Hundebiss: Vom Opfer zum Täter?

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Laufen - Eine Frau aus Bischofswiesen sagt, sie sei von einem Hund gebissen worden. Die Staatsanwaltschauft glaubt das nicht, das Gericht setzt einen neuen Termin zur Zeugenbefragung an.

Auf den Fotos schillern die großflächigen Hämatome farbenreich an beiden Beinen. Ein kleiner weißer Mischlingshund soll die 54-jährige Frau aus Bischofswiesen am Bahnhofsweg in Berchtesgaden gebissen haben. Sagt sie. Die Hundebesitzerin allerdings bestreitet das. Und auch ein Gutachter stellte fest, dass Gebiss des Hundes und Verletzung nicht zusammenpassten. Und so sieht sich das vermeintliche Opfer der Hundeattacke dem Vorwurf des versuchten Betruges und der falschen Verdächtigung ausgesetzt. Gegen einen Strafbefehl legte die Frau Einspruch ein und präsentierte ihrerseits ein Gutachten, das ihre Version bestätigt. Ein erster Verhandlungstermin gestern am Laufener Amtsgericht wurde vertagt, beide Gutachter sollen nun gehört werden.

Hat der Hund gebissen?

Voll bepackt mit Einkäufen war die 54-jährige Bischofswiesenerin am 24. Januar 2012 unterwegs gewesen, als sich ein kleiner weißer Mischlingshund vor sie legte. „Er hat mich fixiert und ist dann blitzschnell auf mich los“, berichtete sie im Gerichtssaal. In beide Beine habe er sie gebissen, in der Hose sei ein Loch gewesen. „Der hat nur gespielt“, erklärte die 59-jährige Hundebesitzerin aus Berchtesgaden. „Und die beiden kleinen Löcher in der Hose waren absolut identisch und fein säuberlich ausgefranst“. Nie und nimmer könnten die von einem Hundebiss stammen.

Hose runtergezogen als Beweis

Um mögliche Verletzungen zu begutachten, hatte die Bischofswiesenerin bei kaltem Winterwetter sogar ihre Hose heruntergezogen. „Die Hundebesitzerin hat gar nicht hingeschaut“, berichtete das Opfer. „Da war nichts“, behauptete dagegen die Hundehalterin und mit Blick auf die dokumentierten Folgen: „Wenn das mein Hund war, zweifle ich an meinem Verstand“. „Es hat geblutet“, erinnerte sich die 16-jährige Tochter des Opfers. Die Schülerin hatte die Bisswunden unmittelbar nach der Rückkehr ihrer Mutter mit dem Handy fotografiert. Die beiden Wunden seien in Folge ziemlich farbenfroh geworden. Die Bilder am Richtertisch belegten dies und das Attest des Hausarztes schildert eine länger andauernde und aufwändige Behandlung, um eine Wundinfektion zu vermeiden. Man habe die Hundebesitzerin rasch ausfindig machen können, erzählte die Angeklagte. Gemeinsam mit ihrem Mann war sie zu deren Wohnung gefahren. Auch dort habe die Frau weiterhin behauptet, ihr Hund habe nicht zugebissen. Dass sie letztendlich gesagt haben soll, „dann schicken Sie mir halt eine Rechnung“, bestritt die Hundehalterin zunächst, räumte auf Nachbohren von Rechtsanwältin Katharina Pilsel aber ein, sich doch nicht mehr genau erinnern zu können.

Strafantrag wegen falscher Verdächtigung

Das Verfahren gegen die Hundebesitzerin war eingestellt worden, deren Anwältin aber hatte ihr geraten, ihrerseits Strafantrag wegen falscher Verdächtigung zu stellen. Und so ging die Sache ihren Weg. Die Polizei beschlagnahmte Datenträger und Hose des Opfers. Die Staatsanwaltschaft ließ Gutachten unter anderem von der Rechtsmedizin der Ludwig-Maximilian-Universität erstellen. Das Gebiss des vermeintlichen Täter-Hundes wurde vermessen, fotografiert und ein Gipsmodell gefertigt, daneben eine DNA-Analyse erstellt. An eine Gutachterin erinnerte sich die Bischofswiesenerin nur kopfschüttelnd. Gerade mal zwei Minuten und ohne Lupe habe sie die Bissstellen besehen und vermessen. Und aus dem Abstand zweier Punktnarben gefolgert, es müsste sich um die beiden Eckzähne handeln, und deren Abstand passe nicht zu dem kleinen Mischlingshund. Die Angeklagte hatte daraufhin selbst ein Gutachten in Auftrag gegeben. Mit dem Ergebnis, dass es sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit um Bisswunden handelt, dass insgesamt drei Narben erkennbar sind und die nicht zwingend den Abstand der beiden Eckzähne abbilden müssten.

Für Richter die Biss-Version plausibel

In einer Zwischenbilanz ließ Richter Dr. Klaus Hellenschmidt anklingen, dass die Version des Bissopfers aus seiner Sicht plausibel sei, ein Motiv für einen Betrugsversuch und einer falschen Verdächtigung nicht erkennbar sei. „Und wie sollte denn die Verletzung auf andere Weise zustande gekommen sein?“, fragte der Amtsgerichtsleiter. - „Wir wissen nicht, was in der Zwischenzeit passiert ist“, gab Staatsanwalt Dr. Martin Freudling zu bedenken. Der konnte sich zwar eine Einstellung nach Paragraf 153a – wegen geringer Schuld – vorstellen; machte aber ebenso deutlich, dass ein Freispruch hier die Angelegenheit nur ans Landgericht verlagern würde, was heißt, er würde das Urteil nicht akzeptieren.

Zeugen bei neuem Termin geladen

Nicht akzeptieren wollte das Opfer und ihre Verteidigerin eine Einstellung des Verfahrens. Dass die Bischofswiesenerin damit auf ihren Kosten sitzenbliebe, war nur ein Motiv für das Nein. „Zwei Menschen behaupten hier das völlige Gegenteil“, fasste Martin Freudling zusammen und ließ Kritik anklingen: „Wir können das hier nicht mit wolkigen Ermittlungen abschließen“. Man müsse das Geschehen aufklären und wenn nötig, „durchhalten bis zum bitteren Ende.“ Richter Klaus Hellenschmidt setzte daraufhin das Verfahren aus, die Zeugen werden zu einem neuen Termin wieder geladen, vor allem aber auch die beiden sich widersprechenden Sachverständigen.

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Rubriklistenbild: © dpa

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