Hochwasserschutz in Freilassing

Warm: "Eine lange Versagenskette!"

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Mobiler Hochwasserschutz in Hallein.
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Freilassing - Hätten die Hochwasserschäden im Juni 2013 verhindert werden können? Um diese Frage ist eine hitzige Debatte ausgebrochen. Jetzt meldet sich ein wahrer Fachmann zu Wort:

Das Hochwasser im Juni 2013 hat Freilassing hart getroffen. Seitdem wird über mögliche Sofortmaßnahmen im Hochwasserschutz diskutiert. Die Diskussion hat im Wahlkampf noch mehr an Fahrt aufgenommen. Auslöser war eine Pressemitteilung der Freilassinger Feuerwehr am 3. März, in der sich die Rettungskräfte klar für einen stationären Hochwasserschutz aussprechen.

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Dem widerspricht nun Dipl.-Ing Hanns-Jürgen Warm von der SSU Mobiler Hochwasserschutz GmbH in Freilassing: "Ohne im Detail über den Einsatzvorgang Kenntnis zu haben, wird das mobile Hochwasserschutzsystem von der Feuerwehr Freilassing in der Pressemitteilung völlig falsch beschrieben und äußerst negativ dargestellt. Die Mitteilung enthält nicht nur falsche Behauptungen sondern ist auch massiv geschäftsschädigend, weshalb wir rechtliche Schritte gegen den Feuerwehrkommandanten einleiten werden", so Warm.

Warm ist überzeugt, dass sein mobiles Hochwasserschutzsystem - das er der Stadt bisher noch nie angeboten hat - im Juni 2013 dem Hochwasser bestens standgehalten und eine Reihe von Wohngebieten sicher vor Überschwemmungen bewahrt hätte. "Im Bereich des Heidewegs in Freilassing hätte unser Deich bei einer Verbauung der Unterführung an der B20 mit einer Stauhöhe von z.B. 1,20 Meter den dort fließenden Wassermassen wohl locker standgehalten", so Warm.

Heiß diskutiert wird in Freilassing auch die Frage, ob das Hochwasser hätte verhindert werden können und wenn ja, wem dann die Schuld träfe. Dipl.-Ing Warm sagt diesbezüglich ganz klar "Ja". Als ausgewiesener Sachverständiger habe er bereits in den Jahren vor dem Hochwasser auf die Gefahren hingewiesen. Und bei der Schuldfrage findet Warm auch eine eindeutige Antwort:

Stellungnahme zum Hochwasserereignis am 2. Juni 2013 in Freilassing:

Aufgrund der in letzter Zeit immer stärker aufkommenden Diskussion zum Hochwasserschutz in Freilassing, unter Verweis auf mein Ingenieurbüro und meine Hochwasserschutzfirma, sehe ich mich veranlasst einmal einige Dinge richtigzustellen.

Das Ingenieurbüro Warm Engineering in Freilassing hat im Rahmen eines Forschungsprojektes des Bundesministeriums für Umwelt (BMU) durch das Umweltbundesamt (UBA) im Herbst 2003 einen großen Forschungsauftrag zur Erforschung der Entstehung von und Auswirkung durch Umweltgefahren wie Hochwasser und Erdbeben sowie der Ermittlung von Systemen und Organisationen zur Verhinderung oder Minderung der Einwirkung auf zu schützende Objekte und Areale erhalten. Auslöser des Forschungsprojektes war das Hochwasserereignis vom August 2002 an der Elbe. Warm Engineering gewann für sein Forschungsteam u. a. zwei der renommiertesten Universitätsprofessoren, so z.B. für den Bereich Hochwasser den anerkannt besten Experten, Herrn Prof. Dr. B. Bernhard von der Technischen Universität Karlsruhe (KIT).

