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IHK-Hauptgeschäftsführer: Warnschuss an die Politik

Deutliche Worte aus BGL - Warnung vor fehlender Wettbewerbsfähigkeit

Manfred Gößl Irene Wagner
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Dr. Manfred Gößl, IHK-Hauptgeschäftsführer für München und Oberbayern, und Irene Wagner, Vorsitzende des IHK-Regionalausschusses Berchtesgadener Land.

Dr. Manfred Gößl, Hauptgeschäftsführer der IHK für München und Oberbayern, hat bei einem Besuch der Milchwerke Berchtesgadener Land vor dem Verlust der Wettbewerbsfähigkeit bayerischer Unternehmen gewarnt. In einer Umfrage unter 500 bayerischen Betrieben hatten 44 Prozent über mangelnde Wettbewerbsfähigkeit geklagt. Investitionen würden in Zeiten exorbitant gestiegener Gaskosten nicht mehr getätigt. „Die momentane Situation ist so unsicher wie nie zuvor“, so Gößl. 

Piding/ Berchtesgadener Land – Mit deutlichen Worten hat IHK-Hauptgeschäftsführer Manfred Gößl fehlendes Vertrauen von Firmen in die Politik angemahnt. Das Ergebnis einer IHK-Umfrage über den Status quo bayerischer Unternehmen „war so schlecht wie noch nie“. Ernsthafte Sorge bereite Gößl die momentane Situation. „Jeder fünfte Betrieb hat im Sommer aufgehört, Neuinvestitionen zu tätigen.“ Darunter fallen auch solche zur Dekarbonisierung. Das Ziel der Energiewirtschaft in Richtung eines niedrigeren Umsatzes von Kohlenstoff im Rahmen der Energiewende sei damit in Gefahr. „Das, was wir eigentlich vorantreiben wollten, steht jetzt auf Stopp“, sagte Gößl. 

In Nachbarländern wie etwa in Großbritannien seien Gasbremsen auf rund 80 Euro pro Megawattstunde bereits beschlossene Sache. „Wenn unsere Nachbarländer Maßnahmen ergreifen, dass Bremsen kommen, dann können wir gar nicht anders als führender Industriestandort.“ Er warf der Politik Handlungsverzögerung vor. 

Angst und Panik

Die massiv gestiegenen Energiekosten bringen Unternehmen in die Bredouille, der Wirtschaft stünden schwierige Zeiten bevor. „Das wirkt sich bislang aber noch nicht auf das Thema Beschäftigung aus“, weiß der Dipl.-Ökonom. Fachkräfte gelte es zu halten, „im Zweifel werden Mitarbeiter lieber in die Kurzarbeit gehen“. „Angst und Panik“ bestimmten das wirtschaftliche Umfeld angesichts Gaspreissteigerungen von einst 25 auf nunmehr 175 Euro pro Megawattstunde. „Uns Marktwirtschaftlern tut das in der Seele weh.“ Die Politik müsse schnell reagieren, ansonsten heißt es: „Ihr schaut uns beim Sterben zu“, warnte Gößl. 

Er wies eindringlich darauf hin, dass einige große Unternehmen ihre Produktion deutlich zurückfahren oder einstellen würden, wenn sich am Gasmarkt nichts tue. „Firmen schrauben schon jetzt von der Fünf- auf die Vier-Tage-Woche runter, nur um Energie zu sparen.“ Bei regionalen Bäckern befürchtet der Vater eines Sohnes schlimmstes. Einige haben bereits dicht gemacht oder gehen mit der Produktion zurück. „Die Angelegenheit zu einer Gasbremse muss endlich auf EU-Ebene geregelt werden“, mahnte der 56-Jährige. Die Thematik sei seit langem ideologisch überlagert. „Wichtig wäre, den Gas- sowie den Strompreis temporär voneinander zu trennen. Wir befürchten andernfalls, dass ganze Strukturen im Land verloren gehen.“ 

Manfred Gößl sprach sich klar für die Kernkraft aus. „Alles, was wir am Markt haben, muss in den Markt liefern“, sagte er. Der größte „Wumms“, sagte er in Anspielung auf die von Bundeskanzler Olaf Scholz getroffene Aussage, wäre es, wenn die Kernkraftwerke weiterlaufen - und zwar so lange, wie es möglich und notwendig sei, auch bis zum Ende des Ukrainekrieges. „Die, die das nicht wollen, müssen Verantwortung für die Mangellage übernehmen“, bekräftigte Gößl seine Forderung. Heimische Ressourcen nicht zu nutzen, sei fahrlässig, vor allem im Hinblick darauf, dass die Bundesrepublik „Kohle aus Australien und Flüssiggas aus den USA und Katar“ importiere. Die USA seien die großen Gewinner der momentanen Situation. Heimische Rohstoffvorkommen könnten den Energiebedarf für 40 Jahre sichern - „ganz ohne russische Zulieferung.“

Dringender Handlungsbedarf

Kein Verständnis zeigte Gößl über Strom- und Energiesteuern, die in derzeitiger Situation schon seit langem hätten reduziert werden müssen. Selbst wenn es zu einem Energiekostenzuschussprogramm käme, würde heuer „kein Unternehmen mehr Geld sehen“, prognostizierte der Geschäftsführer. Eine Abwicklung sei langwierig. Die IHK hatte während der Corona-Pandemie bei der Bearbeitung der Wirtschaftshilfen unterstützt und wisse, was auf das Land zukomme. 

Potenzial erkennt Manfred Gößl in der Wasserkraft, allerdings seien die Genehmigungen kompliziert und träge. Handlungsbedarf und Optimierung verspricht sich der IHK-Mann nun. Allein 4000 Kraftwerke gibt es in Bayern, 73 im Berchtesgadener Land, konkretisierte Landrat Bernhard Kern. „Es kann aber nur eine von vielen Energiequellen sein. Denn wir brauchen Diversifizierung“, so die Forderung von Gößl.  

Dass es um die Zukunft der Wirtschaft auch in anderer Hinsicht schlecht bestellt ist, verdeutlichte der Betriebswirtschaftler anhand des prognostizierten Fachkräftemangels im Mittelstand: „Es geht erst richtig los.“ Bis zum Jahr 2035 stehen allein in Bayern 200000 Renteneintritte 143500 Schulabgängern gegenüber. Der demografische Faktor sei nicht von der Hand zu weisen. Hinzu kommt: „Wenn der öffentliche Dienst immer größer wird, brauchen wir jemanden, der das alles finanziert.“ 

Viele Großbaustellen sind es, die den IHK-Hauptgeschäftsführer derzeit umtreiben. „Natürlich müssen wir eine Krise auch als Chance begreifen, aber auf Sicht fahren“, sagte er. Jedoch: „Das funktioniert nur, indem die Politik handelt.“

kp

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