"Jeder soll die Chance auf das Abitur haben"

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Martin Güll bei seinem Vortrag im Lokschuppen in Freilassing.

Berchtesgadener Land - Bildung und Sozialpolitik - diese beiden Schwerpunkte hatte sich die Fraktion der SPD im Kreistag Berchtesgadener Land für ihre diesjährige Klausurtagung gegeben.

Ein echtes bildungspolitisches Schwergewicht konnte der Fraktionsvorsitzende Hans Metzenleitner im Tagungsort, dem Freilassinger Lokschuppen mit dem Landtagsabgeordneten Martin Güll begrüßen. Er stellte das Konzept der Gemeinschaftsschule vor, mit dem die SPD in Bayern für mehr Bildungsgerechtigkeit sorgen will.

Martin Güll ist seit 2008 Mitglied des Bayerischen Landtags und war vorher Rektor einer großen bayerischen Hauptschule. „Natürlich freuen wir uns über das gute Abschneiden der bayerischen Schülerinnen und Schüler beim neuen PISA-Vergleich“, führte Martin Güll zu Beginn seines Vortrags im Lokschuppen aus. „Aber welcher Preis ist zu zahlen für dieses national gute und international mittelmäßige Ergebnis?“, fragte der Landtagsabgeordnete.

Ein knallharte Auslese schon in frühen Jahren und ein System, in dem der Erfolg in der Schule und damit auch der Bildungsabschluss viel mehr als in anderen Bundesländern vom sozialen Status der Eltern abhängt, erklärte Martin Güll. „Eigentlich muss es einen Sozialdemokraten freuen, wenn 40 Prozent eines Jahrgangs zwischenzeitlich das Gymnasium besuchen. Aber wenn bei mir in Dachau von 160 Schülern, die im Gymnasium anfangen, nur 112 das Abitur erreichen, dann gibt es eindeutig eine Fehlsteuerung“, führte er aus. „Wenn eine 6. Klasse bei uns ausschließlich mit Wiederholern besetzt ist, dann haben wir das neunstufige Gymnasium eben durch die Hintertuer wieder eingeführt“, stellte Martin Güll fest.

Die vielfach kritisierte Einführung des G 8 sei eben nicht zu einem Neuanfang im Bildungswesen genutzt worden. „Der massive Anstieg der Schülerzahlen an den Realschulen ist von der bayerischen Bildungspolitik überhaupt nicht verarbeitet worden. Daran ändert auch das neue Konzept „Realschule 21“ gar nichts“. Die Realschule entwickle sich wieder alle Ideologie der CSU zu einer Art Gemeinschaftsschule, „aber als pädagogischer Einheitsbrei und ohne Konzept zur individuellen Förderung“, so Martin Güll.

Obwohl in den Hauptschulen viele Lehrerinnen und Lehrer hervorragende Arbeit leisten, sei auch das jetzt hastig eingeführte Konzept Mittelschule nur ein weiterer Etikettenschwindel, kritisierte er. „Eigentlich habe ich die Diskussion über ein drei- oder zweigliedriges Schulwesen satt“, führte der Bildungspolitiker aus. „Aber es kann mir eben niemand zeigen, wie wir im derzeitigen System den brutalen Leistungsdruck in den Übertrittsklassen mindern und die soziale Auslese beenden“. Deshalb habe sich die BayernSPD bei einem kleinen Landesparteitag einhellig für die Einführung einer echten Gemeinschaftsschule ausgesprochen, an der alle Schulabschlüsse angeboten werden – als zusätzliche Alternative, ohne dadurch Gymnasium, Haupt- und Realschule abzuschaffen.

„In der Gemeinde Denkendorf unterstützt unsere SPD-Landtagsfraktion mit Bildungsexperten und juristischem Rat einen Versuch, eine solche Gemeinschaftsschule einzuführen“, erläuterte Martin Güll. „Natürlich kann und soll nicht jeder das Abitur machen. Aber wir kämpfen dafür, dass in der Gemeinschaftsschule jeder die Chance dazu bekommt – mit einem wohnortnahen, qualitativ hochwertigen Bildungsangebot“, so der Abgeordnete.

Wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass der gewünschte Bildungsabschluss bei der Schulauswahl der Eltern die größte Rolle spiele – „nicht zu Unrecht, wenn man bedenkt, dass zwischenzeitlich die meisten neuen Bankkaufleute das Abi haben“. „Die Gemeinschaftsschule ist keine Gesamtschule. Wir wollen ein abgestimmtes Angebot mit individueller Förderung, bei dem es eine längere gemeinsame Schulzeit unter einem Dach gibt, aber eben keinen Einheitsbrei“, so Martin Güll.

Allein die Tatsache, dass sich Schüler und Eltern erst 6 Wochen vor der Prüfung statt wie bisher in der vierten Klasse für einen Bildungsabschluss entscheiden, werde viel vom derzeitigen Druck von ihnen nehmen. „Das CDU-geführte Schleswig-Holstein hat die Gemeinschaftsschule mit großem Erfolg eingeführt. Es ist für einen bayerischen SPDler schon eine besondere Erfahrung, dort einen Besuch zu machen und von einem CDU-Bürgermeister die Gemeinschaftsschule angepriesen zu bekommen“, erzählte Martin Güll schmunzelnd zum Ende seines Vortrags.

„Du hast uns für die Bildungspolitik vor Ort neue Perspektiven eröffnet und neue Wege aufgezeigt“, bedankte sich Hans Metzenleitner bei dem Referenten. In der darauf folgenden Diskussion bestätigten viele SPD-Kreisräte die Erfahrungen aus dem Bereich Dachau und sprachen sich für die Gemeinschaftsschule als neue und hochwertige Alternative im bayerischen Bildungssystem aus.

Mehr Informationen zum Konzept der Gemeinschaftsschule gibt es auf der Internetseite der SPD Berchtesgadener Land www.spd-bgl.de.

Pressemitteilung SPD BGL

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