Bund Naturschutz lud zu naturkundlichem Auenspaziergang ein

Hochwasser: "Der Mensch hat Mitschuld"

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Die Ausbauchung auf österreichischer Seite könnte Ursache für die Beschädigung des Damms auf bayerischer Seite sein.

Freilassing - Der Bund Naturschutz lud zu einem Spaziergang an die Saalach, um über die Folgen des Hochwassers zu informieren. Die Bilanz: Der Mensch trägt Schuld an der Katastrophe.

„Meiner Meinung nach ist der Mensch maßgeblich daran schuld, dass die Saalach nach über 200 Jahren wieder mitten durch Freilassing geflossen ist“, zog Erich Prechtl Bilanz zur aktuellen Hochwasser-Katastrophe. Die Bund Naturschutz-Ortsgruppe (BN) hatte zu einem naturkundlichen Auenspaziergang an die Saalach eingeladen. Ortsvorsitzender Michael Behringer konnte über 30 Teilnehmer begrüßen, die sich über Auswirkungen und Ursachen des Hochwasserereignisses informieren wollten.

Ausgangspunkt der Exkursion war das Freilassinger Klärwerk, das dank des großartigen Einsatzes vieler Hilfskräfte gerade noch vor der Überflutung gerettet werden konnte. Auf dem Weg zur Saalach erklärte Erich Prechtl fachkundig die typische Pflanzen- und Tierwelt der Auenlandschaft. Dass die Saalach ursprünglich ein weitverzweigter Fluss mit vielen Nebenarmen war, konnte die Wandergruppe beim Durchqueren der zahlreichen trockenen Gräben i, Auwald gut nachvollziehen. Angekommen am Saalach-Ufer erhielten die Exkursionsteilnehmer einen ersten Eindruck dessen, was der Fluss mit seinem künstlichen Bett angerichtet hat. Die Uferverbauungen sind auf bayrischer und österreichischer Seite großflächig abgetragen und die nackten Kies-Steilufer zeugen von der Wucht der Wassermassen. „Seit das neue Kraftwerk steht, haben wir hier immer wieder Hochwasserschäden gehabt“, stellte Erich Prechtl fest und erklärt dies mit einer höheren Fließgeschwindigkeit. Beim alten Kraftwerk sei das Wasser über die Wehrklappen in ein Tosbecken gestürzt und habe dabei Energie abgebaut. „Das neue Kraftwerk ist zwar technisch ausgereifter, aber die Fließgeschwindigkeit bei geöffneten Klappen ist wesentlich höher als früher.“

Die Schäden an den Dämmen im Staubereich oberhalb des Kraftwerkes konnte man von der Brücke, die über das Wehr führt, eindrucksvoll sehen. Erich Prechtl verwies auf eine Ausbauchung der Uferverbauung auf der österreichischen Seite: „Der Bauch könnte ein Grund dafür gewesen sein, dass genau gegenüber auf bayrischer Seite ein hoher Strömungsdruck entstanden ist, der die Böschung schwer beschädigt hat.“ Wie sehr sich das Wasser in den Damm hineingearbeitet hatte, konnte man auf dem weiteren Weg sehen. Manchen Exkursionsteilnehmern wurde noch im Nachhinein bei dem Gedanken mulmig, wie knapp hier die Anlieger, vor allem auch das Tierheim, einem Unglück entgangen sind. Nächste Station war die Eisenbahnbrücke, über deren Anteil an der Überflutung Freilassings verschiedentlich spekuliert worden war. „Die Rundbögen stellen sicherlich ein gewisses Hindernis dar, wenn sich dort Schwemmholz staut“, sagte Erich Prechtl, verwies aber gleichzeitig darauf, dass wegen der flussbaulichen Anordnung durch den ersten Brückenbogen auf österreichischer Seite kaum Wasser fließen könne. „Sinnvoll wäre es schon, zusammen mit dem Brücken-Neubau für das dritte Gleis das gesamte Brückenbauwerk zu erneuern“, sprach Michael Behringer eine Wunschvorstellung aus.

Die größte „Landnahme“ im Staubereich des Kraftwerks war auf Höhe des Hunde-Übungsplatzes zu sehen. Kaum zu glauben, wie die tonnenschweren Steine der Uferverbauung einfach weggedrückt worden waren und sich die Saalach weit in die Au hineingefräst hatte. Warum war der Fluss gerade an dieser Stelle ausgebrochen? Erich Prechtl erklärte es anhand der Dynamik fließender Gewässer: Der Fluss fließe nicht einfach geradeaus dahin, sondern bewege sich spiralen- oder walzenförmig. Am Prallhang, wie die Außenkurve genannt wird, trage er dabei Material ab und lande dieses auf der schräg gegenüberliegenden Seite, dem Gleithang wieder an. „Der Fluss möchte pendeln, und dass er dies trotz „Steinmauern-Gefängnis“ immer noch kann, hat er bei diesem Hochwasser bewiesen“, brachte es Prechtl auf den Punkt.

Was muss getan werden? Erich Prechtl verwies auf eine Saalach-Studie, die bereits 2002 veröffentlicht worden war und in der eine naturnahe Gestaltung mit Aufweitung des Flussbettes gefordert wird. An einer Fluss-Aufweitung und der Schaffung von Retentionsräumen führe kein Weg vorbei. „Lieber werden die Bauern besser für ihren Grund entschädigt, den sie zur Verfügung stellen, als hinterher die enormen Schäden eines Hochwassers zu bezahlen“, so Prechtl. In diesem Zusammenhang sprach der Naturschützer auch die aktuelle Diskussion um den Bau neuer Wasserkraftwerke an der Salzach an: „Dieses Thema hat sich meiner Meinung nach mit den Lehren, die man aus dem Hochwasser ziehen muss, endgültig erledigt.“ Dem pflichtete auch Michael Behringer bei und verwies auf den bayerischen Umweltminister Marcel Huber, der vor wenigen Tagen in einem Interview mit einer namhaften Zeitung bekräftigt habe, dass keine neuen Wasserkraftwerke gebaut würden.

„An den Folgen des Hochwassers hat der Mensch große Mitschuld“, fasste Erich Prechtl zusammen. Das Abholzen der Bergwälder für Schipisten, die weiter fortschreitende Versiegelung von Flächen und das Einzwängen von Flüssen in Korsette nannte er als eine der Hauptursachen. Sich allein auf die außergewöhnlichen Regenmengen zu berufen, sei nicht zielführend, prognostizierten doch die Klimaforscher fast übereinstimmend eine Häufung solcher Wetterereignisse. Prechtl: „Wenn es nach den hundertjährigen Hochwassern ginge, die ich schon erlebt habe, müsste ich 564 Jahre alt sein.“

Nach Hochwasser: BN lädt zu Spaziergang an der Saalach

nh

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