Angst vor Riesen-Gewächshäusern in Kirchanschöring

Geothermie-Kritiker: Suche nach heißem Wasser "ins Blaue hinein"

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Grünen-Gemeinderat Michael Hüller übte scharfe Kritik sowohl am Zeitplan, als auch am Investor, grundsätzlich ist er aber für ein Geothermie-Projekt.

Kirchanschöring/Laufen - Das Thema Geothermie ist in der Gemeinde zwar scheinbar nicht grundsätzlich umstritten, Kritik sprudelte in einer Informationsveranstaltung am Montagabend dennoch so zahlreich wie irgendwann vielleicht das heiße Wasser aus 5500 Meter Tiefe.

Die Fragen drehten sich hauptsächlich um den ambitionierten Zeitplan („Warum so schnell?“) und um den japanischen Investor („Warum nicht der Freistaat?“). Einer der Besucher hatte nach knapp drei Stunden den Eindruck „wir versuchen mal ins Blaue hinein heißes Wasser zu finden und dann überlegen wir uns, was wir damit machen“. Experte Robert Straubinger von Enex Power Germany bekräftigte allerdings, „dass niemand weniger als 120 Grad erwartet, dass wir kein Kraftwerk bauen glaubt niemand“.

Rund 50 interessierte und informierte Besucher waren am Montagabend in den Saliterkeller gekommen, viele hatten auch Schreibblöcke dabei und machten sich Notizen oder fotografierten Teile der Präsentation ab. Nach der umfangreichen Präsentation eröffnete Grünen-Gemeinderat Michael Hüller den Reigen der kritischen Fragen mit gleich drei Kritikpunkten. Erstens seien in der gesamten Präsentation nur positive Punkte erwähnt, keine Kritiker eingeladen worden, überhaupt sei die Info-Veranstaltung kaum beworben worden und darum seien auch relativ wenige Besucher da. Er sei zwar nicht prinzipiell gegen das Projekt, „aber es geht mir einfach zu schnell, das wird das größte Projekt für Kirchanschöring, in zehn Jahren könnte Kirchanschöring anders aussehen, es könnte wie Kirchweidach aussehen, die Geschwindigkeit sollte man rausnehmen“.

Überrascht über den Vorwurf des Zeitdrucks zeigte sich im Laufe der Diskussion SPD-Gemeinderat Gernot Strasser, „ich fühle mich nicht schlecht informiert, auch in nicht-öffentlichen Sitzungen sind schon viele unangenehme Fragen gestellt und beantwortet worden“. Wenn man das aktuelle Thema CO2 ernst nehme dann habe man hier ein Projekt um auch handeln zu können. „Wie viel Millionen Tonnen CO2 können denn eingespart werden, das bleibt doch nach 20 Jahren am Ende einer EEG-Förderung“. Applaus der Besucher. Es seien rund 65.000 Tonnen CO2 pro Jahr für die gesamte Anlage, also Strom und Fernwärme schätzt Michael Perkmann, verantwortlich für Fernwärmeprojekte bei der Salzburg AG.

Marubeni „clean washed“

Hüllers zweiter Kritikpunkt galt dem neuen Investor Marubeni, „der Konzern galt vor einigen Monaten noch als ‚böse Firma‘ und wurde mittlerweile reingewaschen. Die Aktionäre würden stabile Gewinne wollen, was ihr gutes Recht sei, „aber mir wäre es lieber wenn Deutschland oder der Freistaat dieses Projekt durchführt, immerhin geht es um eine Grundversorgung, dass solle man nicht einem japanischen Konzern überlassen“. Die Stromerzeugung rechne sich nur durch das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG), darum würde Marubeni auch nur auf 20 Jahre rechnen, „dann läuft die Förderung aus und dann sind die dahin“. Marubeni-Deutschland-Geschäftsführer Michael Brandauer entgegnete, dass dies nicht der Fall sein werde.

3D-Ansicht des Bohrplatzes


Der dritte Kritikpunt des Grünen-Gemeinderates ist, dass sich Marubeni primär der Stromerzeugung widmen will, aber man müsse die Fernwärme ausbauen, denn 2030 sollten die Hälfte aller Ölheizungen im Landkreis weg, 2050 alle, wenn der Kreis seine Klimaziele erreichen wolle. Überhaupt, so Hüller weiter, sei ‚Geothermie Rupertiwinkel‘ eine Mogelpackung, sie sollte eigentliche ‚Geothermie Marubeni‘ heißen. Er empfahl sich und seinen Gemeinderatskollegen, sich mit der Entscheidung Zeit zu lassen, „also runter vom Gas und, im Zweifel auch ablehnen“. Hüller erntete heftigen Applaus.

Den Vorwurf einer Mogelpackung wies nicht Marubeni-Geschäftsführer Brandauer zurück, sondern Michael Perkmann von der Salzburg AG. „Die Gewerbesteuereinnahmen gehen in die Ortskasse, das Unternehmen ist in Traunstein in das Handelsregister eingetragen, also passt auch der Namen Rupertiwinkel“. Dass das EEG, und eine ähnliche Förderung in Österreich, eine Art Anschubfinanzierung sei bestreite niemand.

