Pidinger Wirtsfamilie genervt von unpräzisem Öffnungsstufenplan

Verärgerung über Bund-Länder-Gipfel: „Versagen auf ganzer Linie“

Wirtsfamilie Oberholzner von der Pidinger Gaststätte „Lohmayr Stub‘n“
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Sebastian und Tanja Oberholzner betreiben in Piding die Gaststätte „Lohmayr Stub‘n“.

Die „Lohmayr Stub‘n“ in Piding gibt es seit rund zehn Jahren. Der Lockdown zwingt neben vielen anderen Branchen auch die Wirtsfamilie Oberholzner zum Stillstand. Eine richtige Perspektive im neuen Stufenplan? Fehlanzeige. Dem Wirt reicht es nun. Seine Botschaft: „Was mit meinem Betrieb geschieht, ist schlimm. Aber das, was drumherum passiert, ist noch viel schlimmer.“ 

Piding - Mittwochabend, 4. März, 17 Uhr: 200 Teilnehmer protestieren auf einer Corona-Demo in Bad Reichenhall gegen Schul- und Kitaschließungen im Berchtesgadener Land. Unter ihnen Tanja und Sebastian Oberholzner, die Wirtsleut der „Lohmayr Stub‘n“. Ihr Sohn ist seit Herbst im Schulbetrieb beeinträchtigt. „Es war meine erste Demo“, gibt Sebastian Oberholzner tags drauf im Gespräch mit bgland24.de zu.

„Ich bin weder rechtsradikal noch zweifle ich das Virus an aber was genug ist ist genug. Man muss ja heutzutage wirklich aufpassen, was man sagt, sonst wird man sofort abgestempelt in eine Ecke gestellt. Das ist doch fürchterlich, wenn man seine Meinung nicht mehr sagen darf.“

Pidinger Wirt würde Söder „Prüf-Matrix“ empfehlen - „damit er sieht, was alles falsch läuft“

Die Oberholzners haben sich lange zurückgehalten und an alle Maßnahmen gehalten aber nun ist das Haferl voll. „Mir reicht es jetzt. Irgendwann muss man ja den Mund aufmachen. Vor einem Jahr habe ich den Lockdown ja noch nachvollziehen können aber mittlerweile hat doch das weder Hand noch Fuß. Wenn ich von Söder höre, er gibt uns ein Stück Würde zurück mit den Lockerungen, dann muss ich annehmen, er hat uns unsere Würde genommen und das ist illegal“, wettert der Wirt.  

Eine „atmende Öffnungsmatrix“ war Söders Wunsch im Öffnungsstufenplan nach dem Bund-Länder-Gipfel am 3. März, der uns aus dem Lockdown führen soll. Begriffe, über die der Pidinger Wirt nur mehr den Kopf schütteln kann: „Ich würde ihm eher eine Prüf-Matrix empfehlen, die jene Fehler aufrollt, die in der jüngsten Vergangenheit gemacht wurden, damit er endlich sieht, was hier alles falsch läuft.“

„Es gibt keine Vollkasko-Versicherung für das Leben“

„Bei uns im Berchtesgadener Land ändert sich nichts, wir sind seit Monaten über der 100er-Inzidenz-Marke - obwohl wir den deutschlandweit längsten Lockdown mit Ausgangssperren und so weiter haben.“ Ein eindeutiges Zeichen für Oberholzner, dass die Maßnahmen nicht wirken. Die Ausbrüche erfolgen laut dem Wirt immer wieder in Heimen und Krankenhäusern und da sterben auch Leute. Hier sollte mehr getan werden - auch in punkto Testungen „Das bringt man seit einem Jahr nicht auf die Reihe und dafür sperrt man die Jugendlichen ein, erteilt Handel und Gastronomie ein Berufsverbot zu und lässt die gesamte Wirtschaft den Bach runtergehen. Das ist Versagen auf ganzer Linie.“

In den Augen Oberholzners seien das „Berufspolitiker“, deren Ideen „an den Haaren herbeigezogen“ seien und in der freien Wirtschaft nicht funktionieren: „Da wird beraten und beraten, dann steigen die Zahlen plötzlich und es wird einfach alles zugesperrt, damit nichts passiert – das kann jeder, dann können wir uns gleich die nächsten Jahre einsperren. Die Politiker predigen davon, wir müssen bewahrt und geschützt werden und für sein eigenes Leben scheint keiner mehr selber verantwortlich zu sein? Dabei ist das ganze Leben ein Risiko. Es gibt keine Vollkasko-Versicherung für das Leben.“  

Fehlender Fahrplan für die Gastronomie

Frühestens ab 22. März darf die Außengastronomie öffnen - sofern die Inzidenz stabil unter 50 bleibt, von 50 bis 100 braucht es zwingend Terminbuchungen und den Nachweis auf einen Negativ-Test, sollte man mit haushaltsfremden Personen am Tisch sitzen.

Gerade diese nebulöse Öffnungsperspektive bringt Oberholzner auf die Palme: „Erst hießt es, wir sperren im Dezember wieder auf, dann im Januar, danach wurden wir gleich gar nicht mehr erwähnt und auf der nächsten Ministerpräsidentenkonferenz heißt es, die Beratungen über mögliche Öffnungen erfolgen unter Berücksichtigung von Mutanten, Impfungen, Testungen und weiteren Faktoren. Denen fällt immer was Neues ein, die Bevölkerung ist verwirrt und keiner weiß was er darf. Umsicht und Vorsicht schön und gut, aber bei diesen Regeln blickt keiner mehr durch.“

Das Ganze stehe für den Pidinger Wirt „in keinem Verhältnis“. Man könne nicht mehr an Vernunft und Solidarität der Leute appellieren, denn die Mehrheit der Bevölkerung stehe seiner Ansicht nach schon lange nicht mehr hinter den Maßnahmen - zum Einen, weil es die Leute sie nicht mehr verstehen und auch nicht mehr wollen, zum Anderen weil sie pandemiemüde seien. „Ich kann zusehen wie meine Steuergelder zum Fenster herausgeschmissen werden, seit einem Jahr darf ich kein Geld verdienen - wer ist denn mit mir solidarisch?“, wirft der Wirt in den Raum.

„Schnelltests für die Gastro - so ein Schmarrn“

Oberholzner plant für seine Wirtschaft gar nicht mehr, das hat er bereits im ersten Interview mit bgland24.de verlauten lassen und dabei bleibt er: „Wenn ich aufsperren, so mache ich das doch nicht zur Gaudi – dann wollen wir Geld verdienen. Freilich macht uns unser Job Spaß, aber von irgendwas muss man doch auch leben. Wir haben eh kaum Außengastronomie aber ganz ehrlich: Was ist denn bei schlechtem Wetter? Die Leute können nicht rein. Da macht kein Unternehmer mit.“

Er würde darüber hinaus auch mit einer Testpflicht den Innenbereich nicht aufsperren: „Schnelltests für die Gastro - so ein Schmarrn. Ein bisserl Eigenverantwortung muss man den Menschen schon noch geben. Ich als Wirt möchte nicht kontrollieren, wer meiner Gäste getestet oder später gar geimpft ist. Wer in Restaurants Angst vor Ansteckungen hat, der muss nicht hingehen, der soll meinetwegen weg bleiben.

mb

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