Rettungsak​tion in der Pfingsthöh​le

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Freilassing - 14 ehrenamtliche Einsatzkräfte haben sich bei ihrer Übung durch den schlammigen Grund der Pfingsthöhle gearbeitet. Hier die Bilder:

Sie ist vermutlich das dreckigste und stellenweise engste Loch in den Berchtesgadener und Chiemgauer Bergen und dennoch zauberhaft schön: Die Pfingsthöhle im Müllnerhörndl steil oberhalb des Saalachsees war im November Schauplatz einer besonders schwierigen Einsatzübung, bei der die Höhlenretter der Bergwacht Freilassing einen Patienten mit der Spezialtrage „Nest“ durch den rutschigen und verwinkelten Horizontalschacht zurück ans Tageslicht bringen mussten.

"Der elfjährige Flori, Sohn von Ausbildungsleiter Manfred Huber, hat sich tief im Berg den Fuß gebrochen“, lautete die Annahme und Aufgabe für die insgesamt 14 ehrenamtlichen Einsatzkräfte, die sie getreu ihrem Motto „geht nicht gibt’s nicht!“ mit viel Muskelkraft, Idealismus und Einfallsreichtum diesen Übungseinsatz meisterten.

Ein schonungsloser, viereinhalbstündiger Einsatz für Mensch und Material in einer doch sehr rauen und lebensfeindlichen Umgebung. Durchhaltevermögen und starke Nerven waren gefragt.

19 Retter kämpfen sich durch die Gänge des Müllnerhörndls

Extrem enge, gewundene Gangstrecken im Wechsel mit absturzgefährlichen Spalten und überall von dickem, glitschigen Lehm überzogener Fels machten die 120 Meter Rettungsstrecke zu einem schweißtreibenden und abenteuerlichen Unterfangen, bei dem vor allem die Technikfreaks mit gleich drei Sicherungseinbauten voll gefordert waren.

Rettungsak​tion aus der Pfingsthöh​le

Der Berg schweigt; das Wasser hat seinen Kalkstein über Jahrtausende hinweg auf dem Weg ins Tal Richtung Saalach wie einen Schweizer Käse durchlöchert. Wenn die über uns wirklich bald ein Pumpspeicherkraftwerk bauen, dann versickert alles in diesem überdimensionalen Schwamm und der Beton rinnt von der Decke. Schade um die schöne Höhle.

„Fango Extreme“: Die besonders schlammige Tour für Outdoor-Touristen

Es ist ein lauer Samstagvormittag im Spätherbst und man schleppt mehrere hundert Kilo Material vom neuen Höhlenretter-Anhänger weg über das steile, ausgetrocknete Bachbett zum 200 Meter höher gelegenen Eingang hinauf. Zwischen den bunt gefärbten Bäumen ist ein langes Seil gespannt, das wir als große Wäscheleine missbrauchen. Raus aus den verschwitzten Klamotten, rein in die Höhlenoveralls: Warmer Unterschlaz, robuster Oberschlaz, Spezialgurt, Karabiner und mehr.

Fürs Höhlengehen braucht man ganz schön viel Zeugs und das ist besonders schwer und robust, da es in der Höhle durch scharfe Kanten und den feuchten und feinen Sand stärker beansprucht wird und deshalb auch mehr aushalten muss. „Es ist durchaus möglich, dass wir hier mal jemanden rausholen müssen. Die Adventhöhle und die Pfingsthöhle gehören zum selben System und sind eines der wenigen Objekte im Landkreis, die auch touristisch genutzt werden“, erklärt mir der Tierarzt Dr. Hubert Glässner, der seit Jahrzehnten in Höhlen unterwegs ist und die Freilassinger Rettungsgruppe mit aufgebaut hat. Ihre beiden Eingänge liegen nah beieinander: Unter dem Namen „Fango Extreme“, was so viel bedeutet wie „besonders schlammig“, führt ein heimischer Outdoor-Anbieter regelmäßig Höhlenbegeisterte ins Müllnerhörndl hinein. Im Look der Indiana-Jones-Filme ziehen sich dicke Taustrecken mit Halteknoten durch die engen Gänge.

