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Goldener Glanz in Piding

Tobi Arlt kehrt zum dritten Mal mit zwei Olympiasiegen nach Hause zurück – 2026? Vielleicht!

„Es ist eine große Ehre, einen Olympiasieger in unserer Gemeinde zu haben“, sagt Pidings Bürgermeister Hannes Holzner. Er überreichte Tobias Arlt (links) einen Geschenkkorb mit italienischen Spezialitäten.
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„Es ist eine große Ehre, einen Olympiasieger in unserer Gemeinde zu haben“, sagt Pidings Bürgermeister Hannes Holzner. Er überreichte Tobias Arlt (links) einen Geschenkkorb mit italienischen Spezialitäten.

Seit 9. Februar gibt es drei deutsche Winter-Olympioniken, auf deren Erfolgskonto sechsmal Gold verbucht ist: Das heimische Rennrodel-Trio Natalie Geisenberger, Tobias Wendl und Tobias Arlt steht auf Platz 1 des nationalen Medaillenspiegels.

Piding - Für den besonderen goldenen Glanz in der Gemeinde Piding sorgt der 34-jährige Tobi Arlt. Bürgermeister Hannes Holzner ließ es sich einmal mehr nicht nehmen, den sagenhaften Doppelsitzer-Rennrodler zu empfangen und ausführlich mit ihm zu sprechen – pandemiebedingt quasi unter vier Augen.

Die „Super-Tobis“ Wendl/Arlt bewiesen erneut in eindrucksvoller Art und Weise, gerade zum Saison-Höhepunkt topfit und perfekt vorbereitet am Start zu sein. Zweimal Gold vor acht Jahren in Sotschi, zweimal Gold 2018 in Pyeongchang, nun zweimal Gold in Peking – jeweils im klassischen Doppelsitzer-Bewerb sowie mit der deutschen Team-Staffel.

Die Sportredaktion hat Tobi Arlt, dessen Karriere mit vier Jahren am Königssee begann, zum Olympia-Bilanz-Interview getroffen.

Wussten Sie vor der abschließenden Team-Staffel, dass Sie im Falle erneuten Golds die erfolgreichsten deutschen Olympia-Herren werden?

Tobias Arlt: Kurz vor dem Rennen erfuhren wir es, weil es uns in der Mixed-Zone, durch die wir immer mussten, gesagt wurde. Vor den Spielen wussten wir es nicht. Wir rodeln jedoch, weil es uns Spaß macht und nicht, um irgendwelche Statistiken anzuführen. Sie sind vielleicht irgendwann nach der Karriere für uns interessant.

War die abgelaufene Weltcup-Saison, in der Sie mit Tobi Wendl lediglich einen Sieg (Winterberg) einfahren konnten, erneut so etwas wie eine ausgiebige Test- und Tüftlerphase, komplett fokussiert auf Olympia?

Arlt: Wir kommen immer recht schleppend in eine Saison. Das ist keine Absicht, wir treten schon mit dem Vorhaben an, jedes Rennen gewinnen zu wollen. Freilich gibt es Weltcup-Wochenenden, an denen wir etwas ausprobieren und die Gefahr besteht, vielleicht nur Achter zu werden. Der Gesamt-Weltcup ist uns aber schon auch wichtig. Am Ende der Saison passt es dann im Grunde immer sehr gut. Seit 2013 in Whistler standen wir jetzt bei allen Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen zumindest auf dem Podest.

Was ging Ihnen durch den Kopf, nachdem Ihre schärfsten Widersacher, Toni Eggert/Sascha Benecken, die letzten drei Weltcuprennen gewonnen hatten? Sie schienen sich im Hinblick auf Peking genau rechtzeitig in absoluter Topform zu befinden.

Arlt: Es hat für uns nichts verändert. Es gab immer einen fixen Favoritenkreis, mit dem Toni und dem Sascha, den Letten Sics/Sics, den Österreichern Steu/Koller und uns. Im Training waren die Letten und die Österreicher extrem schnell, der Toni war etwas hinten dran. Das hat uns überrascht, genauso wie unsere Zeiten. Dass Sics/Sics am Renntag hinterherfuhren, war seltsam, sie haben sich wohl beim Material vertan.

Verbesserten sich die äußeren Umstände bei den Spielen im Vergleich zu den unsäglichen Bedingungen (Kakerlaken im Hotelzimmer) während Ihrer Test- und Weltcup-Phase im Herbst?

Arlt: Es war erheblich besser. Das mussten sie aber auch tun. Es waren zehnmal mehr Leute da. Die ganze Welt sah zu, da konnten sie sich nichts mehr leisten. Sie haben das Beste draus gemacht, es war gut organisiert. Das reine Fahren dort hat uns richtig Spaß gemacht.

Kam so etwas wie olympisches Flair auf, ohne Zuschauer, unter all den Umständen auch mit Corona?

Arlt. Es war weitaus emotionsloser als die Spiele davor. Wir kennen halt, wie es sein kann. Für all jene, die das erste Mal dabei waren, war es bitter. Denn bei Olympia wird man als Sportler in gewisser Weise auch hofiert. Diesmal gab kein „Deutsches Haus“, die Begegnungen fehlten, man traute sich nicht so richtig, mit anderen Sportlern Kontakt aufzunehmen. Als echtes Flair möchte ich das nicht bezeichnen. Was brutal fehlte: Die Siegerehrung einen Tag später am Medal Plaza. Wir hatten unsere gleich nach dem Wettkampf, ich hatte unter der Kleidung noch meinen Bleianzug an. In diesen ganzen Emotionen, jeder feiert dich, schoben uns die Chinesen rum – die jedoch sehr freundlich waren. Wir kamen keine Sekunde zur Ruhe, um alles ein wenig sacken zu lassen. Deshalb konnte kaum Vorfreude, wie es sonst üblich ist, auf diesen zusätzlichen, vielleicht den größten Moment aufkommen.

