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Glasformen made in BGL

Teisendorfer Betrieb schrieb ein erfolgreiches Kapitel Nachkriegs-Industriegeschichte 

So sah der Komplex der Firma MAFO um das Jahr 1953 aus.
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So sah der Komplex der Firma MAFO um das Jahr 1953 aus.

Was verbindet Teisendorf mit den feuerfesten Jenaschüsseln? Oder mit den ersten Röhrenfernsehern, die ab den 1950er Jahren die Welt in die deutschen Wohnzimmer brachten? Oder mit den vielen Kristallgläsern und -schalen, die als ganze Serien die Wohnzimmerschränke der Wirtschaftswunderjahre füllten? Nun, auch wenn viele es kaum glauben mögen, Teisendorf hat sehr viel damit zu tun.

Teisendorf - Hier wurden bei der MAFO - eine Abkürzung aus „Maschinen und Formen“ - die Maschinen, Formen und Werkzeuge zur Herstellung dieser Gegenstände und vieler mehr gefertigt. Ob Zahnarztspiegel, Flaschen, Gläser, Glasaschenbecher, Dekorationsobjekte, Blumenvasen und Glasbilderrahmen, Halogenstrahler oder optische Linsen, die Ausstellungsstücke in der Vitrine des Besprechungsraums der MAFO erinnern an ein erfolgreiches Kapitel Nachkriegs-Industriegeschichte, das in Teisendorf geschrieben wurde.  

Die Gründung des Betriebs MAFO 1949 durch Gustav Adolf Kuhn

Der Betrieb MAFO war 1949 von Gustav Adolf Kuhn gegründet worden. Dass es gerade Teisendorf war, wo der 1905 in Recklinghausen geborene, studierte Maschinenbauer und Betriebswirtschaftler seinen Traum vom eigenen Unternehmen verwirklicht hat, ist auf einen „beruflichen Zufall“ zurückzuführen. 

Gustav A. Kuhn war nach dem Krieg als beratender Ingenieur und Treuhänder für verwaiste ehemalige Betriebe auch aus der Rüstung tätig. Unter anderem wurde er auch Treuhänder der in Teisendorf ansässigen Firma Grenzland, während der Kriegsjahre ein Betrieb für wehrtechnische Entwicklung und Fertigung, der zum Militärflugplatz Mitterfelden-Ainring gehörte. 

Unmittelbar nach dem Krieg wurden hier mit den vorhandenen Maschinen für kurze Zeit Dinge des täglichen Bedarfs gefertigt.  Die Fertigungshalle von Grenzland stand in Teisendorf in etwa dort, wo heute die Schule ist. Sie wurde später als Festsaal und Dorfstadel genutzt. 

1948 wurde Kuhn Geschäftsführer von Grenzland, dann übernahm er den Betrieb und gründete mit den vorhandenen Maschinen 1949 die MAFO. Kuhn wußte, dass im Nachkriegsdeutschland Maschinen und Werkzeuge für die Industrie fehlten. Und er hatte durch seine berufliche Tätigkeit vor dem Krieg bei den Bayerischen Motorenwerken in München und als freier Industrieberater bei der Firma Wegener in Berlin viele Kontakte geknüpft

Freundschaft schafft Inspiration

Ein besonders freundschaftliches Verhältnis verband ihn mit Professor Dr. Erich Schott, dem Gründer und Inhaber der Schott Glaswerke Mainz vormals Jenaer Glaswerk. Erich Schott und sein Vater Otto Schott gelten als die unangefochtenen Koryphäen auf dem Gebiet der Spezialglasentwicklung, „Schott-Glas“ ist bis heute der Inbegriff von Qualitätsglas schlechthin.

Es war die Freundschaft mit Erich Schott und der Reiz des technisch Neuen, die Kuhn dazu brachten, in Teisendorf einen Betrieb zur Herstellung von Geräten, Werkzeugen und Maschinen für die hochsensible Glasproduktion aufzubauen.

Von Grenzland zu MAFO

Anfangs wurde noch in der Halle der Firma Grenzland produziert. 1949 erwarb Gustav A. Kuhn ein 35.000 Quadratmeter großes Grundstück gegenüber dem Bahnhof, wo in nur fünfzig Tagen eine erste Halle errichtet wurde, in einfachster Bauweise, denn Baumaterial war rar. Am 17. November 1949 wurde der Betrieb mit vierzehn Mitarbeitern und gebrauchten Maschinen aufgenommen.

