Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Bahngleis nicht gesperrt - obwohl Personen auf den Schienen waren

Missverständnis führt zu Beinahe-Unglück bei Piding - Urteil im Prozess gefallen

Ein Triebwagen der im Herbst 2020 noch fahrenden BLB brauste auf die beiden Bundespolizisten auf den Gleisen zu, der Lokführer meinte aber, die Situation sei schnell unter Kontrolle gewesen, er habe keine Notbremsung machen müssen.
+
Ein Triebwagen der im Herbst 2020 noch fahrenden BLB brauste auf die beiden Bundespolizisten auf den Gleisen zu, der Lokführer meinte aber, die Situation sei schnell unter Kontrolle gewesen, er habe keine Notbremsung machen müssen.

Nur durch einen Sprung konnten sich am 7. September 2020 zwei Bundespolizisten auf der Bahnstrecke Freilassing – Bad Reichenhall im Bereich  Bichlbruck in Sicherheit bringen. Sie wollten eine Absperrbarrikade wegräumen und erhielten vom damals diensthabenden Fahrdienstleiter in Freilassing die Auskunft, dass ohnehin kein Zug käme. Eine übliche Sperrung der Strecke wurde daher nicht beantragt. Nach einer Verhandlung von fünf Stunden fällte der Richter das Urteil.

Laufen/Piding - Hintergrund der Beinahe-Katastrophe war eine Absperr-Barrikade, die vom Bahngleis auf die Straße zu fallen drohte. Zwei Beamte der Bundespolizei sahen die Gefahr, mussten aber an eine enge Stelle über die Gleise, um die Absperrung wieder zu befestigen. Sie riefen daher die Leitstelle der Bundespolizei in Freilassing an mit der Frage, ob sie denn in die Gleise gehen dürften. Dann begann eine Verkettung unglücklicher Umstände: Ihre Kollegin in der Leitstelle rief beim zuständigen Fahrdienstleiter in Freilassing an, dem nun Angeklagten.

Dieser will verstanden haben, dass die Beamten am Rande der Gleise zu tun hätten, er soll daraufhin gesagt haben, „es gibt keine Streckensperre in diesem Abschnitt, aber bis 16 Uhr kommt ohnehin kein Zug“. Außerdem sei eine Umleitung geschalten. So gab es die Polizistin ihren beiden Kollegen an der Bahnstrecke weiter, diese gingen dann gegen 11.45 Uhr auf die Gleise. Tatsächlich kam aber kurz danach ein Triebwagen der BLB aus Richtung Piding mit einer Geschwindigkeit von 90 km/h herangebraust. Die beiden Beamten konnten sich nach ihren Angaben nur mehr durch einen Hechtsprung in einen Graben in Sicherheit bringen, wobei einer der beiden Beamten, der Dienstältere, wegen einer Corona-Quarantäne nicht als Zeuge vor Gericht erschien

„Bundespolizei wollte mich einschüchtern“, Angeklagter

Kurz nach dem Beinahe-Unfall meldeten sich die beiden Beamten in ihrer Leitstelle, diese wiederum beim Fahrdienstleiter mit den Worten „da ist wohl was schief gelaufen“. Die Beamtin in der Leitstelle hatte den Eindruck, der Fahrdienstleiter hätte seinen Fehler bemerkt, hätte aber nicht zurückrufen können weil die Beamtin mit einer unterdrückten Nummer angerufen hatte.

Zwanzig Minuten nach dem Vorfall seien die beiden Beamten in der Fahrdienstleitung aufgetaucht und stellten den DB-Fahrdienstleiter zur Rede, „sie sind sehr forsch mir gegenüber aufgetreten, ich fühlte mich eingeschüchtert und bat die Beiden am Ende Abstand zu halten“. Überhaupt rufe die Bundespolizei entgegen der Vorschriften ständig bei den Fahrdienstleitern in Freilassing an, so der Angeklagte, „das ist eine Untugend geworden“. Wenn sie eine Streckensperre bräuchten müssten sie in München bei der Notfall-Leitstelle der Deutschen Bahn anrufen. Nur bei Gefahr im Verzug, „also zum Beispiel Kinder in den Gleisen“ dürfe ein Fahrdienstleiter die Strecke sperren. 

Beamte hatte Notfallplan 

Einer der beiden betroffenen Bundespolzisten schilderte dem Richter ausführlich den Vorfall am Bahngleis zwischen Piding und Hammerau, er und sein Kollege hätten deshalb keine Streckensperre beantragt weil sie von ihrer Zentrale in Freilassing die Auskunft erhalten hätten, bis 16 Uhr würde ohnehin kein Zug fahren, wie sich später herausstellte eine falsche Auskunft. Die beiden Polizisten hätten sich aber schon vor dem Betreten der Gleise einen Notfallplan ausgemacht für den Fall, dass doch überraschend ein Zug kommt, genau nach diesem Plan gingen sie dann auch vor und sprangen in einen Graben.

Das spätere Auftauchen der beiden Beamten beim Fahrdienstleiter am Bahnhof Freilassing hätte nur eine Aussprache sein sollen, „wir wollten keine Anzeige erstatten“. Im Rahmen der Einvernahme des Beamten stellte sich dann heraus, dass er und der dienstältere Beamte ihre schriftlichen Berichte abgeglichen hatten, „wir haben nur die Zeiten verglichen damit da keine unterschiedlichen Sachverhalte herauskommen“. Entsetzen beim Verteidiger, Kopfschütteln beim Richter. 

