Bei den Milchwerken Berchtesgadener Land Chiemgau eG nachgefragt

Plastik: Unsagbarer Vorteil oder überflüssig? Das sagt der Geschäftsführer

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Um nachhaltig zu wirtschaften, hat Geschäftsführer Bernhard Pointner mit Barbara Bonschab (Produktmanagement, 2.v.l.), Lisa Weitz (Nachhaltigkeitsbeauftragte, l.) und Barbara Steiner-Hainz (Leiterin Presse, r.) ein gutes Team um sich geschart.
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Piding - Immer mehr Menschen verzichten auf Plastik, immer mehr Unternehmen reagieren darauf. Aber wie schnell ist das möglich? Kann man vor allem in der Lebensmittelproduktion ganz auf Plastik verzichten? BGLand24.de hat bei den Milchwerken Berchtesgadener Land Chiemgau eG nachgefragt.

"Es gibt nicht die eine ideale Verpackung", da ist sich der Geschäftsführer der Milchwerke, Bernhard Pointner, sicher. "Plastik bietet oft einen unsagbaren Vorteil." Dennoch versuche sein Unternehmen, alles zu hinterfragen und die bestmöglichste Verpackung für seine Produkte anzubieten. Vor allem unnötige Verpackung soll eingespart werden.

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Die 1927 gegründeten Milchwerke setzen seit 1990 auf die Flasche. Milch (1l) und Sahne (0,5l) werden im südlichen Deutschland in der Flasche angeboten. Außerdem wurde bereits in den frühen 90er Jahren der Zweikomponentenbecher bei den Fruchtjoghurts eingeführt. Ein dünner Kunststoffbecher sorgt für den optimalen Produktschutz, eine Pappmanschette übernimmt die Stabilität. Der dünne Kunststoffbecher ist mit 5,2 Gramm nicht einmal halb so schwer wie ein konventioneller Kunststoffbecher und wiegt weniger wie der Deckel auf Glasflaschen, der aus einem Verbund aus Metall, Lack und PVC besteht und nach einmaliger Verwendung vom Hersteller entsorgt werden muss.

Diese Art von Nachhaltigkeit hilft aber nur dann, wenn der Verbraucher mitspielt. "Plastik ist dann schlecht, wenn das Recycling nicht funktioniert", weiß Pointner. Landet der Zweikomponentenbecher trotzdem im Restmüll statt im gelben Sack und im Papier kann er eben nicht wiederverwertet werden.

Flaschenproduktion an ihre Grenzen gestoßen

Ein weiterer Punkt, auf den die Milchwerke achten, sind die Rohstoffe der Verpackungen. Beispielsweise die Frischmilch-Verpackungen bestehen zu über 90% aus nachwachsenden Rohstoffen: der Papieranteil ist zu 50% aus fsc zertifiziertem Karton. Der nötige Plastikanteil wird nicht aus Rohöl sondern aus Zuckerrohr gewonnen, also aus nachwachsenden Rohstoffen. Die TetraTop-Verpackung, in der Milch, Joghurtdrinks und Sahne verkauft werden besteht im Gegensatz zu den oftmals üblichen PET-Plastikflaschen hier aus 50% fsc zertifiziertem Karton.

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Für Bernhard Pointner und sein Team ist es wichtig, über den Tellerrand zu schauen. "Wir müssen uns jetzt aufstellen, wir haben schon viel zu lange zugesehen ohne zu handeln", spricht er die Allgemeinheit an. In der Bevölkerung ist das Bewusstsein durchaus angekommen, weswegen die Molkerei in Bezug auf ihre Flaschenproduktion an ihre Grenzen gestoßen ist. "Der Absatz der Flaschen-Artikel hat sich in den letzten Jahren fast verdoppelt. Die weiter steigende Nachfrage kann mit den vorhandenen Anlagenkapazitäten leider nicht mehr bedient werden und so musste die Molkerei sich von einem Flaschenartikel trennen: Man hat sich dabei für den ½ Liter konventionellen grünen Schlagrahm entschieden, der zum September eingestellt wird", verkündete das Unternehmen im August.

"Wir arbeiten mit Hochdruck an dem Projekt „Erweiterung der Glasabfüllkapazitäten“, um zukünftig wieder den Schlagrahm und weitere Produkte im Glas anbieten zu können", bestätigt der Geschäftsführer BGLand24.de. Eine neue Abfüllanlage sei in Planung, die ersten Gespräche für die Errichtung des neuen Gebäudes geführt. "Für unsere Erweiterung muss der Bebauungsplan der Gemeinde Piding geändert werden", erklärt Pointner. "Normal gibt es da zuerst immer kritische Reaktionen von Seiten der Gemeinde und der Gemeinderäte. Doch als wir ihnen unser Anliegen erklärt haben, haben wir große Zustimmung geerntet."

Bienenwachstuch für mehr Nachhaltigkeit

Die Milchwerke Berchtesgadener Land Chiemgau eG werden also weiter wachsen. Waren es 1927 noch 700 kg Milch, die täglich verarbeitet wurden, sind es heute 320 Millionen kg im Jahr. Eine Steigerung, die damals keiner ahnen konnte. Dennoch sind die Pidinger Milchwerke mit weniger als 1% vom deutschen Milchmarkt
ein kleines Unternehmen im Vergleich zur direkten Konkurrenz. "Deshalb ist uns die Nachhaltigkeit so wichtig", betont Bernhard Pointner. "Die Kunden erwarten neben dem guten Geschmack von uns nachhaltiges Wirtschaften, ein heute immer wichtigeres Qualitätsmerkmal und Ursache warum unsere Produkte so gerne gekauft werden."

Eine Verantwortung, der sich der Geschäftsführer und sein Team bewusst sind. So verschwindet beispielsweise der Deckel zum Wiederverschließen auf den 500 Gramm Bio-Joghurtbechern. "Die werden meistens nicht gebraucht und wer doch eine Variante zum Wiederverschließen braucht, muss nur zehn Deckel sammeln und bekommt von uns ein Bienenwachstuch geschenkt." Erwärmt man dieses Wachstuch mit den Händen, passt es sich dem Becher an und verschließt so das Produkt.

So sehen die Verpackungen der Milchwerke Berchtesgadener Land Chiemgau eG aus

"Wir haben in Sachen Nachhaltigkeit schon viel erreicht. Irgendwann kann man keine großen Sprünge in der Entwicklung mehr machen, dann sind es die kleinen Dinge, mit denen man etwas bewegen kann", bekräftigt Pointner die Firmenphilosphie. Er ist überzeugt, dass es nicht damit getan ist, kein Plastik mehr einzusetzen. "Man muss die Dinge hinterfragen. So wird eine Glasflasche beispielsweise immer unwirtschaftlicher, je weiter ich sie fahre. Für den Verkauf in der Region ist sie aber optimal."

Wichtig ist, dass der Verbraucher sich informiert, hinterfragt, was Sinn macht und ans Recyceln denkt. "Wir müssen uns dem Thema weniger hysterisch und ein bisschen realistischer nähern." Vor allem die Forschung habe die Möglichkeit, das Recyceln zu verbessern. "Ideal wäre, wenn aus einem Joghurtbecher wieder ein Joghurtbecher wird." Aber ob das jemals möglich sein wird bezweifelt der Milchwerke-Geschäftsführer. Ziel ist für ihn und sein Team weiter in allen Abteilungen nachhaltig zu wirtschaften.

cz

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