Rückblick auf die 21-jährige Amtszeit des ehemaligen Freilassinger Bürgermeisters

Josef Flatscher, ein (Bürger-) Meister der Krisenbewältigung

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Flatscher holte immer wieder Salzburger Firmen nach Freilassing, wie hier die Salzburg Wohnbau, die ihren bayerischen Ableger in Freilassing ansiedelte.

Freilassing - „Krisen säumten seinen Weg“, so könnte man die 21-jährige Amtszeit von Alt-Bürgermeister Josef Flatscher zusammenfassen.

Auch er selbst erinnert sich im letzten großen Interview als Bürgermeister mit BGLand24 an zahlreiche krisenhafte Situationen, beginnend mit einem „Deutschlandweit bekannten Rechtsextremen“, der in Freilassing wohnte und zahlreiche Gleichgesinnte anzog über die Hochwasserkatastrophe 2013, der Fluchtbewegung 2015 bis zur aktuellen Corona-Krise. „Am Ende bleiben aber doch die unzähligen, schönen Erinnerungen an das Bürgermeisteramt hängen“.


Im Mai 1999 begann die Amtszeit von Josef Flatscher, bereits ein Jahr später wurde die Stadt von bayernweit bekannten Neonazi als Ort einer großen Demo auserkoren, Hintergrund war auch der damalige EU-Boykott gegen Österreich wegen der ersten Schwarz-Blauen-Bundesregierung. Die Gerichte hatten die Demo in letzter Minute verboten, „ein Großaufgebot an Polizei wie danach nie wieder war in der Stadt um das Demoverbot durchzusetzen“, so Flatscher. Der jetzige Münchner Polizeipräsident Hubertus Andrä sei damals der Einsatzleiter gewesen. „Es wurde sogar ein Zug aus München kommend angehalten und die Demoteilnehmer mit dem nächsten Zug wieder zurück geschickt“.

Es folgte die Herausforderung mit tausenden russischen Spätaussiedlern, die bis 2005 auch nach Freilassing strömten. „Der damalige Innenminister Günther Beckstein war in Freilassing, danach wurden wir in das Bundesprojekt ‚Soziale Stadt‘ aufgenommen“, ohne die gravierenden, sozialen Probleme wäre eine Kleinstadt wie Freilassing nie in dieses Förderprogramm gekommen.


„Ich war in jedem überschwemmten Keller“, Flatscher zum Jahrhundert-Hochwasser

Während sich Flatscher bei vielen Krisen nicht mehr genau an das Datum des Beginns erinnert ist das beim Jahrhundert-Hochwasser anders, „das war der 2. Juli 2013, ein Sonntag, ein rabenschwarzer Tag, so etwas vergisst man nie wieder“.

Nach dem Jahrhunderthochwasser 2013 war Flatscher bei jedem Ansteigen des Saalach-Pegels wie hier im Juli 2014 sofort beim Kraftwerk Rott, hier mit Salzburg-AG Kraftwerksleiter Franz Zillner.

Er sei am Morgen noch mit dem Hund unterwegs gewesen, „als ich gegen 6.45 Uhr zurückkam sagte meine Frau schon, die Feuerwehr hätte angerufen und ‚Land unter‘ gemeldet. Ich bin dann sofort in die Stadt gefahren und erst gegen Mitternacht wieder nach Hause gekommen“.

Der Blick vom Hubschrauber des Umweltministers aus auf die zum Teil im Hochwasser untergegangenen Stadtteile sei erdrückend gewesen, in die Soforthilfe und Bekämpfung des Wassers sei er selbst entscheidend involviert gewesen, im Vergleich zu anderen Krisen, die noch kommen sollten. Auch die Entscheidungen danach waren nicht einfach, zum Beispiel die Frage, soll das eben sanierte Bad abgerissen oder instandgesetzt werden.

Freilassing als Brennpunkt der Flüchtlingsbewegung

Keine unmittelbaren Entscheidungen konnte Flatscher im Herbst 2015 treffen, als immer mehr Flüchtlinge nach dem Stopp des Grenzüberschreitenden Bahnverkehrs am Sonntag, den 13. September 2015 im Salzburger Hauptbahnhof strandeten und sich einige Tage später in Richtung Saalbrücke aufmachten. „Am Samstag sind meine Familie und ich vom Urlaub aus Bibione zurückgekommen und haben im Fernsehen noch die Willkommensstimmung am Münchner Hauptbahnhof gesehen“.