Gummi-Fledermäuse für alle

Über eine kurze Klettersteig-Passage geht’s hinauf zum Eingang. „Alle die hier reinkraxeln bringen wir auch heil wieder raus!“ Höhlenrettungschef Peter Hogger kniet an der Schleuse, registriert nacheinander die 19 Teilnehmer auf einer Liste und verteilt Gummi-Fledermäuse, sozusagen die Symbol- und Schutztiere der Höhlenforscher und -retter. Normalerweise gibt’s die erst ganz tief unten im Schacht; heute macht er für uns eine Ausnahme. Peter ist ein Netzwerker; er weiß wie er die Leute zusammenbringt und motivieren kann. Mit dabei sind zum wiederholten Mal auch Andrea von den Salzburger Höhlenrettern sowie Thomas und Jakob von der Bergwacht Berchtesgaden, die sich ebenfalls mit dem Höhlenvirus infiziert haben und begeistert mit in dunkle Löcher steigen. Manfred Huber und sein Sohn Florian gehen voraus.

Der Elfjährige darf heute den Patienten mimen und strahlt über beide Ohren. Andrea folgt ihnen im dichten Schritt. Sie ist wie bei vielen Übungen zuvor die Telefondame und verlegt ein langes Kabel vom Eingang bis zur 150 Meter tief im Berg gelegenen Einsatzstelle, damit der Rettungstrupp später auch jenseits der Sicht- und Rufweite mit der Außenwelt kommunizieren kann. Zusätzlich gibt’s eine mobile Zwischenstation und Funkgeräte, die trotz der dichten Felswände auf kurze Strecken gut funktionieren.

Millimeterarbeit durch enge Felslöcher hindurch

Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg! Und schon geht’s los: Alle packen mit an, ziehen, drücken, schieben und stemmen von oben, unten, vorne und hinten – und tatsächlich, ein kleines Wunder unter Tropfsteinen geschieht: Meter für Meter rutscht das Nest durch die engen Spalten und Löcher in Richtung Ausgang. Jeder Schritt, jeder Griff ist wohl bedacht, denn der lehmige Fels ist glatt wie matschiger Schnee.

Als die Trage trotz aller Schwierigkeiten scheinbar so zauberhaft leicht am Führungsseil entlang wie eine große Schmetterlingspuppe durch die Höhle gleitet, denke ich einen Moment lang an emsige Ameisen, die mit ihren großen Greifzangen Sagenhaftes leisten und gemeinsam eine Vielfaches ihres Körpergewichts durch die Gänge ihres Baus bewegen. Ein schonungsloser Einsatz für Retter und Ausrüstung beginnt, aber anders geht es nicht: Innerhalb weniger Minuten ist alles vom braunen Lehm verdreckt. Manfred hält die ganze Zeit über engen Kontakt zu seinem Sohnemann, der die Übung scheinbar gelassen und in vollem Vertrauen auf das Können der Rettungskräfte hinnimmt. Nur als Sand von der Decke in sein Gesicht rieselt, wünscht er sich eine Skibrille.

„Im Ernstfall ist die psychische Betreuung des Patienten auf der gesamten Rettungsstrecke besonders wichtig, da der Abtransport je nach Schwierigkeit und Entfernung viele Stunden bis Tage dauern kann und schnell zur nervlichen Ausnahmesituation eskaliert“, erklärt mir Peter, der seit über vier Jahren mit seiner Gruppe bei regelmäßigen Touren die vielen Höhlen im Einsatzgebiet erkundet, um für den Ernstfall die notwendigen Ortskenntnisse zu gewinnen.

Schlammiger Schützengraben im Dauerregen

Wieder fit nach einer kurzen Verschnaufpause mit Semmeln, Süßigkeiten und Getränken gehts weiter aus der ewigen Finsternis in Richtung Sonnenlicht. Patient Flori in seiner Trage musste kurzerhand als Brotzeittisch herhalten, wurde aber ebenfalls reichlich mit verköstigt. Das kalte Tropfwasser steht knöchelhoch im Gang und die Szene erinnert an einen schlammigen Schützengraben im Dauerregen. Dort wo es gefährlich nach unten oder in enge Spalten geht, muss die Trage entsprechend mit Zugseilen, Schlingen und Umlenkrollen gesichert werden. Drei Techniktrupps haben bereits im Vorfeld mit Bohrmaschinen die notwendigen Haken gesetzt und helfen an den schwierigen Stellen mit vollem Krafteinsatz mit.

Nach mehreren gemeinsamen Übungen ist unser bunt gemischtes und internationales Team bestens aufeinander eingespielt. Jeder bringt sich mit seinen Stärken ein und weiß wo er hinlangen muss“, freut sich Peter. Strahlende Gesichter blicken schließlich in die weißmatte Herbstsonne, die tief stehend bei angenehmen 20 Grad zwischen den bunten Blättern durchblinzelt. Es ist geschafft! Trotz aller Schinderei hat die Arbeit in der Dunkelheit Spaß gemacht und der Erfolg spricht für das ganze Team.

Pressemitteilung BRK BGL

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