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„Krankenhaus Freilassing bewusst an die Wand gefahren“ 

1,4 Millionen Euro nur für Substanzerhalt – Geht nun auch die Psychiatrie weg?

Am Montagabend (11. Juli) wurde über die Zukunft des Krankenhauses Freilassing gesprochen.
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Am Montagabend (11. Juli) wurde über die Zukunft des Krankenhauses Freilassing gesprochen.

Das „Aus“ für die stationäre Versorgung im Krankenhaus Freilassing sorgte in der öffentlichen Präsentation diese Woche für mächtigen Unmut. Die Reaktionen der kommunalen Vertreter reichten von „Ein Schlag ins Gesicht“ bis „Absichtlich an die Wand gefahren“. Uwe Gretscher als Kliniken-Manager blieb dabei, „schwere Verletzungen dürfen schon seit Jahren nicht in Freilassing versorgt werden, was stationär zu behandeln ist hat in Freilassing nichts zu suchen, da hat Freilassing nie eine Rolle gespielt“. 

Der Unmut bei Gemeinderäten und Besuchern ist in der überlangen Powerpoint-Präsentation des Managements mit 128 Seiten latent zu spüren, Blutdruckmesser würden bei den meisten wohl erhöhte Werte anzeigen. Saaldorf-Surheims Bürgermeister Andreas Buchwinkler nach der Präsentation an Gretscher gerichtet: „Ich bin enttäuscht, in den zweieinhalb Stunden haben Sie sich immer wieder auf die angeblich eine Person konzentriert, die sich pro Nacht in das Krankenhaus verirrt, aber klar ist, dass das Krankenhaus bewusst gegen die Wand gefahren worden ist“. Erster Applaus in der voll besetzten Aula der Mittelschule. Dass die in Aussicht gestellten 1,4 Millionen Euro „für Investitionen“ reichen würden zweifelt Buchwinkler an, „jeder Gemeindepolitiker weiß, was man heute für 1,4 Millionen bekommt. Ich fürchte, der Abbau in Freilassing geht weiter“.

„Traurig was aus unserem Haus geworden ist“

Auch die Psychiatrie-Zentrale in Wasserburg sei aktiv, ob der Vertrag mit Freilassing 2032 verlängert werde ist nicht sicher, denn im Vertrag mit den Kliniken Südostbayern sei das Vorhandensein einer Klinik mit 40 Betten und einer Notfallversorgung festgeschrieben. Uwe Gretscher als Vorstandsvorsitzender der Kliniken-AG wiederholt, dass die Patientenzahlen auch vor fünf Jahren nicht viel höher gewesen wären und man viele „Notfall-Eingriffe“ wie zum Beispiel die Behandlung eines Schlaganfalls in kleinen Kliniken wie Freilassing heute nicht mehr machen dürfe, da hier schlichtweg die Spezialisten fehlten. Die Investitionen von 1,4 Millionen Euro für die nächsten Jahre seien für die notwendige Instandhaltung vorgesehen. 

Den ehemaligen Arzt im Krankenhaus und jetzt SPD-Gemeinderat in Saaldorf-Surheim, Klaus Koch, hält es schon während des Vortrag nur schwer auf dem Platz, er sei 28 Jahre Arzt im Krankenhaus Freilassing gewesen, „Freilassing war ein hochleistungsfähiges Krankenhaus, es ist traurig was aus unserem Haus geworden ist“, der nördliche Landkreis mit den Industriestandorten sei unterversorgt. Stefan Paech als medizinischer Leiter der Kliniken Südostbayern entgegnet, dass zum einen die Zahl der Arbeitsunfälle „zum Glück“ immer weiter sinkt, „und die schweren Fälle dürfen wir in Freilassing nicht mehr behandeln“. Auch den Vorwurf, die Zahlen – „im Durchschnitt eine Person pro Nacht“ – seien deshalb so schlecht weil die Rettungswagen Freilassing nicht mehr anfahren dürften, wies Paech zurück. „Der Notarzt darf auch nicht machen was er will, er muss mit dem Patienten zum Beispiel nach einem Schlaganfall eine Spezialklinik anfahren“, und das sei eben nicht Freilassing. 

