Höhenbergsteiger Johannes Strohmaier aus Teisendorf

„Es tat richtig gut, eine Zeitlang woanders zu sein“: 15 Viertausender in drei Monaten

Johannes Strohmaier Teisendorf
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Der 26-jährige Teisendorfer bezeichnet seinen Drang, unterwegs zu sein, als „positive Sucht“. Gerade in diesen Corona-Zeiten gute Orte, um Kraft zu tanken.

Teisendorf - Von seiner Wohnung sah er direkt aufs imposante „Dreigestirn“ mit Eiger, Mönch und Jungfrau im Berner Oberland. „Ein beeindruckender Anblick. Eine gigantische Motivation. Tag für Tag“. Am liebsten wäre Johannes Strohmaier jeden Morgen aufgebrochen.

Doch zunächst war er erstmal zum Arbeiten hier, in Bern, der Hauptstadt der Schweiz. Etwas außerhalb hatte er ab November 2019 exakt für ein Jahr seine Zelte aufgeschlagen. Sein Drang, einmal für eine gewisse Zeit im zentralen Alpenmassiv zu leben, rumorte schon lange im Teisendorfer. „Dort bin ich den großen europäischen Gipfeln einfach noch näher“. Schließlich sind die genau sein Ding, und der Winter jene Jahreszeit, die ihn besonders reizt: „Weil die Abfahrten das Spannende sind“, funkeln seine Augen, wenn er nur daran denkt.


Dass den 26-Jährigen die Corona-Welle ausgerechnet in diesem Schweiz-Jahr ebenfalls voll erwischen würde, war freilich nicht gerade förderlich. „Aber ich ließ mich davon nur wenig beeindrucken, weil ich grundsätzlich ein sehr positiver Mensch bin – und der Meinung, dass es jetzt höchste Zeit für positive Nachrichten ist.“ Gut drei Monate vor dem Pandemie-Ausbruch in Europa suchte er zuerst einen günstigen Wohnort – günstig im Sinne seiner Leidenschaft: Skibergsteigen in erster Linie. Etwas außerhalb Berns fand ihn Strohmaier mit Riggisberg nahe des Naturparks Gantrisch.

Schließlich bewarb er sich über eine Leiharbeitsfirma bei einer Firma, die Heizungsmonteure suchen. Nach drei Monaten bekam er eine Festanstellung: „Wenn man arbeiten kann, ist das kein Problem“, lacht er. Und weil er sich richtig engagierte, war er bei den zumeist stillen und „typisch schweizerischen“ Kollegen rasch voll und ganz akzeptiert. So sehr, dass sie ihn hie und da wetterabhängig entscheiden ließen, ob er in die Firma oder in die Berge gehen wollte. „Das war natürlich schon praktisch. Wenn es samstags regnete, arbeite ich, wenn es montags schön war, konnte ich freimachen.“ Unter der Woche war er viel auf „seinem“ Hausberg Gantrisch (2175 Meter) unterwegs, der „ging oft rasch zwischendurch, nach Feierabend“.


Bergauf ist genau sein Ding

2018 bewältigte Johannes Strohmaier in 16 Tagen die Alpen: Der Klassiker München – Venedig, 565 Kilometer, 25.521 Höhenmeter, 18 Gipfel – im Alleingang, in Rekordzeit. Dabei bedeuten ihm Bestwerte gar nicht so viel: „Ich hatte nur gut zwei Wochen Zeit, es musste deshalb etwas schneller gehen“, schmunzelt der Gesamtdritte des Rupertus Thermenlaufs des gleichen Jahres. Sport-Wettkämpfe braucht er ebenfalls nicht unbedingt, nur hie und da reizt der Kampf gegen die Uhr. Darum möchte er 2021 am Jungfrau-Marathon von Interlaken bis zum Fuße der Eiger-Nordwand teilnehmen, mörderische 1800 Höhenmeter wären das – rein bergauf – „so, wie ich es mag“.

Johannes Strohmaier auf dem Weg zurück von der Jungfrau, das nächste Ziel – das Finsteraarhorn (4274 Meter/links) – bereits vor Augen. Er sucht die Abgeschiedenheit und somit das Alleinsein in den Bergen.

Höhepunkt seines Unterwegsseins im Land der Eidgenossen war eine Vier-Tages-Tour an Pfingsten dieses Jahres im Jungfrau-Gebiet, zusammen mit dem Schweden Eric aus Graubünden, den Strohmaier bei einer Skitour in Chamonix kennengelernt hatte. „Es waren kaum Leute unterwegs, in Hütten, in denen sonst 150 bis 200 übernachten waren gerade mal 20.“ Freitagnachmittag ging‘s nach der Arbeit auf die Hollandiahütte (3248 Meter), tagsdrauf zur Jungfrau (4158 Meter), am dritten Tag aufs Große und aufs Hintere Fischerhorn (4048/4025 Meter), zum Abschluss aufs Finsteraarhorn, mit 4274 Metern der höchste Gipfel des Berner Oberlandes.

