Handwerksburschen auf der Walz in Piding

Drei Jahre und einen Tag sind sie auf Wanderschaft

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Handwerksburschen auf der Walz - Zimmererin der traditionellen Zunftkleidung.

Piding - Schon immer faszinierten mich Berichte über das Leben von Handwerksgesellen auf der Walz.

Die Pressemitteilung im Wortlaut

Schon immer faszinierten mich Berichte über das Leben von Handwerksgesellen auf der Walz und in den Erzählungen scheint es immer so, als sei das ein Relikt aus "Alter Zeit". - Und dann sitzen sie da urplötzlich vor mir auf einem Holzstapel - schon von Weitem zu Erkennen an ihrer Kluft, ihrem Schlapphut, der schwarzen Hose, der schwarzen Weste und der Schwarzen Jacke mit den großen Knöpfen aus Perlmutt. Kaum traue ich mich sie anzusprechen: Ja - da sitzen sie real auf einem Bretterstoß und wir beginnen, uns erst zaghaft und dann immer lebhafter und interessanter zu unterhalten. Es stellt sich heraus, dass der eine seine Wanderschaft erst vor Kurzem zu Ende gebracht hatte und in Sechshögl (Gmd) Piding in der dortigen Zimmerei arbeitet und der andere in demselben Betrieb als Wandergeselle beschäftigt ist. Wir vereinbaren einen Termin und treffen uns einige Tage später bei ihrem Chef - dem Zimmerermeister Stefan Fagerer - zu einem langen Gespräch.


Immer wieder geht mir der so tiefgründige Text von Reinhard Mey aus seinem Song "Drei Jahre und ein Tag" durch den Kopf, als wir beisammen sitzen und sie angeregt erzählen über ihr Leben auf der Straße;ihre vielen Erfahrungen, die sie machen im Beruf und im Miteinander der Menschen und dass sie diese Zeit nie und nimmer missen möchten. Der Pidinger Felix Weineck lernt beim Zimmerer Fagerer sein Handwerk und zieht dann hinaus "in die Welt". Er bereist als Wandergeselle nur mit dem Nötigsten im Gepäck (auch kein Handy) beinahe den ganzen Erdball - natürlich mit Schwerpunk Europa und dazu Übersee mit Australien und Neuseeland. - und immer mit dabei: das "Wanderbuch" - ausgestellt von der Gesellenvereinigung rechtschaffene Zimmer- und Schieferdeckergesellen. "Oft schreiben die Handwerksmeister oder die Bürgermeister, bei denen man sich meldet und/oder arbeitet, mit Stolz in dieses Buch und lassen sich für solche Anlässe sogar einen eigenen Stempel anfertigen."

Um die 500 Wandergesellen aus dem deutschsprachigen Raum (nur hier hat sich diese Wanderschaft mit ihrer 850-jähriger Tradition bis heute erhalten) sind durchschnittlich unterwegs. Man trifft sich immer wieder auf der Straße; insbesondere z.B. beim Himmelfahrtstreffen oder in Zimmererherbergen, von denen es weltweit um die 50 Stück gibt. Tim Gottlebe aus Lüneburg wird noch einige Zeit als Zimmerer unterwegs sein und verließ bereits einige Tage nach unserem Gespräch die Zimmerei am Sechshögl mit "unbekanntem Ziel" - so wie es Brauch. Die Coronakrise hatte ihn vorher wegen der dichten Grenzen längere Zeit in Österreich festsitzen lassen. Aber auch er hat bereits eine lange Wanderschaft hinter sich - hauptsächlich im deutschsprachigen Raum aber auch in Skandinavien. Kaum zu glauben: in Schweden machen alle Firmen im Sommer 6 Wochen Urlaub - es gibt keine Arbeit und er muss sich irgendwie privat durchbringen.


Wandergesellen tragen eine "Kluft" - wie man die in doppelter Ausführung mitgeführte Zunftkleidung nennt (einmal zur Arbeit und einmal für den Feierabend und die Freizeit): Ein weißes Hemd mit einer schwarzen Krawatte - "Ehrbarkeit" genannt. An der Krawatte steckt als Nadel das Zunftzeichen.

Eine schwarze Weste mit 8 Knöpfen - sie stehen für den Acht-Stunden Tag. Ein schwarzes Jackett mit 6 Knöpfen - diese stehen für eine Sechs-Tage-Arbeitswoche. Einem schwarzen Schlapphut: Er steht für den freien Mann, was gerade im Mittelalter keine Selbstverständlichkeit war. Er wird nur zu besonderen Gelegenheit abgenommen z.B. beim Essen.

Die schwarze Hose mit einem über die Schuhe fallenden weiten Schlag. Dieser verhindert, dass Schmutz und Sägespäne in die Schuhe fallen. Ein Ohrring:Dieser Ohrring stellte früher eine Art Versicherung dar, mit dessen Wert im äußersten Notfall eine Beerdigung bezahlt werden konnte. - und wenn sich einer etwas zuschulden kommen ließ, wurde der Ring aus dem Ohr gerissen! Da her rührt der bis heute verwendete Ausdruck: Schlitzohr.

Wieso nimmt man einen Handwerksgesellen auf der Walz auf: Stefan Fagerer will damit nicht nur dem Wandernden Arbeit geben, sondern sieht auch den eigenen Nutzen: "Man kann so viel von Jungen Leuten lernen! Handwerker zu sein ist ein ständiger Lernprozess. Der Wandergeselle arbeitet unter so vielen Lehrherren, hatte so unterschiedliche Werkzeuge zur Verfügung, musste oft improvisieren und ist daher gerade darin "ein Meister" - und will selber lernen! Das ist eindeutig eine Win-Win-Situation für uns beide!"

Drei Jahre und einen Tag darf der der Handwerksbursche bis auf 50 km (Bannkreis) nicht an sein Zuhause kommen und feiert daher schon eine Woche lang die "Heimreise"am Ende seiner Wanderschaft.

Doch - wie es aussieht - lässt einen die "Wanderschaft"Handwerksburschen auf der Walz in PidingHandwerksburschen auf der Walz in Piding nicht mehr los. Wie bereits oben beschrieben, ist Tim schon weitergezogen und Felix – obwohl seine Wanderschaft schon beendet – sucht seine nächste Herausforderung in Thüringen und hilft einem Kollegen, einen Kirchturm zu reparieren.

Pressemitteilung Pressebüro Fürmann

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