„Klinik wird Senioren-Tagesstätte“

Seinem Frust über die Zukunft des Krankenhauses lässt auch FW-Stadtrat Dietmar Eder aus Freilassing freien Lauf, „sie haben uns jetzt 128 Seiten lang zugetextet, jetzt wissen wir, aus Freilassing wird eine Senioren-Tagesstätte, für mich als Altenpfleger ist das zwar löblich, aber was mit dem Krankenhaus passiert ist ein Schlag ins Gesicht“.

Seine Fraktionskollegin Bettina Oestreich will die Unterlagen sehen, die zur Entscheidung geführt haben, sie befürchtet auch, dass bei einer „Investitionssumme“ von nur 1,4 Millionen Euro für die nächsten Jahre auch den Anforderungen einer modernen Psychiatrie nicht entsprochen werden kann, „und wenn die Psychiatrie weggeht dann fällt Freilassing ganz“, so Oestreich. Mit dem Ausblick, es komme ein „Gesundheits-Campus“ werde nur vorgetäuscht „dass da etwas ganz großes kommt“. Gretschers Antwort: „Die psychiatrische Klinik muss alleine entscheiden wie viel Platz sie in Zukunft in Freilassing braucht, aber der Bedarf an Psychiatrie wird in Zukunft noch steigen“. Seinem Eindruck nach sei die KBO (Kliniken Bezirk Oberbayern) derzeit mit dem Neubau in Wasserburg beschäftigt. 

Notfall ist nicht gleich Notfall

An eine Umfrage unter Wirtschaftstreibenden zur Notwendigkeit einer Notfallversorgung am Krankenhaus Freilassing erinnert Christoph Breuer von ‚Pro Freilassing‘, das Ergebnis vor eineinhalb Jahren war naturgemäß, dass ein funktionstüchtiges Krankenhaus ein wichtiger Standortfaktor sei. Der medizinische Leiter der Kliniken Südost versichert hingegen, Notfälle seien im nördlichen Landkreis gut versorgt. „Wir haben in Freilassing von 8 bis 18 Uhr eine unfallchirurgische Praxis, Bad Reichenhall ist ein regionales Traumazentrum und in Salzburg haben wir die Unfallklinik“.

Damit erwähnte das Management Salzburg zwar einmal, die Landeskliniken und das Unfallkrankenhaus spielten im Rahmen der Präsentation so gut wie keine Rolle, auch wenn man gefühlt den Eindruck hat jeden Tag würden zehn Krankenwagen von Freilassing oder Berchtesgaden aus nach Salzburg rasen. 

Kliniken-Manager: Info-Asymmetrie

Uwe Gretscher ortet in diesem Zusammenhang eine „Info-Asymmetrie“, viele glaubten, wo ein Bett ist werde man auch versorgt, aber schwere Verletzungen dürften schon seit Jahren nicht in Freilassing versorgt werden. „Was stationär zu behandeln ist hat in Freilassing nichts zu suchen, da hat Freilassing nie eine Rolle gespielt“.

„Im Allgäu schon vor 25 Jahren“

Einer fand sich dann doch noch, der den Standort-Argumenten des Kliniken-Managements folgen wollte, Grünen-Gemeinderat Friedhelm Schneider aus Ainring. Er erinnerte sich daran, dass in seiner ursprünglichen Heimat, dem Allgäu, dieser Umstrukturierungsprozess schon vor 25 Jahren stattgefunden habe. Er bedankte sich ausdrücklich für die Arbeit an den sechs Standorten des Klinikverbundes. Sepp Ramstetter (CSU) kritisierte die als Investition gepriesenen 1,4 Millionen Euro, „in Ainring bauen wir eine Kinderkrippe für 8 Millionen Euro und für ein Krankenhaus sind 1,4 Millionen vorgesehen?“ Gretscher präzisierte nun, dass die 1,4 Millionen „nur für den Substanzerhalt vorgesehen sind, wir reden hier nicht von einem Neubau“. 

Nach einer knappen Stunde der gemeinsamen Stadtrats- und Gemeinderatssitzung der drei Kommunen schlug Freilassings Bürgermeister Markus Hiebl versöhnliche Töne an, man solle sich neuen Strukturen öffnen, aber eine chirurgische Versorgung müsse aufrechterhalten bleiben. „Die Gesundheitsvorsorge ist eine Daseinsvorsorge, da darf der Kommerz nicht im Vordergrund stehen“, so Hiebl, der aber in Gespräche über die Zukunft der Psychiatrie in Freilassing frühzeitig eingebunden werden möchte. 

hud

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