Der Forschungsbericht mit über 700 Seiten wurde vom UBA im Oktober 2007 ins Internet gestellt und ist frei zugänglich. Darin werden die Methoden der Vorausermittlung von Hochwasserereignissen und deren Einwirkungen auf betroffene Gebiete mit Hilfe von komplexen bewährten Rechenmodellen dargelegt sowie die Einrichtungen und Organisationen von Pegelmess- und Warnsystemen beschrieben. Diese Methoden wurden zwischenzeitlich in vielen überschwemmungsgefährdeten Gebieten (WHG) mit Erfolg angewandt. Ebenfalls wurde die Forderung nach einer adäquaten Kartographierung von überschwemmungsgefährdeten Gebieten in vielen Bundesländern umgesetzt. Darüber hinaus enthält der Anhang des Berichtes einen Muster-Alarm- und Gefahrenabwehrplan Hochwasser u. a. basierend auf den jahrzehntelangen Erfahrungen des Weltkonzerns Bayer AG. Das Vorhalten und die Erprobung eines tauglichen Alarm- und Gefahrenabwehrplanes gehört per Gesetz zu den Aufgaben der Überwachungsbehörde z. B. eines Landratsamtes.

Gemäß der gesetzlichen Anforderung war die Umsetzung hinsichtlich einer Kartographierung für Überschwemmungsgebiete in Form von Hochwasser- bzw. Gefahren- oder Risikoarten nach dem §§74 sowie 76 – 78 WHG bis zum Ende des Jahres 2013 (auch für Bayern) umzusetzen.

Den Forderungen des Berichtes nach weiteren Untersuchungen sowie der Ausarbeitung von Regelwerken ist die KAS beim BMU zwischenseitlich nachgekommen. Ein entsprechendes Regelwerk TRAS 310 „Vorkehrungen und Maßnahmen wegen der Gefahrenquellen Niederschläge und Hochwasser“ wurde vom BMU im Dezember 2011 im Bundesanzeiger veröffentlicht und die Grundlagenermittlung zur TRAS 310 von meinem Kollegen Prof. Dr. Köppke vorgenommen und im April 2012 veröffentlicht. Diese Dokumente sind frei verfügbar im Internet für jedermann.

Bei einer Umsetzung der Empfehlungen aus dem Forschungsbericht, als da wären die Berücksichtigung der verfügbaren Großwetterprognosen des DWD, ein funktionierendes Pegelmess- und Alarmsystem übergreifend weit nach Österreich hinein, eine Berechnung der Retentionsmöglichkeiten der Saalach unter Einbeziehung des Saalachstausees, Kontrolle des Flussbettes mit Maßnahmen der Ausbaggerung sowie die Errichtung von Deichsystemen unter Berücksichtigung der Grundwasserströme und Installation weiterer Hochwasserabwehrsysteme auf der Basis einer Vorausberechnung, wäre das einschneidende Hochwasserereignis in Freilassing mit großer Wahrscheinlichkeit ausgeblieben. Wenn Bürgermeister Flatscher deswegen jemanden verklagen möchte, dann müsste er eben das Bundesministerium für Umwelt verklagen

Der Forschungsbericht war i. Ü. der Beitrag Deutschlands zur SEVILLA-Hoch-wasserschutzkonferenz der EU. Bayern nahm nicht am Forschungsprojekt teil, weil man keine Notwendigkeit sah. Gleichwohl sandte man mehrmals einen Abgeordneten in unsere Besprechungen mit dem Forschungsbegleitkreis bestehend aus Vertretern von Industrie und Wissenschaft sowie staatlichen Institutionen.

Übrigens wurde im Forschungsbericht darauf hingewiesen statt eines HQ 100 künftig ein HQ 300 bei der Bemessung von Deichen zu berücksichtigen. Das würde im Raum Oberbayern generell eine Deicherhöhung um mindestens 1 m bedeuten. Im Ausland, z. B. in Österreich / Vorarlberg, wird auf dieser Basis bereits geplant.

Es muss in Bezug auf das Hochwasserereignis vom Juni 2013 in Freilassing festgestellt werden, dass wesentliche Ursachen bei Versäumnissen des Freistaates Bayern, des Landratsamtes und des Wasserwirtschaftsamtes zu suchen sind. Es wäre unfair die hauptsächliche Schuld am Bürgermeister Freilassings festzumachen. Dieser war der Letzte in einer langen Versagenskette. Wie er selbst ausführte, konnte er das alles nicht wissen und das Hochwasserereignis nicht voraussehen. Allerdings hätte er auch mal fragen können.

Dipl.-Ing Hanns-Jürgen Warm

Sachverständiger nach § 29 a BImSchG

Warm Engineering, Freilassing

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