Corona beeinträchtigt Musikvereine im Chiemgau stark

Ein bayerischer Frühling ohne Blasmusik

Die Musikkapelle Teisendorf beim vorjährigen Fronleichnamsfest
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Teisendorf - Gut 20 Jahre war Baldwin Gruber Dirigent der Musikkapelle Teisendorf. Vor Kurzem ist der Lehrer, Organist und Chorleiter im Alter von 84 Jahren verstorben. Die Beerdigung fand, der Corona-Situation geschuldet, in einem kleinen, stillen Rahmen statt.

Normalerweise hätte die Musikkapelle ihren langjährigen Leiter am Grab mit würdigen Blasmusikklängen verabschiedet. Und wahrscheinlich hätte auch ein Chor gesungen. So aber erinnerten nur die Kränze des Musikvereins Teisendorf und des Bezirksmusikverbandes Chiemgau-Rupertigau an die Verdienste des Verstorbenen um die Blasmusik seiner Heimat.


Es gäbe noch viele solcher Beispiele, wo die Blasmusik, die zu Bayern gehört wie die Tracht, die Vereine, die Feste, die Biergärten einfach fehlt. Seit gut zwei Monaten mit dem Corona-Lockdown ist sie verstummtkeine Konzerte und öffentlichen Auftritte, keine großen Hochzeiten oder Aufmärsche. Und vor allem auch keine Proben von Musikgruppen oder Blaskapellen.

In Teisendorf wurden bis jetzt rund zwanzig Veranstaltungen, bei denen die Musikkapelle gefragt gewesen wäre, abgesagt oder ins nächste Jahr verschoben. Kein Starkbieranstich im März, keine Prozessionen am Palmsonntag oder an Fronleichnam, kein Osterkonzert der Musikkapelle, kein Leonhardiritt mit Festwoche in Holzhausen zu Pfingsten, kein Schützenauszug am 1. Mai und vieles mehr. Die Blasmusik muss schweigen!


Ähnlich wie den drei Musikkapellen aus der Teisendorfer Marktgemeinde, Teisendorf, Weildorf und Neukirchen, geht es auch den rund 60 Musikkapellen oder über 2500 Musikanten aus dem gesamten Bezirksmusikverband Chiemgau- Rupertigau, erzählt dessen Vorsitzender Thomas Egger. Er kann die Ungeduld und Unzufriedenheit der Musikanten gut verstehen, denn Egger ist selbst Vollblutmusiker, spielt seit gut 30 Jahren in der Musikkapelle Teisendorf Klarinette und Tuba, war 18 Jahre deren Dirigent. „Es geht uns allen gleich“, meint er, „wir sind unglücklich, weil wir nicht Musi spielen können, denn das will ja jeder Musikant“.

Egger versucht mit den Vorständen, Dirigenten, Jugendleitern und sonstigen Verantwortlichen der Musikvereine und Musikkapellen im Bezirksverband zumindest über E-Mail in Kontakt zu bleiben und sie über die Entwicklungen auf dem Laufenden zu halten. Auch auf Bezirksebene mussten Veranstaltungen abgesagt oder verschoben werden. Das für den 5. Juli geplante Bezirksmusikfest in Schnaitsee wurde um ein Jahr verschoben, ebenso wie das Musikfest Kirchanschöring.

Die inzwischen sehr beliebten Sommernachtskonzerte in Laufen mit Musikkapellen aus Bayern und dem benachbarten Salzburg, die im Juli auf dem Rupertusplatz hätten stattfinden sollen, stehen auf der Kippe. Unter anderem fehlen den Kapellen die Proben, um sich bei einer solchen Veranstaltung präsentieren zu können.

Noch nicht entschieden sei, so Egger, über die Konzerte des Bezirksjugendorchesters ChiemRupertigau 2020 im November. In diesem Jahr hätte das Projekt unter dem Motto „BigBandsound trifft Heimatsound“ stehen sollen. Um es zu realisieren, wären gemeinsame Proben und ein dreitägiges Probenwochenende am Hintersee für die rund 60 jungen, ausgewählten Musiker vorgesehen gewesen. Eine Entscheidung dazu werde man im August/September treffen.

Sorgen macht dem Bezirksvorsitzenden auch die Durchführung der Prüfungen zum Musikerleistungsabzeichen. Jährlich nehmen 150 bis 200 junge Musiker daran teil. Dies sei „ein essentieller Beitrag zur nachhaltigen Sicherung unserer Blasmusiktradition“ meint Egger. Mitten in die Vorbereitungen zum Frühjahrkurs ist die Pandemie geplatzt und beendete damit erstmal die Bemühungen und Pläne der Jungmusikanten.

Auch der Herbstkurs in Traunstein ist zur Zeit noch ungewiss. Zwar ist seit dem 11. Mai der Einzelunterricht an den Musikschulen wieder zugelassen, die Rahmenbedingungen für die Abhaltung der Prüfungen zum Leistungsabzeichen sind aber noch nicht genau festgelegt.

Ein Lob hat der Bezirksvorsitzende Egger für den Musikbund von Ober- und Niederbayern übrig. Dieser habe sehr schnell in der Krise für die Mitgliedskapellen musikalische und vereinsbezogene Fortbildungen in Form von Webinaren angeboten.

Mitglieder der Münchner Philharmonie konnten für Satzproben gewonnen werden, wo die Musikanten sich von zuhause einloggen und mitmachen konnten. Auch das Gespräch mit der Politik hätten die Verantwortlichen gesucht, so dass das Thema „Blasmusik in Coronazeiten“ aktuell im Kabinett in München auf der Tagesordnung ist.

Natürlich hoffen alle Musikanten auf positive Signale, denn nichts sei schlimmer, als die Unsicherheit und das Abwarten. Und auch auf finanzielle Unterstützung hoffe man, so Egger, denn den Musikkapellen fehlen die Gagen und Einnahmen, während die laufenden Ausgaben, wie zum Beispiel für Instrumentenreparaturen, Notenkauf, Uniformen weiter anfallen.

Zum Schluß weist Thomas Egger, der auch Gemeinde- und Kreisrat ist, darauf hin, dass nicht nur die Musikvereine, sondern alle Vereine in den Kommunen wieder „aufwachen“ müssen. „Vereinsheime sind gesperrt, Vorstandssitzungen verboten, Veranstaltungen fallen aus. Das kann bei aller notwendigen Vorsicht nicht endlos weitergehen. Die Vereine sind ein wesentlicher Teil unseres Zusammenlebens“.

Und dann hat der Bezirksvorsitzende noch eine Forderung an die Politik parat: „Wir brauchen eine klare Definition des Begriffs „Großveranstaltungen“, die bis zum 31. August verboten sind. Wieviele Teilnehmer sind damit gemeint? Ab wann ist ein Gartenfest eine Großveranstaltung?“ Es gibt noch viele Fragen zu klären, bis die Blasmusik wieder spielen darf!

Monika Konnert

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