2021 läuft Förderung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes aus

Solarpioniere Hans Bamberger und Norbert Höhn im Interview

Hans Bamberger und Norbert Höhn vor dem gemeindlichen Bauhof
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Die Saaldorf-Surheimer Solar-Pioniere Hans Bamberger (links) und Norbert Höhn vor dem gemeindlichen Bauhof, auf dessen Dach sich die Bürgersonnenkraftwerke GbR 1 (2001) und GbR 3 (2007) befinden; GbR2 (2002) befindet sich auf dem Dach des Feuerwehrhauses in Saaldorf

Saaldorf-Surheim - In Saaldorf-Surheim entstand 2001 das erste Bürgersonnenkraftwerk des Landkreises. Die zwei Solarpionieren der Gemeinde sprachen mit uns über die auslaufende Förderung

Während der Jahrtausendwende wurden in Deutschland viele private Photovoltaikanlagen in Betrieb genommen, die seitdem Solarstrom in das öffentliche Netz einspeisen. Etliche solcher Anlagen wurden gemeinschaftlich betrieben, weshalb man sie Bürgersonnenkraftwerke nannte. Neben dem Nutzen für die Umwelt lockte eine Rendite, denn aufgrund des im Jahr 2000 eingeführten sogenannten EEG, des „Erneuerbare- Energien-Gesetzes“, bekamen die Betreiber anfangs eine Einspeisevergütung von 99 Pfennig pro Kilowattstunde, also rund 44 Cent.


Auch in der Gemeinde Saaldorf-Surheim gab es unter Federführung von Norbert Höhn und Hans Bamberger ein solch innovatives Projekt. Weil es das erste im gesamten Landkreis Berchtesgadener Land war, hat es damals eine Vorreiterrolle in der Region eingenommen. 

Erstes Bürger-Sonnenkraftwerk im Juli 2001


Um das Projekt voranzubringen, waren die beiden Idealisten, die später für die Grünen in den Gemeinderat gewählt wurden, mit anderen Mitstreitern viel unterwegs. Sie mussten für ihr Projekt, das sie als kleinen Beitrag zur Energiewende sahen, geradezu „werben“, denn es galt, die dafür notwendigen finanziellen Mittel für die Realisierung zusammen zu bekommen. Im April 2001 war es dann soweit und sie gründeten mit einigen Mitstreitern eine GbR, eine Gesellschaft des bürgerlichen Rechts. Bereits im Juli 2001 ging das erste Bürger-Sonnenkraftwerk auf dem Dach des gemeindlichen Bauhofes ans Netz. Das Projekt war so erfolgreich, dass zwei weitere Sonnenkraftwerke realisiert werden konnten: 2002 auf dem Dach des Feuerwehrhauses in Saaldorf und 2007 erneut auf dem Dach des Bauhofes. 

Auf zwanzig Jahre begrenzte EEG-Förderung läuft nächstes Jahr aus

Jedes Jahr legen die Initiatoren, die auch als ehrenamtliche Geschäftsführer fungieren, den Gesellschaftern - es sind fünfzig geworden - einen Rechenschaftsbericht vor. Weil die Gesellschafterversammlung heuer wegen Corona abgesagt werden musste und das Thema obendrein hochaktuell ist – ab 1. Januar 2021 läuft nämlich die auf zwanzig Jahre begrenzte EEG-Förderung für die erste Anlage aus und seitens der Bundesregierung wurde erst vor kurzem über die künftige Einspeiseregelung der Solarenergie ins Stromnetz entschieden, haben wir die beiden Solar-Pionieren zu einem Interview getroffen. Ort des Gesprächs ist der gemeindliche Bauhof in Surheim, auf dessen Dachfläche GbR 1 und GbR 3 installiert sind.

Interview mit Bamberger und Höhn

Bis Ende 2019 haben Sie mit den drei Bürger-Sonnenkraftwerken rund 550 000 Kilowattstunden Sonnenstrom „geerntet“  und die Gesellschafter dürfen sich über eine jährliche Gewinnausschüttung freuen. Sie haben also Ökologie und Ökonomie ganz gut unter einen Hut gebracht, wie sieht die Bilanz aus?

Bamberger: Wir hatten als Kalkulationsgrundlage eine jährliche Einspeisung von 850 Kilowattstunden pro Kilowatt installierter Anlage (kWh/kWp) angenommen. Weil über die Jahre hinweg um einiges mehr eingespeist wurde - von 2007 bis 2019 belief sich die durchschnittliche jährliche Einspeisung der drei Anlagen auf 920 kWh/kWp - erhielten die Gesellschafter jährliche Renditen in Höhe von 3,25 Prozent, außerdem konnten wir bislang neunzig Prozent der Einlagen zurückbezahlen.

Dann ist Ihr Pioniergeist also belohnt worden?

Höhn: Als wir 2001 als erste Kommune im Landkreis unser Projekt „Bürger-Sonnenkraftwerk“ starteten, betraten wir absolutes Neuland. Dies betraf nicht nur organisatorische, technische und fiskalische Fragen – es war auch spannend, ob und wie wir unsere Idee unter die Leute bringen können. Rückblickend kann man feststellen, dass sich der Aufwand gelohnt hat. Sonnenstrom ist zwischenzeitlich zur Alltagstechnik geworden und trägt einen erheblichen Teil zur Energiewende bei. 