„Noch Bauarbeiten an der Strecke?“

Die zweite, mögliche Schwachstelle in der Kommunikation war die diensthabende Beamtin in der Leitstelle der Inspektion in der Freilassinger Westendstraße. Sie wusste, dass die Strecke in den Wochen davor immer wieder wegen Bauarbeiten gesperrt war und fragte deshalb den Fahrdienstleiter, ob dies noch der Fall sei weil zwei ihrer Kollegen an den Gleisen etwas sichern müssten. Dieser Anruf diente ihrer Aussage nach als eine Art „Erstinformation“, ohne die Information, dass bis 16 Uhr ohnehin kein Zug kommt, hätte sie wie vorgeschrieben eine Sperre der Strecke in der Notfall-Leitstelle bei DB Netz beantragt. 

Ein weiterer Fahrdienstleiter vom 7. September 2020 erschien mit seinem Anwalt, der ihm riet, keine Angaben zu machen weil er sich sonst womöglich selbst belasten könnte. Er erklärte nur, dass es auf der Strecke Freilassing-Bad Reichenhall keine „geschaltete Umleitung“ geben könne, darunter sind im Bahnverkehr immer Umleitungen über andere Strecken gemeint, also wenn zum Beispiel ein Zug Salzburg-München über Mühldorf umgeleitet wird. Zudem wäre er kurz vor dem Anruf der Bundespolizei in Mittagspause gegangen und sei erst wieder gekommen als die beiden Polizisten schon im Bahnhof waren. 

„Situation war schnell entschärft“, Zugführer

Deutlich weniger dramatisch als der betroffene Polizist schilderte der Lokführer der BLB den Vorfall im Herbst letzten Jahres. „Ich habe zwei Männer mit Warnwesten im Gleisbereich gesehen, sofort gepfiffen und auf etwa 70 km/h gebremst“, so der Lokführer. Die beiden Männer seien dann nach links in eine Art Grube gegangen, „damit war für mich die Situation schon entschärft, es war keine Notbremsung nötig“, in diesem Bereich seien im Übrigen öfters mal Personen in den Gleisen. 

„Reichenhaller Züge fahren nicht“ 

Ein damals ebenfalls diensthabender Fahrdienstleiter-Assistent konnte als Zeuge einen möglichen Kommunikationsfehler  aufklären, er habe dem Angeklagten zu dessen Dienstbeginn am Vormittag gesagt, „die Reichenhaller Züge fahren heute nicht“, der Grund soll Personalmangel bei der BLB auf dieser S-Bahn-Strecke zwischen Bad Reichenhall und Salzburg gewesen sein. Der jetzt angeklagte Fahrdienstleiter hat offensichtlich verstanden, es würden bis 16 Uhr überhaupt keine Züge fahren, erst dann käme der fahrplanmäßige ICE aus Berchtesgaden

„Solange nicht gesperrt ist fahren wir“ 

Der neunte und letzte Zeuge in dem über fünfstündigen Verfahren war schließlich ein Eisenbahningenieur, der bei DB Netz in München für die Fahrdienstleiter in Oberbayern zuständig ist. Seiner Aussage nach gibt es ganz klare Richtlinien für  Gleissperrungen. Beim angeklagten Fahrdienstleiter sehe er keine Verfehlungen, daher habe die Bahn auch kein Disziplinarverfahren eingeleitet.

Der Anruf der Polizeibeamtin wäre nicht auf dem Festtelefon mit Tonbandaufzeichnung erfolgt, „es wurde keine Sperrung korrekt beantragt“, auch bei einer späteren Aussprache zwischen DB Netz und dem Präsidium der Bundespolizei in München hätten die Polizeivertreter eingeräumt, dass „da wohl bei der Bundespolizei was schief gelaufen ist“. Streckensperren würden bei der DB hundertmal am Tag vorkommen, so der Bahningenieur weiter, dafür gebe es ganz klare Regeln, die auch für die Bundespolizei gelten würden. 

Anklage rückt vom Vorsatz ab

Am Ende änderte die Staatsanwältin ihre Anklage, ein Vorsatz sei nicht zu beweisen, aber eine Fahrlässigkeit sehr wohl, denn alle Zeugen hätten gehört, dass der Fahrdienstleiter selbst einen Fehler eingeräumt hätte. Es hätte sich um einen Beinahe-Unfall gehandelt, allerdings sei das Fehlverhalten der beiden Bundespolizisten strafmildernd zu werten. Sie forderte eine Geldstrafe in Höhe von gesamt 13.600 Euro. 

„Berchtesgadener Züge vergessen“

Der Richter sprach den Angeklagten wegen fahrlässigen Eingriffs in den Bahnverkehr schuldig, bei der Geldstrafe setze er genau die Hälfte der geforderten Strafe an,  also 6800 Euro. Der fahrlässige Eingriff sei erwiesen, „der Angeklagte hat bei seiner Aussage, dass bis 16 Uhr keine Züge mehr fahren schlichtweg die Züge von und nach Berchtesgaden vergessen“. Die konkrete Gefahr sei also gegeben gewesen, es sei nur dem Zufall zu verdanken dass nichts passiert sei. Deutlich abgewichen vom Strafantrag der Staatsanwältin ist der Richter nur wegen des „groben Fehlverhaltens der Bundespolizisten“, die wider jeglicher Regeln gehandelt hätten, „sie hätten den Gleisbereich niemals betreten dürfen“.

Sowohl der Angeklagte, als auch die Staatsanwältin habe keine Erklärung abgegeben, das heißt das Urteil ist nicht rechtskräftig. 

hud

Kommentare