Warum ist der Kindergarten abgesoffen?

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Saaldorf-Surheim - Den Kindergarten Waldmaus hat es beim Hochwasser sehr schlimm erwischt. Aber warum eigentlich? ** NEU: VIDEO **

Ihren Augen kaum trauen wollten viele Surheimer, als sie an den vergangenen Hochwassertagen vor dem Kindergarten Waldmaus standen: Quer über die Straße Richtung Muckham war ein großer Graben ausgehoben, durch den sich ein reißender Bach in den gegenüber liegenden Wald ergoss. Das Kindergartengelände war großflächig überschwemmt und die Kellerräume der Kinderkrippe waren total in den Fluten versunken. Wo kommen die Wassermassen her? Wie konnte es zu der Überflutung kommen? Ratlosigkeit und spekulative Ursachenforschung machten sich bei Betroffenen und Beobachtern breit. Unser Mitarbeiter Norbert Höhn begab sich in Begleitung auf Spurensuche.

Montag-Nachmittag, noch immer schüttet es wie aus Kübeln. Der physikalischen Tatsache folgend, dass Wasser nach unten fließt und sich dabei den Weg des geringsten Widerstands sucht, treten wir unsere nasse Exkursion vom Kindergarten ausgehend „flussaufwärts“ an. Erste Station ist die Radwegunterführung an der Kreisstraße, durch die sich die Wassermassen drängen, um sich dann über die Wiesen Richtung Waldmaus auszubreiten. „Eigentlich ist die Lohbachbrücke, wie sie bezeichnenderweise heißt, als Wasserdurchlass angelegt worden, um erst viel später praktischerweise auch als Radl-Unterquerung benutzt zu werden“, erklärt Albert Rottler jun., der ganz in der Nähe zu Hause ist und die örtlichen Verhältnisse von Kind auf kennt. Auf der anderen Seite der Unterführung können wir die Wassermassen über Ackerfurchen bis zu einem kleinen Wäldchen verfolgen und von dort aus weiter in Richtung Haberland. Zu hohe Wasserstände und gesperrte Straßen zwingen immer wieder zu weiten Umwegen und zum Umsteigen aufs Auto. Unterhalb des Haberlander Kirchleins finden wir „unser Wasser“ wieder und zwar in Form eines beachtlichen Bachlaufes, der die Straße Richtung Saaldorf weiträumig überschwemmt hat. „Der kleine Dorfweiher, die „Haberlander Loh“, ist Teil einer Flutmulde, lässt uns Andreas Buchwinkler wissen. Sein Haus und das landwirtschaftliche Anwesen seiner Eltern liegen Gott sei Dank hoch über dem Graben. „Für die älteren Haberlander war es nichts Außergewöhnliches, wenn der Lohbach „übergegangen“ ist. Das hat sich erst geändert, seit es den Surspeicher gibt“, erzählt Andreas Buchwinkler.

Der nächste Punkt unserer Spurensuche führt uns auf den Radweg zwischen Haasmühl und Freilassing. Kurz vor dem Baggerweiher müssen wir abermals vor den Wassermassen kapitulieren. Die weite offene Feld- und Wiesenlandschaft beiderseits der Straße präsentiert sich als riesige Seenplatte. „Wo kommt das Wasser her?“, fragen wir Erich Prechtl, einen profunden Kenner der heimischen Gewässer. „Eigentlich gehört alles, was da daher kommt, zum Gewässersystem der Sur, doch bei großen Hochwasserereignissen haben sich die Fluten schon immer ihre eigenen Wege gesucht.“ Erich Prechtl weist auf den Sonnwiesgraben hin, der vom Ulrichshögl kommt und auf seinem Weg durchs Ainringer und Peracher Moos viel Wasser aufsammelt. „Wegen der Lehmböden auf seinem weiteren Weg kann da nicht viel versickern.“ Was der Naturschützer meint, finden wir an der Staatstraße zwischen dem Freilassinger Freibad und der Stadtgrenze eindrucksvoll bestätigt, die ebenfalls „Land unter“ ist.

Langsam können wir den „Wasserweg“ zum Surheimer Kindergarten nachzeichnen. Eine Frage bleibt allerdings noch übrig: Wie kommt das Wasser auf die Ostseite der Bahnstrecke Freilassing - Mühldorf? Dies herauszufinden wird nochmals eine sehr feuchte Angelegenheit, doch schließlich schaffen wir es zu drei Bahnbrücken zwischen einem Freilassinger Recyclingbetrieb und Haberland. Der erste Durchlass nördlich des Baggerweihers ist „trocken“, doch durch die zwei folgenden Tunnels strömt ein Teil des Wassers, der Rest bleibt auf der Westseite und fließt Richtung Haberlander Unterführung und Sur. „Wäre es nicht eine Möglichkeit gewesen, die Durchlässe dicht zu machen, um die „Waldmaus“ zu verschonen?, wollen wir von Andreas Buchwinkler wissen. „Darüber haben wir schon diskutiert“, sagt er, „doch dann wäre mehr Wasser in die Sur geflossen und hätte womöglich die Unterlieger gefährdet.“

Zurück am Kindergarten wollen wir noch erfahren, wie der weitere Weg des Wassers ist. Wir fragen Ortschronistin Maria Hafner und erhalten einen Hinweis auf das von ihr herausgegebene Heimatbuch. Neben einem Kataster-Ausschnitt von 1817, auf dem die Muckhamer Flur dargestellt ist, kann man folgendes Zitat lesen: "Nördlich von Muckham befand sich der sogenannte „Lohgraben“, der das Sur-Hochwasser über Haberland und Schrankbaum in den Muckhamer Graben leitete."

Hochwasser am Surheimer Kindergarten

Nach so viel praktischer und theoretischer Wassererfahrung drängt sich am Schluss dann noch die Frage auf, warum steht der Kindergarten dort, wo offenbar schon immer ein Hochwassergraben verlaufen ist? „Darauf hingewiesen habe ich bei der Planung für den ersten Kindergartenabschnitt schon“, sagt Felix Hagenauer sen. Schließlich sei nach dem großen Hochwasser von 1959 eine Flutmulde, die „Schrankeigruabn“, genau dort ausgespült worden, wo später der Kindergarten entstand. Zu klären werden diese Fragen wohl nicht mehr sein. Und dann hat es sich ja um ein „Jahrtausend-Ereignis“ gehandelt, wie es zwischenzeitlich heißt. Eine beklemmende Nachdenklichkeit bleibt dennoch, wenn wir gerade wieder einmal erleben, wie die Menschen trotz aller Technik- und Fortschrittsgläubigkeit den Mächten der Natur hilflos ausgesetzt sind.

nh

Rubriklistenbild: © Höhn

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