsychologe der Bundeswehr-Uni München. Weil sie starr vor Angst sind. Weil sie sich im Wagen sicher fühlen. Weil sie ihre Wertsachen nicht verlassen wollen. Oder weil sie einfach nicht wissen, wohin. Was auch immer der Grund zum Zögern sein mag: „Innerhalb von drei Minuten sollte man besser in Sicherheit sein – sonst ist es vielleicht zu spät.“

"Was machen die Kinder ohne den Vater?"

Todesangst habe er nicht gehabt, meint Ludwig Mayer. Aber er habe gedacht: "Was machen die Kinder ohne den Vater?". Die drei Töchter waren zu Hause geblieben. Sein Sohn und dessen Freund waren barfuß aus dem Tunnel-Inferno entkommen, weil sie ihre Badelatschen im Auto nicht mehr anziehen konnten. Abgesehen von einer leichten Rauchvergiftung ging es für die Familie ohne Blessuren ab. "Wir waren nur schwarz bis zur Unterwäsche", erinnert sich Eva Mayer.

Ehepaar Mayer aus Teisendorf überlebte Inferno im Tauerntunnel

Über das Verhalten von Menschen in Panik- oder Extremsituationen forscht Michael Schreckenberg an der Universität Duisburg-Essen. Das Schlimmste für die Menschen sei Dunkelheit, hat er bei seinen zahlreichen Studien über Unglücke festgestellt. "Das ist auch der Grund, warum die Betroffenen instinktiv immer nach oben wollen, oben ist das Licht", sagt der Forscher.

Neue Röhre für Nadelöhr Tauerntunnel

Die beiden Unglücke im Montblanc- und im Tauerntunnel waren der tragische Anlass für ein milliardenschweres Sanierungsprogramm für die Betonröhren auch und gerade in Österreich. Der Autobahnbetreiber Asfinag hat seitdem nach eigenen Angaben sechs Milliarden Euro in die Sicherheit der Tunnel investiert. Elf Jahre nach der tragischen Brandkatastrophe im Tauerntunnel wurde der Verkehr von der 35 Jahre alten Röhre in die neue umgeleitet.

Seit dem können doppelt so viele Autos pro Stunde die Radstädter Tauern überqueren. Außerdem gibt es keinen Gegenverkehr mehr, die Fahrt ist sicherer geworden. Politiker und Autobahnbetreiber bejubelten dies - aber nicht alle Probleme wurden gelöst, meinen Kritiker.

Die größten Tunnel-Katastrophen:

Mont-Blanc-Tunnel (1999): 

Die Röhre unter dem Montblanc-Massiv verbindet Frankreich mit Italien. Pro Tag fahren rund 5.000 Fahrzeuge hindurch. Am 24. März 1999 kommt es zur Katastrophe. Der Motor eines belgischen Lastwagens gerät in Brand, vermutlich wegen einer weggeworfenen Zigarettenkippe. Der Fahrer kann flüchten, doch viele Menschen sitzen hinter dem Laster in ihren Autos fest. 39 von ihnen verbrennen. Das Feuer wütet über 53 Stunden.

Tauern tunnel (1999): 

Er gehört zur Tauern-Autobahn A 10 Salzburg-Villach in Österreich. Am frühen Morgen des 29. Mai 1999 übermannt der Sekundenschlaf einen Lkw-Fahrer aus Oberösterreich. Der Laster, beladen mit 24 000 Lackspraydosen, rammt eine stehende Auto-Kolonne, die vor einer roten Ampel wartet. Feuer bricht aus, es entstehen Temperaturen von bis zu 1.200 Grad Celsius. Zwölf Menschen kommen in den Flammen um.

Gotthard (2001): 

Mit seinen 16,9 Kilometern unter dem Schweizer Berg-Massiv ist er der drittlängste Straßentunnel der Welt – und einer der gefährlichsten. In 30 Jahren ereigneten sich rund 900 Unfälle.

Der Schwerste geschah am 24. Oktober 2001: Zwei Lkw stießen zusammen und gerieten in Brand. Elf Menschen starben.

Bodensee (2005): 

Bei der Einfahrt in einen Tunnel der Bundesstraße 31 bei Eriskirch im Bodenseekreis gerät ein Auto am 25. Dezember 2005 ins Schleudern, prallt gegen ein entgegenkommendes Fahrzeug und rammt schließlich die Tunnelwand. Das Auto fängt sofort Feuer. Vier Menschen im Alter zwischen 18 und 23 Jahren verbrennen. Ein fünftes Opfer wird aus dem Wagen geschleudert und stirbt ebenfalls.

mz/dpa

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