Auch ein weiterer Besucher äußerte die Befürchtung, dass sich Marubeni am Ende der Förderlaufzeit von 20 Jahren verabschiede, „dann ist der lukrative Teil zu Ende, wer übernimmt dann das Fernwärmegeschäft und die Stromerzeugung?“. Marubeni-Brandauer wiederholte, dass sein Unternehmen „mindestens 20 Jahre bleiben wird“. Der Vertreter der Salzburg AG wurde direkt gefragt, warum der Salzburger Stromerzeuger nicht im Salzburger Flachgau bohre, wenn doch auch dort große Mengen an heißem Wasser vermutet werden. Perkmann antwortete, dass die Salzburg AG Daten von früheren Betreibern gekauft habe, die in der Region nach Gasvorkommen gesucht hätten. „Ja, das untersuchte Dreieck reiche bis nach Lamprechtshausen im Flachgau, allerdings sei man dort tatsächlich auf verwertbare Gasvorkommen gestoßen, sodass es im Bereich St. Georgen, Nussdorf und Haunsberg zahlreiche Gasbohrungen und Speicher gibt“, sagte Perkmann. „Zwischen diesen Gasblasen auch noch nach heißem Wasser zu bohren sei schwierig“.


Angst vor Riesen-Gewächshäusern

Vor allem die Menge an Fernwärme, die erwartet und von der Gemeinde genutzt werden kann bereitet einigen Kirchanschöringern offensichtlich Sorge, „wohin mit der vielen Wärme“ war der Tenor zahlreicher Fragen, denn der Ort alleine sei wohl zu klein, um eine erwartet große Menge an Wärme für Heizungen brauchen zu können. „Bekommen wir wie anderswo Riesen-Gewächshäuser oder eine Aufzucht von tropischen Fischen?“ war eine der Fragen am Info-Abend. Auch hier war es wieder Michael Perkmann von der Salzburg AG, der Ängste zu zerstreuen versuchte. „Für eine mögliche Fernwärmeleitung über Freilassing nach Salzburg würde eine Wassertemperatur von 100 bis 115 Grad reichen“, ein Großabnehmer sei also vorhanden. Die Frage, ob sich das 2016 aus Wirtschaftlichkeitsgründen auf Eis gelegte Fernwärmeprojekt nun also wieder lohne beantwortete Perkmann ausweichend, das sei abhängig von der Menge des heißen Wassers, von der Länge der Leitung, „das ist jetzt zu diesem Zeitpunkt noch Kaffeesud lesen“.

Ein weiterer Besucher machte sich Gedanken, ob es sich die Gemeinde Kirchanschöring überhaupt leisten könne, 12,5 Prozent der Gesellschafteranteile zu übernehmen, denn immerhin seien es vermutlich Investitionen in Millionenhöhe. „Wie viel Geld geben wir aus?“ Kirchanschörings Bürgermeister beruhigte, „wir steigen erst bei dem Bau des Kraftwerkes ein“, was der Fragesteller mit einem knappen „passt“ quittierte.

„Reden schon sieben Jahre darüber“

Im Laufe des Diskussion tauchte dann immer wieder die Frage auf, warum der Gemeinderat jetzt „so schnell“ entscheiden müsse. „Was wäre, wenn der Gemeinderat weitere sechs Monate brauche um eine Entscheidung zu treffen?“. Birner blieb dabei, im August oder im September werde in einer Sondersitzung eine Entscheidung fallen, „dann sagt der Gemeinderat halt Ja oder Nein, wir haben uns seit sieben Jahren mit dem Thema Geothermie immer wieder beschäftigt“, rechtfertigte Birner den jetzt bevorstehenden Beschluss.

Geplante Bohrziele


Manche Besucher blieben dennoch skeptisch, die technischen Informationen des Abends seien gut, „aber der Rest?“ Bisher gebe es von Marubeni doch nur das Versprechen, heißes Wasser aus dem Boden zu holen, vermutete Investitionskosten von 50 Millionen Euro würden vom Unternehmen abgeschrieben werden können, „und was ist dann nach 20 Jahren? Die Gemeinde weiß nicht, welche Dimension da auf die zukommt“, so ein weiterer Besucher der Veranstaltung am Montagabend. Marubeni-Geschäftsführer Brandauer widersprach, es sei kein Abschreibeprojekt, „es ist vielmehr ein Hochrisiko-Projekt, wir bohren immerhin auf 5500 Meter Tiefe, da sind Millionen-Beträge im Spiel“. „Wenn Bohrungen Abschreibeprojekte wären würden ja alle bohren wo es erlaubt ist“, sprang ihm auch der Salzburg AG-Vertreter bei.

„Will in der Nacht schlafen“

Am Ende ging es aber nicht nur um eine Rentabilität der Anlage und das mögliche Risiko für die Gemeinde sondern auch um die profane Frage, wie laut denn die Bauarbeiten seien, „denn ich will in der Nacht schon schlafen können“, so ein unmittelbarer Anlieger des Bohrplatzes. „Wird da Tag und Nacht gebaut, werden Straßen ausgebaut? Ich habe keine Lust dass ich vier Jahre kein Fenster aufmachen kann“. Auch hier war es einmal mehr der Vertreter der Salzburg AG, der die Frage beantwortete: „An der Straße wird sich nicht viel ändern, außer am Ende der Strecke, die derzeit nur geschottert ist“. Ein Verkehrsgutachten sei in drei Wochen fertig, dann wisse man mehr. Eine Art Lieferverkehr würde es nur geben, wenn der Bohrturm angeliefert wird, „dass muss man sich wie den Aufbau eines Kranes vorstellen“. Die genauen Bauzeiten würden mit der Gemeinde vereinbart, zwischen 7 Uhr am Morgen und am Abend seien üblich.

hud

Quelle: chiemgau24.de

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