Landratskandidaten diskutieren über Verkehrsalternativen

Verkehrsverbund erst im Landkreis, dann mit Salzburg

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Das Verkehrsforum BGL hatte alle fünf Landratskandidaten eingeladen, v.r. Bartl Wimmer, Roman Niederberger, Michael Koller, Robert Koch und Bernhard Kern. Links Karl Bösenecker als Sprecher des Verkehrsforums.

Freilassing - Bei einer Polit-Diskussion mit Landratskandidaten wurde unter anderem die Idee eines Verkehrsverbunds mit österreichischen Bundesländern aufgeworfen.

Verkehr bewegt alle, aber anscheinend nicht zu einer Podiumsdiskussion zum Thema Verkehr. Nur knapp 50 Besucher interessierten sich am Mittwochabend im Rathaus für die alternativen Verkehrsideen der Landratskandidaten im Rahmen einer Diskussion des Verkehrsforums BGL. Einig waren sich die Bewerber weitgehend darüber, dass erst im Landkreis selbst die acht Anbieter zu einem Verkehrsverbund zusammengebracht werden müssen, erst dann sollte das Tarifsystem ausgedehnt werden auf Traunstein und Salzburg. „Vor allem mit Salzburg muss man mehr sprechen und sie mit uns“, so Bernhard Kern (CSU), denn die Salzburger würden die Bayern immer wieder vor vollendete Tatsachen stellen wie aktuell bei der Lkw- Durchfahrtssperre auf der Lamprechtshausener Straße. 


Tarifverhandlungen mit Salzburg könne aber nicht ein Landrat führen meinte sogleich Michael Koller (FWG), „denn auf Salzburger Seite ist da der Landeshauptmann zuständig, das heißt von bayerischer Seite müsste da schon der Ministerpräsident oder zumindest der Bayerische Verkehrsminister am Tisch sitzen“.

Politiker propagieren bei jeder Gelegenheit, dass Autofahrer auf Busse und Bahnen umsteigen sollen, wenige Politiker machen es selbst. Einer der Wenigen ist Roman Niederberger (SPD), „mein Zug geht um 5.32 Uhr, ich kenne die Gesichter der Menschen wenn dann auf der Anzeige steht ‚Zug fällt aus‘ oder wenn die Züge übervoll sind“. Auch die Digitalisierung sei in der Bahn noch nicht angekommen, „beim Einsteigen in Freilassing ist das Internet ohnehin sofort weg, wenig später dann auch die Handyverbindung“.


Grundsätzlich einig waren sich die fünf Kandidaten für den Landratsposten, dass man ohne eine echte Verkehrswende nicht weniger Autoverkehr schaffen werde, „das wird’s aber nicht zum Nulltarif geben“, so Roman Niederberger von der SPD, der nach eigenen Angaben seit 20 Jahren ohne Auto mobil ist, „ich habe im Öffentlichen Verkehr also alles erlebt und erlitten“. Bartl Wimmer von den Grünen machte sofort darauf aufmerksam, dass das jährliche Wachstum des Autoverkehrs von zwei bis drei Prozent und die daraus entstehenden Verkehrsprobleme von der betroffenen Wohnbevölkerung nicht mehr hingenommen werde. „Die Nachbarn in Tirol und jetzt auch in Salzburg ergreifen schon Abwehrmaßnahmen, also zum Beispiel die Sperre der Lamprechtshausener Straße für den Lkw-Verkehr, das wird die Situation bei uns noch weiter verschärfen“, ein 500-Seiten starkes Strategiepapier des Landkreises helfe da wenig.

Verkehrsverbund nur mit Salzburg?