Am nächsten Tag habe die Bundesregierung entschieden, die Grenzen zu kontrollieren, erst nach einigen Tagen hatten sich Deutschland und Österreich darauf geeinigt, auch an der Saalbrücke 50 Personen pro Stunde kontrolliert einreisen zu lassen, sie warteten dann in einem ehemaligen Möbellager auf die Weiterreise in das Bundesgebiet.

Als Macher zeigte sich Flatscher auch bei der Fluchtbewegung, hier an der Saalbrücke mit Bayerns Innenminister Joachim Herrmann.

Im Stadtgebiet selbst merkte man von den zigtausenden Flüchtlingen wenig, die mit Bussen von der Saalbrücke in das Transitlager und später zum Bahnhof gebracht wurden, trotzdem war Flatscher an vorderster Front einer Delegation bei Bundeskanzlerin Angela Merkel, „wir sind nicht im Dornröschenschlaf“ soll Merkel damals zu den Bürgermeistern und Landräten aus der Grenzregion gesagt haben, sollte heißen, wir bemühen uns.

Flatscher selbst ist im Gegensatz zu anderen CSU-Politikern nie mit Angstparolen aufgefallen, an der Saalbrücke besuchte er immer wieder die Bundespolizisten, aber auch den persönlichen Kontakt mit Schutzsuchenden Männern, Frauen und Kindern scheute er nicht, auch wieder anders als andere Politiker, die zwar an Flüchtlings-Hotspots waren aber tunlichst Abstand hielten. Dass Merkel damals nicht nach Freilassing kam um sich selbst ein Bild von der Situation zu machen nimmt er ihr aber heute noch übel.

Salzburg sieht „Kriegserklärung“

Krisen gab es auch immer wieder mit der großen Nachbarstadt Salzburg, die den Fluglärm über Freilassing und das bayerische Bemühen diesen zu reduzieren gekonnt seit Jahrzehnten verhindert. Ein angekündigtes Flugverbot des damaligen Verkehrsministers Peter Ramsauer im Dezember 2013 wurde von der Salzburger Seite prompt als „Kriegserklärung“ bezeichnet, die politischen Beziehungen kühlten merklich ab.

Im Rahmen der ersten Immobilientage 2014 traf Flatscher nicht nur Parteifreund Peter Ramsauer, sondern auch den Bauunternehmer Max Aicher, die Beziehung Flatscher-Aicher entwickelte sich zunehmend „kompliziert“.

Kurz darauf stellte der damalige Salzburger Bürgermeister Heinz Schaden die Buslinie 24 von Salzburg nach Freilassing ein, offiziell wegen eines Rechtsrisikos bei Verträgen. „Dabei hatte ich mich auch mit Schaden vor dieser Sache immer gut verstanden“, nach seinem Rückzug wegen der SWAP-Affäre sei das Verhältnis mit Nachfolger Harry Preuner, aber auch mit Verkehrslandesrat Stefan Schnöll und Landeshauptmann Wilfried Haslauer sehr gut gewesen, im Übrigen allesamt Parteifreunde.

Nach der politischen Durststrecke mit Bürgermeister Heinz Schaden war das Verhältnis mit dem neuen Salzburger Bürgermeister Harry Preuner von Anfang an freundschaftlich, gegenseitige Einladungen nach Salzburg und Freilassing folgten.

Dass beim Thema Fluglärm oder neue Salzachbrücke jedes Land nur seine Seite sehe liege in der Natur der Sache, „aber die Augenhöhe der Salzburger mit den Bayern ist dank der EuRegio schon stark fortgeschritten, aber eben noch nicht am Ende“. Das Thema Fluglärm sieht Flatscher jetzt in der Corona-Krise pragmatisch, „ehrlich gesagt freue ich mich in der derzeitigen Situation wenn überhaupt wieder Flieger über uns sind, und ehrlich gesagt haben Teile von Salzburg genauso viel Lärm wie wir“.

hud

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