Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Pidinger Schafhalter und Grünen-Politiker mit deutlichem Statement

Debatte polarisiert weiter: „Wie viel Wolf hat bei uns Platz?“

Schafhalter Dr. Zimmer aus Piding und Wolf
+
Forstwissenschaftler, Schafhalter und Grünen-Politiker Dr. Bernhard Zimmer aus Piding kann in der Wolf-Debatte beide Seiten verstehen - und bricht im Interview mit bgland24.de sogar eine Lanze für das Wildtier.

Plakatives Schreien „Der Wolf muss weg“ von der einen Seite und „Der Wolf muss her“ von der anderen - diese Stimmungsmache sei in den Augen von Forstwissenschaftler, Schafhalter und Grünen-Politiker Dr. Bernhard Zimmer aus Piding vollkommen unsinnig. Er plädiert vielmehr für ein gesundes Mittelmaß, das allen Seiten hilft - und für weniger Bürokratiewahnsinn für Schafhalter und Landwirte.

Piding - Der Wolf ist wieder an vielen Stellen wie dem Salzburger Land oder Ruhpolding im Traunsteiner Landkreis vorhanden. Auch in Teisendorf im Berchtesgadener Land wurde er schon gesichtet. „Über kurz oder lang wird er bei uns auftauchen - und bleiben“, ist Zimmer überzeugt.

Im Gespräch mit bgland24.de erklärt er sich zu einem „vernünftigen Umgang“ mit dem Thema: „Forderungen nach Ausrottung sind für mich komplett an den Haaren herbeigezogen. Mensch und Wolf müssen sich zusammen engagieren.“

Der Wolf - seit Jahren ein sehr polarisierendes Thema

Dies sei auch der Grund für den Ortstermin im Juni am Högl zum Thema „Wolfsmanagement“ gewesen. „Der Termin verlief sehr gut, auch ob der Teilnehmer, die durchaus unterschiedliche Ansichten vertraten, die jeweils konstruktiv und natürlich auch kontrovers diskutiert wurden.“

Seit Jahren nun wird das Thema sehr polarisierend diskutiert. Aufgrund einiger Extrem-Standpunkte einzelner Schafhalterverbände, die strikt gegen den Wolf sind, ist Zimmer der Ansicht, es sei nun an der Zeit, die Debatte auf eine Sachebene zu bringen. „Jeder darf natürlich seine Meinung dazu äußern, aber man sollte ein Mittelmaß finden,“, betont Zimmer und spannt den Bogen zur Politik, deren Regelungen zum Thema Wolf in seinen Augen derzeit „völlig daneben“ seien und dringend verbessert werden müssten.

Vorsicht besser als Nachsicht?

Das Wolfsmanagement kommt in Bayern seit Jahren nicht voran und verharrt auf dem Prinzip „Nachsorge besser als Vorsorge“. Dabei könne man Zimmer zufolge gerade bei der Prävention ansetzen. Denn solange nichts passiere, könne auch keine Förderung für Maßnahmen wie vernünftige Einzäunungen beantragt werden. „Passiert dann etwas, habe ich ein Jahr Zeit, Förderung zu beantragen und das finde ich fragwürdig“, unterstreicht Zimmer.

Seit Oktober 2020 hält der Pidinger Grünen-Gemeinderat als Nebenerwerbslandwirt am Johannishögl selten gewordene „Alpine Steinschafe“, reinrassige Nutztiere. Die Herde ist mittlerweile auf zwölf Tiere angewachsen und soll auf bis zu 40 ausgebaut werden.

Pragmatischerer Umgang im Prozedere um den Wolf und seine Auswirkungen

„Wir Schafhalter und Landwirte würden uns einen pragmatischeren Umgang im Prozedere wünschen, da wir uns bei dem Thema einer Art Hilflosigkeit ausgeliefert sehen. Wird ein Schaf gerissen muss der Halter nachweisen, dass es sich dabei um einen Wolf gehandelt hat. Nur bei eindeutigem Nachweis bekommt der Schäfer Entschädigung. Und welches Tier außer vielleicht ein freilaufender Hund reißt Schafe?“

Im vergangenen Jahr sei der wirtschaftliche Schaden in Bayern durch den Wolf sehr gering gewesen - etwa im mittleren vierstelligen Bereich. Dafür sei der emotionale Schaden ein großer, weiß Zimmer: „Wir reden hier von kleinen Herden mit bis zu 50 Schafen, von denen jedes einen Namen hat. Wird da eines gerissen, sind die anderen Tiere total verstört. Wird der Tierhalter dann noch mit bürokratischen Fragen konfrontiert, ob sein Zaun überhaupt hoch genug war oder richtig eingestellt im Stromfluss, ist das für mich nicht nachvollziehbar.“

„Wie viel Wolf hat bei uns überhaupt Platz?“

„Der Wolf hat einen wichtigen Platz im Ökosystem. Zu 95 Prozent frisst der Wolf Wildtiere und reguliert so deren Bestand im Wald. „Werden Tiere ausgerottet, dann immer zum Schaden des Ökosystems. Vielmehr sollte sein Lebensraum und seine Art gesichert werden“, bricht Zimmer eine Lanze für das Wildtier.