Das hört sich für alle Seiten ausgesprochen positiv an: Für die Umwelt, die Verbraucher und die Anleger – wenn da nur nicht die Tatsache wäre, dass die auf zwanzig Jahre begrenzte EEG-Förderung 2021 ausläuft. Auch die erste Saaldorf-Surheimer Anlage, GbR 1, ist davon betroffen.  Wie ist deren Zustand?

Bamberger: Von 2001 bis 2016 hat GbR 1 überdurchschnittlich viel Strom erzeugt. Seither mussten schrittweise defekte Module  getrennt werden. Im Jahr 2019 haben wir daher nur 320 kWh/kWp erreicht. Eine Erneuerung der defekten Module ist unter den aktuellen Bedingungen nicht wirtschaftlich, auch wenn die Investitionskosten pro kWp installierter Leistung in den letzten Jahren deutlich gesunken sind: während sie 2001 etwa 6000 Euro ausmachten, haben sich die Kosten auf Grund von stetigen Verbesserungen bei Technik, Herstellung und Montage bis dato auf etwa 1000 Euro reduziert. 

Höhn: Wie alle technischen Einrichtungen unterliegt auch eine PV-Anlage Verschleiß- und Abnützungserscheinungen. Hinzu kommen manchmal auch Defekte durch äußere Einwirkungen, etwa Hagelschlag. Zu unserer Anlage GbR1 muss allerdings kritisch angemerkt werden, dass uns die verantwortliche Firma bei notwendigen Reparaturen förmlich im Regen hat stehen lassen. 

Und die anderen zwei GbR, wie sind die in Schuss? 

Bamberger: Die beiden anderen Anlagen sind noch voll funktionsfähig. Es zeigen sich hier nur geringfügige Leistungsreduzierungen im Vergleich zum ersten Betriebsjahr.

Was halten Sie von der jüngst verabschiedeten „EEG-Novelle 2021“? Eine der Regelungen besagt, dass ausgeförderte Anlagen übergangsweise die Möglichkeit bekommen, den Strom weiter über den Netzbetreiber zu vermarkten. Dafür erhalten sie den Marktwert abzüglich der Vermarktungskosten. Was bedeutet das für das Saaldorf-Surheimer Bürgersonnenkraftwerk? 

Höhn: Was die Politik hier veranstaltet, ist ein einziges Trauerspiel. Bereits Ende 2020 läuft bei den ersten Anlagen die Bindungsfrist aus – und keiner weiß wie es weitergehen wird. In der EEG-Novelle 2021 wird zwar ein klares Zukunftssignal für mehr Klimaschutz und mehr Erneuerbare Energien groß angekündigt, aber in keinem Wort wird erwähnt, was mit den Altanlagen passieren soll. Die Betreiber solcher Anlagen sind ratlos und bisher weitgehend auf sich selbst gestellt. Es wäre paradox, wenn im Zweifelsfall diese voll funktionsfähigen Anlagen vom Netz genommen werden müssten.  

Neben der Direktvermarktung bleiben als weitere Möglichkeiten doch nur ein höherer Eigenverbrauch oder das Stilllegen der Anlage. Was käme für Sie in Betracht?

Bamberger: Ich würde mich freuen, wenn die Gemeinde die Anlage weiterbetreiben und die Möglichkeit des Eigenverbrauchs nützen würde.  Eine weitere Einspeisung ins Netz unter den gegebenen Bedingungen ist für die GbR nicht mehr wirtschaftlich.

Hat es schon Gespräche mit der Gemeinde Saaldorf-Surheim gegeben, auf deren Liegenschaften die Sonnenkraftwerke errichtet wurden und mit der damals Gestattungsverträge geschlossen wurden?

Höhn: Ja, Bürgermeister Andreas Buchwinkler hat uns als Geschäftsführer der GbR zu einem Gespräch eingeladen, bei dem das weitere Vorgehen ausgelotet wurde. Mit der Gemeinde bestehen ja symbolische Gestattungsverträge zur Nutzung der gemeindeeigenen Dachflächen. Diese Verträge sind mit den vertraglichen Laufzeiten der Anlagen identisch. Natürlich wäre es wünschenswert, wenn die Stromkraftwerke nach Vertragsende von der Gemeinde weiterbetrieben oder gegebenenfalls durch neue ersetzt würden.

Eine „philosophische“ Frage zum Schluss: denken Sie, dass sich in den letzten zwanzig Jahren im Bewusstsein der Menschen in puncto Erneuerbare Energien etwas verändert hat? 

Höhn: Ich bin mir nicht sicher, ob sich im Bewusstsein so viel verändert hat. Die Energiewende ist zwar im Zusammenhang mit der Klima-Problematik in aller Munde, aber was den verschwenderischen Umgang mit Energie anbelangt, gibt es noch großen Handlungsbedarf. Der Druck entsteht vor allem durch die dramatische Faktenlage in Sachen Klima, die kein längeres Zuwarten erlaubt. Wir als Pioniere in Sachen Bürger-Sonnenkraftwerke freuen uns selbstverständlich, dass wir einen kleinen Beitrag zur Energiewende leisten konnten.

Karin Kleinert

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