Öffnung und Wiederschließung von Schulen im Berchtesgadener Land

Laufener Schulleiter: „Die Zielflagge im pandemischen Marathon ist nah“

Von Notbetreuung und Distanzunterricht zum Lernen im Wechsel vor Ort - und das Ganze wieder von vorn. Lange hingen die Schulen in der Luft, jetzt kam das ersehnte grüne Licht: Die Schulen im Berchtesgadener Land dürfen ab 8. März wieder öffnen. Wie die Schulen das ewige Hin und Her um Öffnungen und Wiederschließungen handhaben, erklärt uns Schulleiter Johannes Kumeth am Beispiel der Ruperti Grund- und Mittelschule.

Laufen - „Dieses ständige Hin und Her ist natürlich genau das, was wir uns nicht wünschen“, bilanziert Kumeth im Gespräch mit bgland24.de. Das große Manko dieser On-Off-Strategie: Es würden relativ kurzfristige Entscheidungen getroffen, wodurch die Planbarkeit aller Beteiligten an der Schule fehle.

An die Vorgaben des 11. Infektionsschutzmaßnahmenpakets, das besagt, der Unterricht müsse bei Inzidenzen über 100 wieder auf Distanz gehalten werden, seien die Schulen gebunden. Hinsichtlich der Organisation habe man allerdings viele Entscheidungsmöglichkeiten, wie man das Ganze vor Ort handhabe. Die Staatsregierung habe darüber hinaus ein bisserl eingelenkt, was Kumeth durchaus als positive Nachricht wertet.

Laufener Schulleiter: „Falsch, jetzt die Nerven zu verlieren“

Ab 15. März nämlich gebe es Erleichterungen: So finde zumindest eine Woche lang Unterricht vor Ort statt, auch wenn während dieser Woche die Werte die 100er-Marke überschreiten sollten. Dadurch können die Schüler immerhin in dieser Woche im Unterricht bleiben. Auch die Abschlussklassen der Mittelschule dürfen ab dann im täglichen Wechsel in die Schule kommen - ebenso, wie die Klassen 5 bis 8, sofern sich die Zahlen unter 100 bewegen. Das stellt für Kumeth ein großes Plus dar, sorgt zumindest halbwegs für Normalität. „Wenn wir das bis zum Schuljahresende aufrecht erhalten können sind wir ein gutes Stück weiter.“ An ungezwungene Normalität aber, wie man sie bisher kannte und wie sie sich alle zurückwünschen, sei in diesem Schuljahr nicht zu denken.

Was ebenfalls zuversichtlich stimme: Die ersten Grundschullehrer hätten schon ein Impfangebot erhalten. In den Augen Kumeths ein weiterer kleiner Baustein an Erleichterung. „Das Wetter wird besser, die Sonne lacht - all das spielt uns in die Karten - auch wenn wir weiterhin noch Geduld und Durchhaltevermögen brauchen. Es wäre falsch, jetzt die Nerven zu verlieren. Wir müssen Haltung zeigen und wahren. Das vorzuleben ist auch die Verantwortung von uns Lehrkräften.“

„Präsenzunterricht ist durch nichts zu ersetzen“

Großen Respekt, wie sie die Situation schultern, zollt Kumeth den Eltern - gerade auch den berufstätigen. Denn der Rektor, selbst Vater schulpflichtiger Kinder, weiß: Die Probleme sind da, die Belastungsgrenze überschritten. Umso erfreulicher, dass Ende letzter Woche schließlich grünes Licht für den Präsenzunterricht gegeben wurde. „Ich habe am Montagmorgen alle mit einem breiten Grinsen - das war auch mit Maske unverkennbar - begrüßt und habe mich darüber wahnsinnig gefreut.“