Erste Kunden waren die Schott Glaswerke aus Mainz, die Vereinigten Farbenglaswerke aus Zwiesel und das Glaswerk Müller aus Kipfenberg. 1951 erfolgte die Zusammenlegung und der Umzug der Firma Grenzland zur MAFO.

„Ein wichtiger Beitrag zur Integration der Flüchtlinge“

Die Belegschaft wurde um weitere zwanzig Mann aufgestockt, darunter viele Heimatvertriebene aus den deutschen Ostgebieten wie Böhmen und Schlesien, die in den Lagern in Mitterfelden-Ainring und Teisendorf untergebracht waren.

Diese hatten bereits in ihrer Heimat als Spezialisten für Glasformenbau gearbeitet und konnten ihr umfangreiches Fachwissen jetzt einbringen. Die Schaffung von neuen Arbeitsplätzen in der Region war ein wichtiger Beitrag zur Integration der Flüchtlinge, die alles verloren hatten. 

Mit dem Puls der Zeit und einer eigenen Gießerei begehrt bis heute

Bereits ein Jahr später 1952 wurde eine zweite Halle fertiggestellt. Ab dann ging es für den Betrieb stetig aufwärts. Die Belegschaft wuchs, die Auftragsbücher waren übervoll, man war am Puls der Zeit. Bereits 1952 wurden bei der MAFO in Teisendorf deutschlandweit die ersten Formenwerkzeuge für Fernsehröhren hergestellt, drei Jahre später die Maschinen für deren vollautomatische Fertigung.

Auch die feuerfesten „Jena-Schüsseln“, die in den Nachkriegsjahren Millionen Haushalte weltweit eroberten, wurden in Formen der MAFO gepresst. Wer Laborglas, Elektroglas, Glasgegenstände für optische, pharmazeutische, chemische Zwecke oder den täglichen Gebrauch herstellen wollte, benutzte Spezialmaschinen und Stahlformen aus Teisendorf. Prof. Dr. Erich Schott war mehrmals bei der MAFO zu Besuch, auch der Bayerische Ministerpräsident Alfons Goppel gab sich die Ehre.  

Ministerpräsident Alfons Goppel (Mitte) mit Firmengründer Kuhn (rechts) bei einem Rundgang durch das Werk.

Mit der Gründung einer eigenen Gießerei 1964 schuf man die Möglichkeit, Spezialgusseisen, das den hohen thermischen Anforderungen beim Glaspressen genügt, selbst zu entwickeln. Es wurde nun nicht nur gefertigt, sondern auch viel experimentiert. Durchaus mit Erfolg. Denn bis heute sind Formen aus Speziallegierungen, die hier entwickelt wurden, in der Glasindustrie gefragt.

Nach einem Bergab für die Firma wieder ein Aufstieg in der heutigen Zeit

Nur werden sie nicht mehr in Teisendorf hergestellt. Denn mit der Firma ging es ab den 1980ern bergab. Der plötzliche und unerwartete Tod des Firmengründers Gustav A. Kuhn 1982, die Auswirkungen der Wirtschaftskrise in den 1970ern, die technische Revolution bei der Fernsehkonstruktion hin zum Flachbildschirm und die Verlagerung der Glasindustrie ins Ausland führten das Teisendorfer Vorzeigeunternehmen in turbulente Zeiten bis zum Verkauf und zur Insolvenz

2002 wurde es als MAFO Systemtechnik neu gegründet und komplett neu ausgerichtet. An die Produktion der Spezialmaschinen und Formen für die Glasindustrie erinnern nur noch die vielen Ausstellungsstücke in den Vitrinen und die Erzählungen gewesener Mitarbeiter.

Geblieben sind die hohe Fertigungskompetenz mit unterschiedlichsten Fertigungsverfahren sowie schnelle spezifische Lösungen aus einem Guss für individuelle Anforderungen, jetzt aber für andere Branchen. Jedes Unternehmen ist eben auch ein Kind seiner Zeit!

kon

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