Surfer auf Abenteuer-Tour im Kriegsgebiet

Fridolfinger reitet Wellen in Afghanistan

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Die drei Wellenreiter Afridun Amu (rechts), Benjamin Di-Qual aus Fridolfing (links) und Jacob Kelly (M) stehen Anfang Juni im Pandschir-Fluss in Nordafghanistan.
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Afghanistan - Der Fridolfinger Surfer Benjamin Di-Qual hat einen abenteuerlichen Trip mit einem Berliner Bekannten hinter sich. Im kriegsversehrten Afghanistan wollten sie mit ihrem Sport ein wenig Normalität schaffen. Trotz vieler Hürden geben sie nicht auf und wollen den Afghanen auch in Zukunft das Surfen beibringen:

Eigentlich gibt es nur wenig reizvolles in Afghanistan, jahrelange Kriege haben das Land zermürbt. Immer noch herrscht hier an vielen Orten die Gewalt. Und dennoch: auch das Land am Hindukusch hat seinen Reiz. Wenn auch nicht unbedingt für Touristen, sondern für Sportler. 

Im Pandschir-Tal nördlich der Hauptstadt Kabul stehen ein paar Surfer unter einer Brücke und beobachten, wie sich eine Welle bricht. "Wir hatten sie schon aus 300 Metern Entfernung entdeckt", sagt Afridun Amu. "Das Wasser schoss über eine Schräge hinunter. Es war keine perfekte Welle, und die Strömung war gefährlich, aber wir wollten’s endlich ausprobieren."

Surfen in Afghanistan? Ja, das geht offensichtlich. Die ersten Zuschauer ließen nich lang auf sich warten. Am Ende wechselten sich 50 Afghanen sogar mit dem Sicherheitsseil ab. Es herrscht immer noch Krieg im Land, die Taliban sind auf dem Vormarsch - deswegen auf eine bewaffnete Eskorte - und einer der Abenteurer leidet an Dauerdurchfal. Aber: nach drei Jahren der Vorbereitung haben zwei Deutsche und ein Kanadier endlich das Wellenreiten nach Afghanistan gebracht.

Fridolfinger reitet afghanische Wellen

Knapp eine Woche lang sind die Hobbysurfer Benjamin Di-Qual (34) aus Fridolfing, der Berliner Afridun Amu (30) und der kanadische Flusswellenexperte Jacob Kelly (34) durch das Pandschir-Tal gefahren. Denn Surfen oder Wellenreiten, das geht nicht nur auf dem Meer. Sie hatten sich extra für Flußfahrten ausgerüstet. Fünf Flussbretter, die kürzer und stärker sind als Meeresbretter, verstauten sie auf einem Lastwagen. Erst seit wenigen Tagen sind wieder nach Deutschland zurückgekehrt. 

Mehr als nur Abenteuer und Sport

Es ging dabei um mehr als Sport und Abenteuer. Amu, dessen Eltern 1992 nach Deutschland geflohen waren, hat als Jurist für die Max-Planck-Stiftung für Frieden und Rechtsstaatlichkeit an Afghanistan-Projekten gearbeitet und kennt das Land. "Ich will, was da abgeht, nicht schönreden", sagt er. "Aber für mich ist Afghanistan mehr als der Krieg. Da gibt es einzigartige Landschaften, jahrhundertelang gelebte Gastfreundschaft für Reisende und Suchende, und das möchte ich erleben und erlebbar machen."

Im vergangenen Jahr war Amu als erster Surfer für Afghanistan überhaupt bei der WM in Biarritz angetreten. Damals sagte er im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur, dass er mit seinem Verein, der "Wave Riders Association of Afghanistan", im Land irgendwann mal ein Jugendteam aufbauen wolle. Heute sagt er: "2020 wird Surfen zum ersten Mal olympisch und es wäre stark, wenn wir es hinbekommen, Surfer aus Afghanistan für 2024 zu trainieren."

Auch, wenn Afghanistan andere Sorgen habe. Trotzdem. Es habe was damit zu tun, Perspektiven anzubieten: "Sport bedeutet den Afghanen sehr viel. Sport gibt Freude und Kraft – und das brauchen die Menschen auch."

Bloß keine Haut zeigen!

Der Pandschir-Trip war ein Teil der Gesamtidee vom Surf-Camp Afghanistan. Sie sollte erforschen, ob es in dem kriegsgebeutelten Land genug sichere Orte und natürlich gute Wellen gibt. Und es ging besser als erwartet – mit Hilfe von Ganzkörper-Neopren (bloß keine Haut zeigen im konservativen Land) und Fingerspitzengefühl. 

Vom Haus eines befreundeten Würdenträgers auf 2.500 Metern Höhe fuhren die Surfer tagsüber über Dreckpisten den Fluss ab und haben Wellen ausgekundschaftet. Pandschir, das ethnisch homogen und durch enge Pässe abgeschottet ist, gilt als verhältnismäßig sicher. "Und die meisten Reaktionen waren toll. Aber da waren auch einige Menschen sehr misstrauisch", sagt Benjamin Di-Qual an einem Abend über eine wacklige Telefonverbindung aus dem Tal.

Eine "zweifache Offenbarung"

Für Di-Qual war die Reise eine "zweifache Offenbarung". Zum einen waren da die Wellen. Er ist als hobbymäßig an der Entwicklung von künstlichen Flusswellen beteiligt. Wie die berühmte Welle im Münchner Eisbach. Er überlegt jetzt, wie man für die Jugend im Fluss eine sichere kleine Welle zum Üben einrichten könnte. "Da ist unglaubliches Potenzial", sagt er. "Das Pandschir-Tal ist sehr lang und hat ein starkes Gefälle. Da sind während der Eisschmelze viele Weißwasserwalzen, Stufen, Wellen. Tolle Wildwassergegebenheiten! Sportlich total interessant."

Gleichzeitig habe die Reise sein Bild von Afghanistan verändert. "In Deutschland ist so oft die Rede vom sicheren Herkunftsland und dass man Flüchtlinge dahin zurückschicken kann, aber jede Unterhaltung hat mir gezeigt: Das Gefühl von Sicherheit hat kein Mensch hier. Manche haben sich geschämt, Waffen tragen zu müssen. Das ist mir sehr nahe gegangen", sagt Di-Qual.

Am Ende ihres abenteuerlichen Trips sind die Surfer drei afghanische Wellen geritten. "Da wäre noch mehr gegangen, aber die Zeit hatten wir nicht mehr", sagt Amu. Immerhin: Die ersten Schritte, um den Sport zu etablieren, seien getan. Afghanische Surfer bei Olympia 2024 – "ganz so verrückt klingt die Idee jetzt nicht mehr".

kil mit Material der dpa

Quelle: chiemgau24.de

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