„Trotz Wiedersehensfreue - natürlich wünschen wir es uns anders: Präsenzunterricht ist durch nichts zu ersetzen. Schule ist mehr als lediglich ein Ort des Paukens, es ist eine soziale Begegnungsstätte mit vielen schönen Momenten, Schulfestivitäten, diversen Projekten - jeder hat gemerkt, wie wichtig die Schule ist. Und niemand kann so einfach die Klassenlehrkraft ersetzen.“

Mit kleinen Hilfsmitteln zum bessern Austausch zwischen Eltern, Schülern und Lehrern

Die Ruperti Grund- und Mittelschule habe 2020 auf ein auch für die jüngsten Schüler benutzerfreundliches Tablet-System umgestellt. Zudem habe man vor dem Sekretariat analoge Boxen aufgebaut, an denen Lehrer und Eltern Materialien abholen oder Hefte abgeben können. Eine leichtere Kommunikation und ein besserer Austausch der Schülern und den Eltern. „Das läuft gut, aber es ist eben lediglich eine Alternative“, betont Kumeth, der weiß, dass gerade die Kinder Defizite davontragen, die sich, je länger die Schulen geschlossen bleiben, umso mehr häufen.

„Wir wünschen uns vom Kultusministerium einen klaren Fahrplan und Lösungsansätze, wie es nach Corona weiter gehen wird. Wie gedenkt man diese im letzten Jahr entstandenen Defizite aufzufangen?“, wirft Kumeth in die Runde und zählt eine ganze Liste auf, was die Schulen in Zukunft benötigen: Mehr Lehrkräfte und qualifiziertes Personal, Brückenangebote, kleinere Klassen und mehr Förderangebote, ein multiprofessionelles Team aus Logopäden, Sozialarbeitern und Psychologen.

Wir müssen die Probleme klar benennen. Es wäre gelogen zu sagen, so schlimm war es nicht, kriegen wir schon wieder irgendwie hin. Ein verletzter Sportler, der ein Jahr ausfällt, braucht auch wieder ein Jahr, bis er voll im Saft steht. Das ist in der Schule genauso, wir brauchen mindestens ein Jahr, um die Defizite wieder aufzuholen. “

„Kinder sicherlich keine Treiber der Pandemie - aber sie spiele eine Rolle“

„Es ist eine Pandemie, wir sind alle aus der Komfortzone gerissen und müssen damit zurechtkommen“, erklärt Kumeth. „Der Infektionsschutz steht natürlich an erster Stelle und wenn die Werte hochschlagen auch aufgrund der Virus-Mutationen, dann muss eben wieder etwas gegengesteuert werden. Das sind alles keine willkürlichen Entscheidungen, sondern aus der Not geborene, die bei Weitem nicht alles auffangen können.“

Die Kinder sind sicherlich keine Treiber der Pandemie, davon ist Kumeth überzeugt. „Doch die Experten der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina sagen ganz klar, sie spielen eine Rolle.“ Nicht zuletzt hätten Schulschließungen zu sinkenden Infektionszahlen geführt.

„Aufgeben gibt‘s nicht“

„Wir sind in einer exponierten Stellung und den Aufgaben gewachsen. Da gibt es nichts zu jammern, wenn wir kurzfristig handeln müssen. Auch die Lehrer tragen eine große Last mit und tun ihr Bestes“, untermalt Kumeth und zieht einen anschaulichen Vergleich: „Wir befinden uns in einem pandemischen Marathonlauf, der alle Beteiligten vor große Herausforderungen stellt. Wir sind jetzt etwa bei Kilometer 33 von insgesamt 41 und haben ein gutes Stück der Wegstrecke schon hinter uns, die Zielflagge ist nah. Aber jetzt ist natürlich jeder Kilometer zäh, uns tut alles weh und wir wollen nicht mehr. Doch wir müssen durchhalten. Aufgeben gibt‘s nicht. Niemand hat sich die Pandemie gewünscht, sie ist nun mal da und wir müssen weitermachen - das Ziel haben wir vor Augen.“

mb

Rubriklistenbild: © Gregor Fischer

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