Im Ziel stand plötzlich IOC-Präsident Thomas Bach vor Ihnen. Im Bayerischen Fernsehen meinten Sie, er kam, gratulierte und war sofort wieder weg. Hört sich so an, dass er sich nicht sonderlich für das, was Sie da machen, interessierte.

Arlt: Mitten in all den Emotionen im Ziel, mit den vielen Umarmungen und so weiter, stand er plötzlich vor uns. Das war in diesem Moment alles ein wenig zu viel. Er gratulierte uns, meinte, wir sollten das jetzt genießen und verschwand wieder. Das war eine skurrile Situation. Sein Interesse war tatsächlich nicht sonderlich ausgeprägt, es ging ihm wohl nur ums Foto. Er hätte uns ja wenigstens noch die Medaille überreichen können. Seitens des IOC hat sich übrigens bis zum Beginn der Spiele überhaupt niemand für die Bedingungen vor Ort interessiert, beispielsweise in unserer Testphase. Keiner hat mal nachgefragt, wie es ist, niemand ließ sich blicken.

Wie Wintersport-affin empfanden Sie die Chinesen ganz allgemein?

Arlt: Als es bei den Testfahrten der Bobfahrer im November schneite, wollten sie das Training absagen. Sie hatten nicht mal Schneeschaufeln. Durch die Spiele wurde das alles sicher sehr viel besser.

Beschreiben Sie doch mal die Phase unmittelbar vor dem Start des zweiten und entscheidenden Laufs bei Olympischen Spielen. Was schießt Ihnen da alles durch den Kopf? Oder sind Sie in diesem Moment derart fokussiert und blenden alles drumherum aus?

Arlt: Wir sind so lange dabei, dass wir das tatsächlich ganz gut beiseite schieben können – heißt: Wir konzentrieren uns voll und ganz auf unser Ding und können relativ gut ausblenden, dass wir uns gerade mitten in einem Olympiarennen befinden. Diese gewisse Lockerheit entspringt natürlich unserer langen Erfahrung und dass wir ganz genau wissen, was wir können. Wir sind „entspannt“, wenngleich die Anspannung natürlich schon etwas höher ist. Gerade bei Olympia hat man halt viel Zeit zum Nachdenken, auf der anderen Seite ist das offenbar einfach „unser“ Wettkampf. Als wir nach Lauf eins schon einen guten Vorsprung hatten (vier Hundertstel auf Eggert/Benecken / Anm. d. Red.), waren wir allerdings überrascht.

Sie haben bereits verraten, dass es für Sie und Tobi Wendl weitergeht, zumindest bis zur WM 2023 in Oberhof. Dort begann mit dem ersten Weltcupsieg am 20. Januar 2009 Ihre Profi-Karriere so richtig – der Kreis soll sich dort möglicherweise schließen?

Arlt: So haben wir es momentan vor, ja. Oberhof wäre ein schöner Abschluss. Wir möchten jedoch noch offen lassen, ob es danach weitergeht. Es muss uns einfach weiter Spaß machen.

Somit sind Ihre vierten Olympischen Spiele 2026 – es wären Ihre ersten in Europa, quasi vor der Haustüre – nicht ganz ausgeschlossen?

Arlt: Wir werden sehen, ob wir das jetzt wirklich nochmal vier Jahre machen. Komplett ausschließen will und kann ich es momentan nicht.

Konnten Sie abseits Ihrer eigenen Wettkämpfe irgendetwas vom Land sehen, etwas besichtigen, waren Sie bei anderen Bewerben – etwas, das Olympia schließlich ausmacht?

Arlt: Es wäre vielleicht möglich gewesen. Wir wollten aber nichts riskieren, vor allem nicht unseren eigenen Start. Die Alpin-Pisten konnten wir uns zumindest mal anschauen, zu den Skifahrern Pepi Ferstl und Dominik Schwaiger hatten wir einmal Kontakt, weil sie in unserem Hotel untergebracht waren.

Sechs Olympia- und neun WM-Medaillen – wo und wie bewahren Sie diese besonderen Stücke auf?

Arlt: Die zwei Olympia-Medaillen von Sotschi hängen in einer Vitrine, die von Pyeongchang daneben in einer zweiten. Für Peking kommt jetzt eine dritte dazu, alle schön nebeneinander im Wohnzimmer, dazu die WM-Medaillen. Die Weltcup-Kristallkugeln für die Gesamtsiege stehen auf dem Kachelofen. Das ist alles ein Traum, ganz besondere Auszeichnungen, die ihren besonderen Platz verdient haben.

Haben Sie jetzt ein paar Wochen Ruhe? Auf was freuen Sie sich jetzt?

Arlt: Die Familie fehlte mir in all den Wochen sehr. Einmal waren wir acht Wochen am Stück nicht zu Hause, von Oktober weg im Grunde pausenlos unterwegs, nur Weihnachten mal kurz daheim. Ich freue mich jetzt aufs Skifahren mit meinen beiden Töchtern. Denn am 28. März geht’s dann schon wieder in Bad Endorf weiter, mit dem Aufstieg zum gehobenen Polizeidienst – übrigens zusammen mit Skispringer Markus Eisenbichler.

Interview: Hans-Joachim Bittner

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