Hier stelle sich die Frage: „Wie viel Wolf hat bei uns überhaupt Platz? Konsequentes Untersuchen der Wolfspopulation, Monitoring und genetische Proben machen durchaus Sinn, um mehr über ihn zu erfahren und zu lernen. Sich mit dem Wolf und seiner Lebensweise auseinanderzusetzen würde sicherlich nicht schaden.“

„Wir werden aktuell von der Politik nur über die Angst gesteuert“

In anderen Ländern Europas funktioniert ein Zusammenleben mit dem Wolf - Zimmer würde sich das für Deutschland respektive Bayern durchaus wünschen: „Ich bin dafür, von Vorbildern zu lernen. Es gibt viele Erfahrungen mit dem Wolf, die zeigen, dass es in den allermeisten Fällen konfliktfrei funktioniert und dort wo Konflikte auftreten, muss man eben lösungsorientiert vorgehen. Wir werden aktuell von der Politik nur über die Angst gesteuert.“

Genehmigungen zum Abschuss von Wölfen gebe es zwar, müssten jedoch gut begründet werden: „Wir diskutieren immer gleich über Abschuss, dabei sollten wir lieber darüber reden, was wir tun können, um dem Wolf als streng geschütztes Tier sein Lebensrecht zu ermöglichen. Funktionierende Zäune sind eine Abschreck-Methode, die aber mehr gefördert werden sollte.“

Landwirte sehen durch den Wolf eine Bedrohung der Weidehaltung. Darauf machten Kreisbäuerin Irmgard Posch, BBV-Bezirkspräsident Ralf Huber und BBV-Kreisobmann Jakob Maier (von links) bei einem Pressegespräch aufmerksam. Die Pappfigur zeigt den Wolf in Lebensgröße.

Kritik an politischen Aussagen: „Dass der Wolf uns Menschen frisst sind Märchen“

Die Aussage von Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner, sie könne sehr gut nachvollziehen, dass Eltern wegen des Wolfes Angst um ihre Kinder hätten, brachte Zimmer auf die Palme: „Es gab in ganz Europa in den vergangenen Jahrzehnten nicht einen Fall, in dem ein Wolf einen Mensch angefallen hätte - nicht einmal in Ländern, in denen Wölfe seit Jahren in der Wildnis angesiedelt sind.“

Der Wolf sei ein scheues Tier, der am Mensch überhaupt keine Interesse habe: „Angst- und Panikmache durch populistische Aussagen halte ich für einen ganz schlechten Politik-Stil. Dass der Wolf uns Menschen frisst sind Märchen. Von einer Landwirtschaftsministerin erwarte ich mir einen sachlich ziel- und lösungsorientierten Umgang mit einem Thema.“

„Nur zu sagen, der Wolf muss weg, ist der falsche Weg“

Bayerns Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber sprach im jüngsten Interview mit bgland24.de von Förderungen zum Herdenschutz und einer Verstärkung der Beratungsoffensive und Ausgleichszahlungen. Doch vor Ort kommt viel zu wenig an: „Ich lasse erst das Kind in den Brunnen fallen lassen und versuche dann es wieder rauszuholen - genau so sind die Förderrichtlinien aufgebaut. Die Tierhalter müssen einfach besser unterstützt werden und nur zu sagen, der Wolf muss weg, ist der falsche Weg.“

Zimmer wünscht sich für die Zukunft, dass sich die Politik verändert: „Man muss mit den Experten und Erfahrungen, die man gesammelt hat, jetzt den Schafhaltern etwas anbieten, wie man ihnen helfen kann und ihr Leben leichter gestalten kann. Ihnen den Bürokratismus mit der Last des Nachweises aufzubürden muss aufhören. Weniger Zettelwirtschaft würden viele begrüßen. “ Der Forstwissenschaflter hofft auf Besserung - und dass das Thema präsent bleibt. Der Wolf jedenfalls wird gewiss weiter im Gespräch bleiben.

mb

Kommentare