Bei der Frage, was man von anderen Landkreisen oder Ländern lernen könne meinte Wimmer, man müsse einen Verkehrsverbund auf alle Fälle mit Salzburg hinbekommen, nur für die Gemeinden oder den Landkreis alleine „ist das zu kurz gegriffen“. In Freilassing sei hier „ein zarter Ansatz“ gelungen, der grenzüberschreitende Verkehrsverbund müsse auf alle Fälle politische angegangen werden, die EuRegio sei dazu nicht geeignet. CSU- Landratskandidat

Bernhard Kern

hatte den Verkehrsverbund Tirol-Südtirol-Trentino als Vorbild entdeckt, aber machte darauf aufmerksam, dass es im Landkreis derzeit acht verschiedene Anbieter gebe, die man zuerst in einen Verkehrsverbund bringen müsste, „erst dann ist der nächste Schritt in Richtung Salzburg und Traunstein sinnvoll“.

Freie Fahrt für Schüler

Michael Koller

von den Freien Wählern wollte sich nicht so sehr auf positive Beispiele in der Nachbarschaft konzentrieren sondern alternativ seine Ideen unterbringen, „ich möchte eine Ganzjahreskarte für Schüler und Azubis für den gesamten Landkreis und darüber hinaus, also nach Salzburg“, denn wenn sich Jugendliche an Busse und Bahnen gewöhnen würden sie auch als Erwachsener mit den Öffis fahren, glaubt zumindest Koller. Auch er traut eine Vereinbarung mit Österreich nicht der EuRegio zu, „das ist ein zahnloser Tiger und bringt nichts“. Für

Roman Niederberger

ist die Salzburger Lokalbahn „das Erfolgsmodell“, vor 20 Jahren sei die Bahn am Ende gewesen, dann habe man investiert und nun würde die Bahn von deutlich mehr Fahrgästen angenommen. Tatsächlich wurde aber in Salzburg erst jetzt bekannt, dass die Lokalbahn 118 Millionen Euro für neue Gleise, Sicherheitsanlagen und modernere Triebwagen braucht. Der AfD-Vertreter, Wolfgang Koch, dachte in größeren Dimensionen, er will neben dem Berchtesgadener Land, Traunstein und Salzburg auch gleich Rosenheim und Oberösterreich in einem Verbund wissen, „weil der Urlauber kennt keinen Unterschied zwischen Chiemsee und Königssee“.

Kostenloser Stadtbus in Bad Reichenhall als Vorbild?

Der Idee von Michael Koller (FWG), „auf alle Fälle Schüler und Azubis gratis fahren zu lassen“ konnte sich auch Roman Niederberger (SPD) anschließen mit der Ergänzung, dass auch Ehrenamtliche kostenlos Busse und Bahnen nutzen sollten. Bevor man aber über einen gebührenfreien, öffentlichen Verkehr nachdenke müsse zuerst das Angebot stimmen. „In Bad Reichenhall fahren ja die Stadtbusse an den Wochenenden kostenlos, die Zahl der Fahrgäste hat sich verdoppelt, zugegeben auf niedrigem Niveau, aber interessant ist doch, dass auch unter der Woche die Busse jetzt besser frequentiert sind“. Auch Bartl Wimmer (Grüne) möchte vor einer Diskussion über Gratisbusse zuerst neue Strukturen, „die Anbieter sind derzeit extrem unflexibel, meine Enkel kommen in die völlig überfüllten Busse oft gar nicht mehr hinein“. Er ist dafür, dass siebenstellige Gewinne der Kehlstein-Linie in den Öffentlichen Verkehr im Landkreis investiert werden. „Gratis für Schüler und Azubis ja, aber für den Rest nein“ war die knappe Antwort von Bernhard Kern (CSU) auf die Frage nach dem Fahren ohne Zahlen. Er kann sich eher ein 365-Euro- Jahresticket nach dem Vorbild Salzburg vorstellen oder ein Tagesticket, dessen Preis dann irgendwo zwischen einem und 14 Euro liegen wird.

Schon nach einer Stunde hatte Michael Koller so viele Ideen, Wünsche und Anregungen auch von den anderen Kandidaten gehört dass ihm schummrig wurde und er, scherzhaft oder doch ernstgemeint sagte, „wenn in der nächsten Stunde nochmal so viele Anregungen komme dann werde ich als Landrat wahrscheinlich Tag und Nacht im Landratsamt sitzen um mich nur um den Verkehr zu kümmern“.

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