Bei weiteren Unternehmungen – unter anderem mit Spezl Andi Hogger aus Teisendorf – erreichte Strohmaier an einem Tag die Dufourspitze, mit 4634 Metern der höchste Gipfel der Schweiz und der zweithöchste der Alpen, sowie das Nordend (4609 Meter), höchster Punkt Italiens, sieht man vom Mont Blanc ab, der auf der französisch-italienischen Grenze liegt. „Mein Sommerhöhepunkt“, sagt der gebürtige Reichenhaller. Am nächsten Tag erreichte er auf der sogenannten Spaghetti-Tour sieben der insgesamt elf Viertausender, die hier direkt nebeneinander liegen. Dabei begleitete Marco Gasser aus Kärnten die beiden Oberbayern Johannes und Andi. Die Route befindet sich auf der Südseite der Walliser Alpen entlang, von Zermatt bis zum Monte Rosa-Massiv – unter anderem mit der Signalkuppe (4554 Meter) oder der Zumsteinspitze (4563 Meter).

Schlechtes Wetter und Corona als Verhinderer

Zuvor gab es viel schlechtes Wetter, Corona erschwerte so einiges, die Hütten waren ja zu. Deshalb „entdeckte“ Johannes Strohmaier eine andere Möglichkeit des Auspowerns an der frischen Luft: „Ich hab mir ein Rennradl geholt und bin unter anderem eine Dreipässe-Tour mit dem Grimsel-, Furka und Sustenpass über 130 Kilometer und rund 4000 Höhenmeter gefahren. Doch die große Leidenschaft bleibt das Bergsteigen.

Was zieht ihn vor allem in die großen Höhen? „Es ist die Abgeschiedenheit und das Alleinsein.“ Darum ist er gar nicht so sehr auf die großen Klassiker wie beispielsweise das Matterhorn aus, einem heute „übervölkerten“ Gipfel. Oft seien jene „daneben“ technisch genauso anspruchsvoll. „Aber dort habe ich meine Ruhe“, sagt der 26-Jährige. Wie beispielsweise am wenig frequentierten Täschhorn (4491 Meter), einem Nebenberg des „Doms“ (4545 Meter) in den Walliser Alpen, gleichzeitig ein eher überlaufener Klassiker. Gleichwohl hat er die „großen Namen“, beispielsweise den Mont Blanc (4810 Meter), durchaus im Blick. Einmal wäre Europas höchster Berg bereits das Ziel gewesen, doch die Bedienungen spielten nicht mit. Trotzdem schaffte es Strohmaier während seines Schweiz-„Abenteuers“, innerhalb der Wetter-technisch drei „möglichen“ Monate immerhin 15 Mal auf einem Viertausender zu stehen. „Längst nicht alle, aber ich bin zufrieden.“

Am liebsten ist der Höhenbergsteiger auf „Routen“ ohne Stahlseil unterwegs. Ich bin kein klassischer Kletterer, aber ich will schon hinlangen müssen, mich selbst sichern. Dabei kann ich am Besten abschalten. Ganz in der Nähe seines letzten Wohnortes in der Schweiz lebte der bekannte Extrembergsteiger Ueli Steck, der 2017 im Alter von nur 40 Jahren am Nuptse (Nepal) tödlich verunglückte. Er bestieg zwischen 11. Juni und 11. August 2015 alle 82 Viertausender der Alpen.

Seine Zeiten nötigen Strohmaier höchsten Respekt ab. „Mir geht es trotzdem nicht darum, irgendwelche Rekorde zu brechen. Aber der Vergleich zu diesen Leuten ist schon interessant.“ Darum geht er gewisse Routen, die andere für Bestmarken nutzten, gerne nach, um ein Gefühl für die Leistung der absoluten Profis zu erhalten: „Es ist gigantisch, was diese Leute vollbracht haben. Vor allem, wenn man sieht, wie lange man selbst für diesen oder jenen Weg benötigte.“ Sein Tempo bezeichnet er als „flexibel“. Im Hochgebirge muss er sich freilich erstmal akklimatisieren. „Wenn ich länger unterwegs bin, gehe schon mal sportlich auf Zeit, richtig mit Zug.“

Sind Achttausender ein Ziel? „Eher vielleicht Sechstausender, ja, das wär schon mal was. Das hat aber noch Zeit und ist eher etwas, wenn ich ein wenig älter bin – ab Mitte 30 oder so.“ Derweil habe er in den Alpen noch genug zu tun. „Wenn ich irgendwo in Österreich oder der Schweiz auf einem Gipfel stehe und mich umschaue, sehe ich noch genügend Ziele“, lacht Strohmaier. Er hätte noch länger in der Schweiz bleiben können, sein Arbeitgeber hätte ihn gern behalten. Doch die Sehnsucht nach der Heimat, dem Berchtesgadener Land und dem Chiemgau war größer – in Traunstein lebt schließlich auch seine Freundin: „Ich wollte einfach zurück, muss ja irgendwann mal sesshaft werden“, lacht der Teisendorfer, der froh ist, das „Auszeitjahr“ gewagt zu haben: „Es tat richtig gut, mal für eine Zeit woanders zu sein“.

bit

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