Meister Adebar gesichtet

Große Storchenschar macht Rast bei Teisendorf - Geht es nach Westen oder Osten?

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Eine große Schar Weißstörche legte auf ihrem Zug Richtung Süden bei Patting (Markt Teisendorf), unweit der Sur, einen Zwischenstopp ein; auf der Anhöhe gegenüber sieht man die Anwesen von Berg (Gemeinde Saaldorf-Surheim).

Teisendorf - Eine ganz besondere Reisegesellschaft konnte am Mittwochabend bei ihrer Rast im Berchtesgadener Land beobachtet werden.

Auf einer Wiese nördlich von Patting, das zum Markt Teisendorf gehört, hatten sich unweit der Sur an die zwanzig Weißstörche niedergelassen, neun Vögel bevölkerten das Dach der neben der Wiese stehenden kleinen landwirtschaftlichen Maschinenhalle. So eine stattliche Menge, zusammen mehr als dreißig Störche, bringen selbst Experten ins Schwärmen. Toni Wegscheider, der Vorsitzende der Kreisgruppe Berchtesgadener Land im Landesbund für Vogelschutz (LBV), nennt eine derart große Storchenschar im Gespräch mit unserer Zeitung eine „kleine Sensation“ für die hiesige Gegend. Die Weißstörche stolzierten auf der Suche nach Nahrung elegant durch das Wiesengelände und ließen sich weder durch das Klicken der Kamera noch von vorbeifahrenden Autos und Radfahrern stören.


Als der spontane „Fototermin“ beendet war, wollte die Berichterstatterin, die sich vorsichtig in Richtung Straße zurückbewegt hatte, noch einen letzten Blick auf dieses außergewöhnliche Schar werfen und siehe da: Wiese und Hallendach waren bereits wieder leer, die Störche lautlos weitergezogen. Ciconia ciconia, so der wissenschaftliche Name des Weißstorchs, ist ein Langstrecken-Zugvogel, der jährlich weite Strecken zwischen seinen Brutplätzen und dem Winterquartier im Süden zurücklegt. Die schönen Vögel sind Segelflieger, die die Thermik der warmen Aufwinde zu nutzen wissen, Mitte August starten sie in die südlichen Gefilde. Es gibt Ostzieher und Westzieher. Die „Ostzieher“ ziehen über den Bosporus, das Jordantal und die Sinaihalbinsel bis nach Ost- und Südafrika. Dabei legen sie in vier- bis sechs Wochen an die 10 000 Kilometer zurück. Die „Westzieher“ fliegen bei Gibraltar über das Mittelmeer, um in Westafrika den Winter zu verbringen. Immer mehr der westziehenden Störche verkürzen allerdings ihre Route und bleiben in Nordafrika oder bereits in Spanien. Der Rückflug beginnt Mitte Februar, Mitte März bis Anfang April sind die Vögel dann in den mittel- und osteuropäischen Brutquartieren zurück.

Eines der bekanntesten Brutquartiere bei uns in der Gegend ist der dreißig Meter hohe, stillgelegte Kamin auf dem Gelände der Firma Rosenberger in Fridolfing. Als 1988 dort erstmals Störche gesichtet worden waren, wurde im Jahr darauf eine Nisthilfe in luftiger Höhe angebracht. Die Initiative ging von der Traunsteiner LBV-Kreisgruppe aus, das ausbaufähige metallene Nest baute übrigens ein Schlossermeister namens Sepp Daxenberger (der ein paar Jahre später in Waging der erste grüne Bürgermeister Bayerns wurde). Wie in dem von Theresia Stadler-Mayr für die Firma Rosenberger verfassten Heft „Rosenberger-Storchenhistorie“ (2020) nachzulesen ist, sorgte die Aktion sogar für überregionale Schlagzeilen, weil das Nest mit einem Hubschrauber der Bundeswehr platziert werden musste.


Der „Trupp“ auf dem Dach beobachtet aufmerksam das Geschehen am Boden.

Die Feuerwehrleitern waren nämlich nicht lang genug. Erstmals angenommen wurde das Nest allerdings erst 1994. In den folgenden Jahren ließen sich immer wieder Störche auf diesem Brutplatz nieder, bis 2004 wurden 12 Jungvögel in Fridolfing groß gezogen. Dann kamen etliche Jahre, wo kein Storchenpaar beim Rosenberger Station machte. Einer der Gründe waren schlechte Wetterbedingungen mit Hagel, Kälte und Starkregen, was vielen Alt- und Jungvögeln das Leben kostete.

Erst 2019 schaffte es wieder ein Storchenpaar, ein Junges auszubrüten und aufzuziehen. Um die Voraussetzungen für die Vögel zu verbessen, wurde die in die Jahre gekommene Nesthilfe heuer übrigens mithilfe eines 45 Meter hohen mobilen Krans durch eine neue ersetzt. Und wie schaut es im Berchtesgadener Land aus, findet Meister Adebar hier auch so eine einladende Brutmöglichkeit? Wie Melanie Tatzmann von der LBV-Kreisgruppe BGL auf Anfrage von bgland24.de mitteilt, gibt es im Landkreis Berchtesgadener Land momentan zwar noch keine Nesthilfe, allerdings plant der LBV gerade, drei Nesthilfen zu errichten. Als mögliche Standorte für die Kunstnester werden ein Schlot in Teisendorf, die Lokwelt in Freilassing und die Kirche in Leobendorf ins Auge gefasst.

Wie in den Veröffentlichungen des NABU, des Naturschutzbundes Deutschland e. V., der den Storch in seinem Wappen hat, nachgelesen werden kann, ist die Zahl der Brutpaare in Südwestdeutschland und in den nach Norden und Osten angrenzenden Bundesländern zwischen 2004 und 2014 stark angestiegen. Einer der Gründe für diesen positiven Trend ist laut einem NABU-Mitteilungsblatt (110/2018) der Bundesarbeitsgruppe Weißstorchschutz, der, dass die Weißstörche vermehrt auf der Iberischen Halbinsel überwintern, wo sie genügend Nahrung finden und sich den kräftezehrenden und gefahrvollen Zug nach Afrika sparen. Biotop-Verbesserungen und Artenschutzmaßnahmen hierzulande dürften ein Übriges tun.

Für welche Flugroute sich die in Patting gesichtete Storchenschar letztendlich entschieden hat, bleibt freilich offen, ein mehr als bemerkenswertes Naturschauspiel hat sie allemal abgegeben. Falls Ciconia ciconia, so der wissenschaftliche Name des im Volksmund genannten Klapperstorchs, seinem Namen alle Ehre macht, wird es also auch nicht überraschen, wenn es nächstes Jahr im Landkreis einen Babyboom gibt.

Karin Kleinert

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